Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228314--55192-3291372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
63. Jahrgang. Ar. 2. Lerlin. 13. Januar 1899. Wertcrge zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 4. Januar. Die heutige Abendsitzung der Repräsentanten-Versammlung bot schon in ihrem Aeußeren ein verändertes Bild. Der Gesammtvorstand und sämmtliche Mitglieder des Repräsentantenkollegiums (außer den Herren Professoren Lewin und Baginsky) waren in Frack und weißer Binde erschienen, um dem feierlichen Akte der Vereidigung der wieder- und neugewählten Gemeindevertreter und deren Stellvertreter, die sich bis auf die Herren Professor Landau und Berthold Israel vollzählig eingefunden hatten, beizuwohnen. Punkt 7 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Justizrath Meyer, die Sitzung. Nachdem er darauf hingewiesen, daß noch am 26. Dezember ein Protest gegen die Giltigkeit der Wahl erhoben worden sei, der aber mit dankenswertherSchnelligkeit vom Polizeipräsidium zurückgewiesen wurde, widmete er herzliche Worte der Anerkennung den ausgeschiedenen Mitgliedern. Die Bolksgunst wechsele schnell, aber nicht dieser Anerkennung wegen dürfe das Amt übernommen werden. Die höchste Belohnung müsse in dem Bewußtsein liegen, für die Gesammtheit gewirkt zu haben. Der Rückblick auf die vergangenen drei Jahre, so führte der Redner etwa im Folgenden aus, sei nicht unbefriedigend. Trotzdem die Ansichten der Majorität der Repräsentanten in vielen Fällen nicht mit denen der Mehrheit im Vorstand übereingestimmt hätten, sei das Zeugniß über die beiderseitige Wirksamkeit kein ganz ungünstiges. Dem Vorstand, glaube er, sei es gelungen, auf ruhiger Bahn die Verwaltung durchzuführen. Seine Hoffnung sei dahin gerichtet, daß, wenn auch die Gegensätze vielleicht noch stärker aufeinanderprallen werden, der Wunsch nach wirklichem Frieden von allen Mitgliedern der Versammlung aufrecht erhalten werde. Die Aufgaben, die der Repräsentanten in der neuen Aera harrten, seien gar keine geringen. Länger als vier Jahre arbeite man bereits daran, einen für die Gemeinde geeigneten Rabbiner zu finden, und befinde sich augenblicklich in einem Nothstand. Die verlangte größere Zahl von Predigten, deren Werth mit Recht in unserer Zeit so stark betont werde, und die geforderte besondere Sorgfalt für die Jugendgottesdienste seien nur fromme Wünsche, so lange man keine Kräfte zur Erfüllung der gestellten Ansprüche habe. Zur Entscheidung dieser wie vieler anderer Fragen seien Männer von Selbstachtung nöthig, die in sich gefestigt, in sich stark seien. An die Repräsentantenstellvertreter richtet der Vorsitzende die Bitte, sich dauernd mit der Verwaltung in Verbindung zu halten, um, sobald ein Wechsel eintrete, nicht ganz unbewandert das Amt übernehmen zu müssen. Darauf findet die Vereidigung der neu- und wiedergewählten Gemeindevertreter mittelst Handschlag statt. Alsdann übernimmt der Alterspräsident, Herr Loewenberg, den Vorsitz, um die Neuwahl des Büreaus zu leiten. Es wurden in geheimer Abstimmung gewählt: Zum Vorsitzenden Herr Louis Sachs mit 10 von 19 Stimmen (9 Stimmen erhielt Herr Justizrath Apolant); zum ersten Stellvertreter Herr Justizrath Apolant (mit 18 Stimmen) und zum zweiten Stellvertreter Herr G. Loewenberg (mit 16 Stimmen); zum ersten Schriftführer Herr Professor Dr. Blafchke (mit 17 Stimmen) und zum zweiten Schriftführer Herr Albert Philipp Meyer (mit 16 Stimmen). Die Wahl wurde von allen Kandidaten angenommen. Nach Uebernahme des Vorsitzes führte Herr Louis Sachs aus, daß er sich bewußt sei, mit dem neuen Amte neue Verpflichtungen und neue Verantwortlichkeiten auf sich zu laden. Er übernehme das Amt, weil er der Meinung sei, daß jeder unabhängige Mensch, der irgend eine Stelle auszufüllen berufen werde, verpflichtet sei, den Versuch zu machen, ob er die Bürde des Amtes tragen könne. Er werde sich bestreben, sein Amt mit derselben Unparteilichkeit zu führen, die sein verehrter Freund und Vorgänger ausgeübt hätte, und erbitte hierzu die Unterstützung Aller. Abgesehen von der Frage der Rabbinerwahl, werden Fragen von schwerwiegender Bedeutung an die Versammlung herantreten, Fragen, die sich über das Niveau der gewöhnlichen Berwaltungsangelegenheiten bedeutend erheben. Die Versammlung werde sich bestreben müssen, mit derjenigen Objektivität zu verfahren, welche walten müsse in dem Sinne, daß sie allen Parteien, allen Mitgliedern der großen Gemeinde gleichmäßig dienen könne, daß sie gleiches Licht und gleichen Schatten auf Alle werfen müsse. Das müsse das Gepräge der Versammlung sein, in diesem Sinne müsse sie zu Werke gehen, die Wünsche der Einen zu vereinigen mit den gerechten Anforderungen der Anderen, das Eine zu erstreben zu suchen, ohne die Gefühle der Anderen zu verletzen. Er bitte die Repräsentanten der neuen Versammlung und den Vorstand, den neuen Männern dasselbe Wohlwollen entgegenzubringen wie den älteren Mitgliedern, er hoffe, daß dann der Segen nicht ausbleiben werde, daß die Arbeit von Erfolg sein werde nicht für den Einen, sondern für Alle. — Vor der Wahl der Schriftführer macht Herr Justizrath Apolant darauf aufmerksam, daß die neue Geschäftsordnung, die hoffentlich in diesem Jahre fertig würde, es vorsehe, daß die Schriftführer entweder aus der Zahl der Mitglieder der Versammlung oder aus der Zahl der besoldeten Gemeindebeamten gewählt werden können. Es sei wiederholt über die lapidare Kürze der Protokolle geklagt worden, obwohl es bisweilen wünschenswerth sei, daß man aus. dem Protokoll etwas Näheres über den Verlauf einer Sitzung erfahre. Bei der Beschlußfassung über die neue Geschäftsordnung werde man sich über diesen neuen Modus, der in sachlicher Beziehung nicht ganz ohne Bedeutung sei, schlüssig machen müssen. — Auf die an die Gemeinde ergangene Einladung zur Theilnahme an der Feier der eisernen Hochzeit des Fließ'schen Ehepaares in der Synagoge Ahawas Scholaum werden die Herren Louis Sachs und Maurermeister Joseph Fränkel von der Versammlung deputirt. — Die Wahl der drei ständigen Ausschüsse wird auf die nächste Sitzung vertagt. Hiermit ist die Tagesordnung erledigt. 22 Berlin, 9. Januar. Am 3. d. M. sprach im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur vor einem dichtgedrängten und auserlesenen Publikum der rühmlichst bekannte Professor Dr. Ludwig Stein aus Bern über den religiösen Optimismus. Der Vortrag war von Philosophischer Tiefe und doch von durchsichtiger Klarheit, voll von geistvollen Ideen und neuen, überraschenden Gedanken, von tiefem Einblick in das Wesen der Religion an sich, in den Geist des Judenthums im Besonderen, und endlich von inniger Liebe zu unserem Glauben durchglüht — also in jedem Betracht eine glänzende und meisterhafte Leistung! Aus dem festen Gefüge eines solchen Vortrages ist nur schwer ein Auszug zu geben. Wir begnügen uns daher, die Grundgedanken und Hauptgesichtspunkte hervorzuheben, in der Ueberzeugung, daß die ausgezeichnete Arbeit doch bald einmal durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden wird. Die vier Punkte, die der Redner besonders scharf hervorhob, sind: 1. Es giebt nur zwei Weltreligionen großen Stils, die in Frage kommen können: Brahmanismus bezw. Buddhismus und Mosaismus; ersterer ist eine Religion des Todes, letzterer aber des Lebens. 2. Der sogenannte Optimismus kann nur als religiöser bestehen, weil er auf dem Untergründe des Gefühls ruht; dieses aber ist eine inkommensurable, allen Experimente der Wissenschaft spottende Größe. Daher kann man eigentlich auch nur von einem religiösen Optimismus sprechen. Dieser ist in erster Reihe Sache des Rasseninstinkts. Die Juden haben aber solche optimistischen Rasseninstinkte: ein sicherer Beweis dafür ist: 3. der Messianismus. Hier wandte sich der Redner gegen Lesstng und Schopenhauer, die von verschiedenen Gesichtspunkten ' aus das Judenthum deshalb niedriger bewerthen. Das Judenthum ist keine Diesseitigkeitsreligion, wie Lessing meint, sondern ebenfalls Jenseitigkeitsreligion. Nur ziele es in erster Reihe nicht auf örtliche Jenseitigkeit ab (Scheol, Ganeden, Gehinom spielen nur eine geringe Rolle), sondern vielmehr auf zeitliche Jenseitigkeit. Das ist aber der Messianismus. Es huldige somit ganz