Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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24 ahntest Dn nicht? Unglücklicher, Edom wird Israels Knecht bleiben, und Naemi wird Deine Arme fliehen!" * Der Rottenführer schien einen Augenblick durch das Gewicht dieser Nachrichten gänzlich niedergedrückt. Aber dann erhob er das Haupt von Neuem, sein Auge leuchtete, die Energie seines Charakters hatte ihn noch nicht verlassen. „Mag alles werden, wie Du hoffst," sagte er mit bitterem Lachen. „Eines aber wird Dir nie gelingen: nie wird Nasmi Deinen blutbefleckten Thron besteigen! Ewig wird sie Dich verabscheuen, und der Tod wird ihre Qual lösen!" „Thor! Sie wird eine glühendere Empfindung für mich haben als für Salomos alternde Kraft. Sie ist ein unbeständig Mädchen, sie wird Salomo vergeffen, so gut, als sie Dich vergast!" „In diesem Glauben frohlockest Du!" sagte Reson nun mit starrer Kälte. „Doch Dein Auge ist nicht geöffnet, um Nasmis Seele zu erkennen. Höre, Hebräer, sie ist schwach, denn sie ist ein Mädchen, sie liebt mit hoher, mächtiger Leidenschaft, denn sie liebt zum ersten Male, sie ist auf dem Thron geboren, und ein König liebt sieaber ihre Seele wird diese Leidenschaft bis zum Tode wahren, sie wird Dich nie lieben, wie sie mich nie geliebt hat!" Der Rottenführer wandte sich ab. Aber der Hebräer fühlte sich erschüttert durch die Bitterkeit, welche in Resons Worten lag, und schwieg. „Noch ein Wort, Hebräer!" rief Reson mit Anstrengung, „was ward aus dem unglücklichen Weibe, welches sammt mir zu Gethsemane gefangen wurde?" „Zu Gethsemane wurde diese Frau gefangen, die mir Ahija verborgen hält?" fragte Jerobeam, in besten Gedächtnitz eine Erinnerung aufstieg. „Edoms unglücklichste Tochter! Sie harrte ihres verlorenen Kindes, und sie fand es nicht!" „Ihres verlorenen Kindes?" unterbrach Jerobeam den Edomiter stürmisch. „Und deswegen wurde sie gefangen?" „Die Erinnerung jener Nacht ist verwirrt vor meinem Gedächtniß, frage den Propheten! Auf ihn lud sie eine schwere, fürchterliche Anklage, sie forderte von ihm ihr Kind!" Jerobeam fuhr mit einem Ausruf zurück, als entsetze er sich vor einer plötzlichen, schrecklichen Enthüllung. Dann sprach er rasch die Worte: „Ich will um ihr Schicksal fragen!" und eilte fort. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Dorfbewohner. Bilder aus dem Leben von Bernstein-Sawersky. (Fortsetzung.) eil Babette keine Lust hatte, zu heirathen, wie sie zu behaupten pflegt, ist sie zu ihren Verwandten in Stellung gegangen. Diese brauchen Jemand zu Haufe, denn Isidor Saatfelder und ebenso seine Frau Mathilde, geborene Dreifuß, gehen fast jeden Tag über Land. Mathilde Saalfelder ist eine kleine Frau, sehr fleißig, sehr fromm und dumm und gut, sie trägt noch nach Art der Judenfrauen einen Scheitel; sonst geht sie ziemlich arm gekleidet. Wenn sie auf den Handel will und das Dorf verläßt, trägt sie meistens eine Kiepe, aus der die Maaren und ein Holzmetermaß sehen. Da man Ellen nicht mehr in Deutschland führen darf, die Bauern sich aber auf Meter und Centimeter noch nicht verstehen, so hat sie einen leisen Einschnitt nach dem 56. Centimeter gemacht, nur ein feines Auge kann diesen Einschnitt bemerken. Auf dem Dorfe sagen die Leute gewöhnlich: „Da kommt die Frau vom Juden", oder „die Judeufrau kommt", oder „da kommt die Judentild" — sie handeln übrigens gern mit ihr. Von ihren: Mann sagt man, wenn er mit seinem blauen Bündel auf dem Rücken anmarschiert kommt oder mit einem Stück Vieh an der Leine, das er gekauft hat oder verkaufen will, „da kommt der Isidor". Isidor nennt man ihn eigentlich selten, „da kommt der Jud", sagt man mehr oder auch „der Jüd". — „Jüd" klingt eigentlich beleidigend, aber die Leute wollen ihn nicht beleidigen, sie haben den alten graubärtigen Mann, welcher nichts Unrechtes wollte — „der leben will und leben läßt", wie sie häufig von ihm zu sagen pflegen — gern. Wenn sie sich mit ihm nnterhalten, ahmen fie, ohne zu wollen, seinen Dialekt nach — das macht sich in der gezwungenen Art sehr komisch. Saalfelder hat in seinem Aussehen etwas Biblisches. Er ist ziemlich groß, ein grauer, langer Bart fließt ihm ehrwürdig zur Brust herab, seine Nase ist gebogen. 'Saalfelder hat zwei Kinder, einen Sohn, welcher sich in der nächsten Stadt Z... in der Lehre befindet, und eine Tochter. In der dritten Woche, die ich mich in Trudelheim aufhielt, kam der Sohn nach Hause. Joseph hatte Urlaub, da jüdische Feiertage vor der Thür waren — das Weihefest oder Chanukah begann. Er war in einem jüdischen Geschäft, sonst hätte er gewiß jetzt nicht reisen dürfen, denn Chanukah ist kein Hauptfest der Juden. Es ist aber ein schönes Fest. Das Weihefest fiel damals mit Beginn des Ruhetages zusammen, also auf Freitag Abend. Freitag früh ging der alte Saalfelder und dessen Frau erst noch einmal auf den Handel — sie blieben bis zwei Uhr Mittags aus. Der Vater Josephs wollte noch einen Kuhhandel zwischen dem Viehhändler Isaak Rosenherz, dem größten Viehhändler der Umgegend — er hatte oft zweihundert Stück in seinem Stalle stehen — und dem geizigen Bauern Martert vermitteln, er verdiente vielleicht 20 Mark dabei; die Mutter wollte noch an die Volkers Anne ein Brautbett zur baldigen Hochzeit mit dem Drechsler Georg Wolter aus Trippersdorf verkaufen. Sie mußte die Braut noch vor den Feiertagen besuchen, damit ihr nicht der alte „Frum" zuvor kam; der suchte ihr immer das Geschäft vor der Nase wegzuschnappen. Während dieser Zeit säuberte eine Scheuerfrau aus dem Dorfe, die Schlapphanne, auf welche man diesen Spitznamen von der Mutter, die ein großes Ferkel gewesen sein sollte, übertragen hatte — sie selbst war sehr reinlich —, unter Aufsicht der Babette das Haus von oben bis unten. Sie scheuerte den Fußboden, wusch die Treppe mit einem Wollenlappen und schwarzer Schmierseife, dann das Geländer, die Stühle im Zimmer und in der Küche, das von der Zeit angefreffene und von Würmern durchbohrte Fenstergesims, die zwei Tische im Wohnzimmer und die Holzbank, welche das Sopha ersetzte, ab. Mit Scheuerkraut, das sie sich im Sommer gesucht hatte, reinigte sie in der Küche die Blechgeschirre, mit weißem Sand rieb sie Mesier und Gabel ab, fegte die Spinnweben von den Decken — kurzum, es war eine Arbeit, bei der man glauben mußte, das Haus würde auf den Kopf gestellt. Babette beaufsichtigte die Arbeit und meinte manchmal, indem sie mit dem Ellenbogen unter ihre lange Nase fuhr, dies da oder dies da müßte noch sauberer werden. Die Schlapphanne strengte sich dann noch um so mehr an. Sie erhielt als Lohn eine Mark und freies Essen. Wenn sie Sonnabend früh Feuer anzünden mußte, was doch ein frommer Jude nicht thut, bekam sie noch ein Erbsen- oder ein Linsengericht, mitunter auch ein Kochet Kraut für den Haushalt drein. Damit war sie sehr zufrieden. (Schluß folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.