Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 besonders dem Evolutionsprinzip. Der Mosaismus ist ein religiöses System deS optimistischen Evolutionismus. 4. Geschichte. Der Philosoph H. Lotze sagt, die Hebräer haben die Geschichte als Problem entdeckt. Gemeint ist damit, daß die Juden zuerst a) den Gedanken der Menschheit, b) den Plan, Sinn und Zusammenhang in der Geschichte der Menschheit entdeckt haben; sie begründen dadurch in alter Zeit schon eine Geschichtsphilosophie. Nun entsteht aber die Frage: giebt ihnen ihre eigene Geschichte darin Recht? Ist diese dazu angethan, ihre optimistischen Instinkte zu rechtfertigen? Die Antwort des Redners war ein freudiges Ja, denn die gesammte Geschichte verläuft nicht im cyklischen Rhythmus, ihr Symbol ist nicht der Kreis, wie Schopenhauer annimmt, sondern vielmehr die Spirale, wie schon Leibniz treffend bemerkt hat. Wir sind leider gegenwärtig in den rückläufigen Bewegungsrhythmus gerathen; aber die Spirale beugt sich nur, um wieder hoch zu steigen. Die Bilanz des Jahrhunderts schließt für uns doch mit einem intellektuellen Ueberschuß ab. Wenn man schon in China die Mauern schleift, wird man keine neuen Ghettomauern in den Kulturländern Europas mehr errichten, und wenn selbst: die seelischen Ghettomauern find endgiltig und für immer gefallen. Mit diesem trostvollen Gedanken schloß der hochinteressante Bortrag, der mit stürmischem Beifall ausgenommen wurde. *** Berlin, 9. Januar. Am 7. d. Mts. fand in den Räumen der jüdischen Lesehalle die diesjährige ordentliche Generalversammlung des Vereins „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" statt. Der Vorsitzende, Herr Kommerzienrath Julias Jsaac, erstattet Bericht über die Thätigkeit des Vereins im abgelaufenen Geschäftsjahr und widmet einen warmen Nachruf dem im vorigen Jahre verstorbenen Vorstandsmitglied Herrn Adolph Ginsberg, dessen Erben zum Andenken an den Hingeschiedenen dem Verein die Summe von 3000 Mk. überwiesen haben. Die Versammlung ehrt das Andenken dieses Mannes durch Erheben von den Plätzen. Hierauf verliest der Vorsitzende den Bericht über die Bibliothekrevifion. Wie aus dem Bericht zu ersehen ist, wird die Bibliothek auch außerhalb der Leseräume von durchschnittlich über 200 Personen fleißig benutzt; die Zahl der ausliegenden Zeitungen beträgt 48, und besteht die Bibliothek augenblicklich aus 2514 Bänden. Es folgt alsdann die Vorlesung des von den Herren Maximilian Heimann und Dr. Max Ginsberg gegebenen Kassenberichts sowie die Entlastung für den Schatzmeister des Vereins, Herrn Benas Levy. Der Antrag, die Lesehalle auch Abends geöffnet zu halten, ruft eine lebhafte Debatte hervor, indeß wird einem Antrag des. Herrn Heinrich Fränkeli zufolge beschlossen, die Lesehalle versuchsweise in den Wintermonaten an den Sonnabenden von 7 bis 10 Uhr Abends offen zu halten. Der Antrag des Herrn Dr. Heinrich Meyer Cohn, die Doubletten der jüdischen Bibliothek in Jerusalem zu überweisen, wird nebst einigen anderen diesbezüglichen Anträgen dem Vorstand zur Prüfung resp. Ausführung überwiesen. Sämmtliche Herren des Vorstandes sowie die Revisoren werden per Akklamation wiedergewählt. L2 Berlin, 8. Januar. Unserem verehrten Sanitätsrath Dr. Neumann, dem Senior der Berliner Stadtverordneten, wurden am 6. d. Mts. aus Anlaß feines 40jährigen Stadtverordnetenjubiläums zahlreiche Ehrungen und Beglückwünschungen der städtischen Behörden, seiner jetzigen und früheren Kollegen in der Stadtverordnetenversammlung zu Theil. Der Magistrat ließ dem Jubilar durch die Stadträthe Marggraff und Dr. Weigert in seiner Wohnung, Kurfürstenstraße 126, eine prachtvoll ausgestattete Adresse überreichen, die Stadtrath Marggraff zur Verlesung brachte und noch mündlich die Glückwünsche des Magistrats hinzufügte. Bon der Stadtverordnetenversammlung erschienen Mittags die beiden Vorsteher Dr. Langerhans und Michelet mit dem ersten Beisitzer Seibert, um dem Jubilar gleichfalls eine prachtvoll ausgestattete Adresse des Stadtverordnetenkollegiums, die der Vorsteher Dr. Langerhans verlas, zu überreichen. Dieselbe hat folgenden Wortlaut: „Berlin, den 6. Januar 1899. Hochverehrter Herr Kollege! Der Stadtverordnetenversammlung ist es vergönnt, heute die Wiederkehr desjenigen Tages zu feiern, an dem Sie vor vierzig Jahren durch das Vertrauen Ihrer Mitbürger in das Amt eines Stadtverordneten berufen wurden. Das ist ein Ereigniß, welches sich seit Bestehen der Stadtverordnetenversammlung nur noch einmal begeben und in seiner Seltenheit uns die willkommene Gelegenheit bietet, mit der freudigsten und herzlichsten Begrüßung eine gerechte Würdigung Ihrer bleibenden Verdienste für das öffentliche Wohl und unser Gemeinwesen vornehmen zu dürfen. Ausgerüstet mit dem seltensten Fleiß, mit der Fähigkeit einer scharfen Durchdringung des Stoffes, mit der abgeklärten, auf Erkenntniß und Erfahrung beruhenden Lebensauffassung, mit einem eminenten Gerechtigkeitsgefühl, find Sie in diesen vierzig Jahren in nie wankender Ueberzeugungstreue, Festigkeit und der Ihnen eigenen Sachlichkeit und Schlichtheit für das Gedeihen unserer Stadt, für das Wohl Ihrer Mitbürger und die Rechte der Selbstverwaltung oft in heißem Ringen eingetreten. Jedes Feld des kommunalen Lebens seit diesen vierzig Jahren ist durchzogen von den Furchen Ihres Geistes und Ihrer Willenskraft. Keine Frage des öffentlichen Lebens, keine Aufgabe der kommunalen Selbstverwaltung ist während dieser Zeit erörtert und entschieden worden, ohne daß Sie als Berather der Versammlung im freiheitlichen Geiste Ihren berechtigten Einfluß ausgeübt hätten". In der Adresse werden sodann weiter die Verdienste des Jubilars im Einzelnen aufgeführt, und dieselbe schließt: „In dem Stolz, der uns erfüllt. Sie' den Unsrigen nennen zu dürfen, mischt stch die Verehrung, die wir für Ihre Person empfinden, und die Dankbarkeit, von welcher wir Namens der Bürgerschaft Ausdruck geben. Stadtverordnete zu Berlin, gez. Langerhans". Die „Neue Fraktion der Linken", mit der Dr. Neumann in allen wichtigen Fragen stimmte, ohne ihr anzugehören, ließ ihm ihre Glückwünsche durch die Stadtverordneten Rechtsanwälte Ullstein und Ladewig, Sanitätsrath Dr. Rüge und Schriftsteller Kalifch übermitteln. In einer schwungvollen Ansprache überbrachte der Direktor des städtischen statistischen Amtes, Geh. Reg.-Rath Prof. Dr. Böckh, die Glückwünsche der höheren Beamten der städtischen Verwaltung. Außer zahlreichen Mitgliedern der Stadtverordnetenversammlung sprachen im Laufe des Tages auch viele frühere Kollegen des Jubilars bei ihm vor, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen, die der Jubilar trotz seiner nahezu 80 Jahre in rüstiger Gesundheit und froher Laune entgegennahm. Berlin, 8. Januar. Seinen fiebzigsten Geburtstag feierte am 7. d. M. ein um die humanen Bestrebungen Berlins verdienstvoller Mitbürger: Herr David Hirschfeld. Aus einer altangesessenen Berliner Familie stammend, hat Hirschfeld in noch rüstigem Alter das vom Vater errichtete Geschäft aufgegeben, um seine Kräfte, seinen Herzensneigungen entsprechend, dem Dienste der Wohlthätigkeit widmen zu können. Er gehört den Kuratorien vieler Stiftungen der Stadt wie der Gemeinde an. Im Jahre 1871 wurde er zum Schatzmeister des im Jahre 1868 gegründeten „Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose" gewählt und hat seitdem mit rastlosem Eifer für die Interessen dieses Vereins gearbeitet. Auch der Repräsentantenversammlung gehörte Hirschfeld Jahre lang an. Noch jetzt ist er im Vorstand der Altersversorgungsanstalt und in der Verwaltung verschiedener Stiftungen. Zahlreiche Ehrungen wurden dem um das Gemeinwohl verdienten Manne gestern von allen Seiten zu Theil. Möge ihm ein langer und heiterer Lebensabend beschieden sein! B. Berlin, 10. Januar. Dem statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin pro 1896 entnehmen wir die folgenden Daten. Zunächst über den Schulbesuch der jüdischen Kinder, wobei die entsprechenden Ziffern des Vorjahres in Klammern angegeben find. Es besuchten Gymnasien 1894 (1936), Realgymnasien 823 (899), Realschulen 427 (394), Vorschulen 933 (901), Gemeindeschulen 1702 (1725), sonstige öffentliche Schulen 10 (10), Jüdische Schule 613 (608), höhere Privatknabenschulen 360 (418), Privat-Mittel- und Elemementarschulen 18 (14), also 1896 im Ganzen 6770 jüdische Schüler, dagegen 1895 6839, also eine wenn auch kleine Verminderung, die auffällig ist, da die Seelenzahl der jüdischen Bevölkerung ständig im Steigen begriffen ist. Nur in den Realschulen und in den Vorschulen sowie in der jüdischen Schule ist die Ziffer der Schüler unseres Glaubens gestiegen, in allen anderen zurückgegangen. Bemerkenswerth ist, daß der Prozentsatz der jüdischen Schüler 56 vom Hundert ist, während in der Bevölkerung die Juden nur 5 Prozent ausmachen. Es kommt dies daher, daß die jüdischen Eltern ihre Knaben länger die Schule besuchen lassen als die nichtjüdischen. Bei den Mädchen ist das Verhältnis dagegen ausgeglichen, da die jüdischen Schülerinnen genau 5 Prozent der Gesammtzahl bilden. Es besuchen jüdische Mädchen: Höhere Mädchenschulen 1689 (1755), Gemeindeschulen 1803 (1849), Sonstige öffentliche Schulen 5 (5), Jüdische Schule 383 (594), höhere Privattöchterschulen 1729 (1679), Mittel- und Elementar-Privatschulen 227 (204), im Ganzen 5836 (5886). Sehr bemerkenswerth ist der Rückgang der ganzen Ziffer, der besonders