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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-13 · Heft 2 (13.1.1899) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 2 (13.1.1899)
Date
1899-01-13
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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21 Are Ethik des Iudrnthrrms von Lazarus. Besprochen von Dr. C. Seligmann in Hambnrg. in Werk, ein Werk" — rief Moritz Veit einmal in einem Briefe an Michael Sachs aus — «das Judenthum für ein „Werk". Aus dem Stamme gehauen und bis ins Detail vollendet — solch ein Werk fehlt uns." Seitdem sind nun schon fünfundfünfzig Jahre dahin, und noch immer warteten wir des kommenden großen Werkes. Wohl ist inzwischen das monumentale Geschichtswerk von Graetz erschienen, das, trotz aller Verkleinerung, wie ein erfrischender Bergesgipfel über seichtes Flachland emporragt, ein Werk, welches gerade durch seine vielgescholtene warmblütige Subjektivität Farbe, Kraft und Seele besitzt. Allein Geschichte erzählt nur von den Todten, und das Judenthum ist lebendig. Uns fehlte ein Werk, welches das Judenthum der Gegenwart, das Judenthum als Ding an sich in seinem Wesen und seiner Tiefe erfaßte, ein Werk, das wie der Kusari des Jehuda Halevi dem Judenthum tief ins Herz geschaut oder wie der More des Maimonides das gebildete Bewußtsein der Zeit mit dem Geist der klassischen Vergangenheit vermählte und die Grundlage einer neuen Geistesentwickelung werden konnte, uns fehlte ein kraftvolles, seelenvolles Werk, das unserer Zeit, unseren Judenetwas zu sagen hatte, das, wie der More des Maimonides, auch Widerspruch hervorzurufen geeignet war und die Geister aufeinanderplatzen ließ in frischem, fröhlichem Kampfe. Nach einem solchen Werke ging unser Sehnen und Hoffen seit Jahren. Wie eine Lichtgestalt zog es durch unsere Träume. Wir harrten ihm entgegen, damit es aus dem Staub armseliger Quisquilien die Wiffenschaft des Judenthums erlöse. Materialien und immer wieder nur Materialien wurden zusammengetragen, die doch nur Werth hatten als Bausteine zu einem künftigen Bau des Judenthuius; alle Werke der Vergangenheit wurden durchstöbert, zahllose Einzelmonographien erschienen. Aber über dem Schwelgen in antiquarischen Einzelheiten verlor man die Weite des Blickes und den Sinn für die Gegenwart. Nichts Großes, nichts Zusammenfaffendes, nichts Ganzes, nichts Gegenwärtiges wurde geleistet. Und nun, kurz ehe das Jahrhundert seine Pforte schließt, bringt es uns ein „Werk", das auf einem Stoffgebiet wenigstens — und sicher dem bedeutungsvollsten, weil ewig aktuellen Gebiet der sittlichen Lebensgestaltung — die Fragmente einer Wiffenschaft vom Judenthum zu einer großen künstlerischen Einheit zusammenfaßt und das geistige Niveau der jüdischen Wiffenschaft um ein Bedeutendes hebt, ein Werk, das das Engste mit dem Weitesten, die höchste Wissenschaftlichkeit mit philosophischem Tiefblick verbindet, das aus dem gebildeten Bewußtsein der Gegenwart heraus für das gebildete Bewußtsein der Gegenwart geschrieben, dennoch keine Tendenzschrift ist, sondern in vornehmer Objektivität über Zwist und Streit der Gegenwart emporragt. Dieses Werk ist die Ethik des Judenthums von Professor Lazarus.') Wir werden von der Bedeutung, von der wiffenschaftlichen und künstlerischen Leistung des Buches noch zu reden haben. Vorerst soll uns der Inhalt des Buches selbst, von dem einstweilen nur der erste Band vollendet vorliegt, beschäftigen. Welches Problem hat eine philosophische Darstellung der Ethik des Judenthums zu lösen? Und wie hat das Werk von Lazarus dieses Problem gelöst? Zwei, wie man glauben möchte, unüberwindbare Schwierigkeiten stellen sich der systematisch-philosophischen Darstellung der Ethik des ') M. Lazarus: Die Ethik des Judenthums. (Frankfurt a. M. 1899. I. Kaufmann.) Bändel. Judenthums entgegen, eine äußere und eine innere, eine historische und eine philosophische Schwierigkeit. Ethik des Judenthums! Ja, was heißt denn bei dieser so landläufigen Bezeichnung Jndenthum? Die Ethik welches Judenthums? Des Judenthums der Gegenwart? Oder des Judenthums der biblischen oder talmudischen oder nachtalmudischen Zeit? Des palästinensischen oder hellenistischen, des spanischen oder deutschen Judenthums? Wo giebt es denn in aller Welt ein einheitliches Judenthum, das dasselbe gewesen wäre von Anfang an bis zum heutigen Tage, volle viertausend Jahre, und das daffelbe gewesen wäre und noch wäre in allen Ländern, wohin die Zerstreuung die Juden versprengte? Wurde nicht zu allen Zeiten fast und in allen Ländern das Judenthum beeinflußt und verändert von zahllosen kulturellen Einwirkungen? Sollte die Ethik des Judenthums allein unberührt geblieben sein von diesem Einfluß? Und wenn sie, wie es nicht ausbleiben konnte, ja. wie es geschichtlich erwiesen. thatsächlich durch viele Schulen gegangen und fremde Ideen in sich ausgenommen hat, wenn sie unter dem Einfluß PlatoS und Aristoteles schon in Alexandrien und in erhöhtem Maße später unter arabischer Herrschaft in Spanien — ganz zu schweigen von der neuesten Zeit — das originale Gepräge verlor und sich mit fremden Ideen verschmolz, läßt sich dann noch von einer einheitlichen Ethik des Gesammtjudenthums reden? Ist es dann möglich, eine einheitliche systematische Darstellung der jüdischen Ethik zu geben? In vergangener Zeit ist niemals auch nur der Versuch gemacht worden, ein System der jüdischen Ethik aufzustellen. Was bisher von der Zeit des Maimonides an bis auf den jüngsten Darsteller der jüdischen Sittenlehre geleistet wurde, war nichts weiter als die äußere Aneinanderreihung vereinzelter Aussprüche oder die Einzwängung der jüdischen Sittenlehre in ein fremdes, fertiges System. „Maimonides trägt im Grunde genommen die Ethik des Aristoteles vor und Fasse! die von T. W. Krug, nur daß einzelne Gedanken aus diesen fremden Systemen mit Bibelversen und Talmudstellen zugleich als jüdische Lehren nachgewiesen werden." Wie ist es also möglich, den inneren Zusammenhang aller zerstreuten sittlichen Gedanken herzustellen? Wie ist, angesichts der wechselnden Zeiten und Einflüsse und der Systemlosigkeit der Quellen eine einheitliche in sich geschloffene Darstellung der Ethik des Judenthums möglich? Auf diese Frage antwortet das erste Kapitel mit dem überzeugenden Nachweis, daß die Verschiedenheit der Zeiten weit zurücktrete hinter der siegreichen einheitlichen Fortbildung des Gesammtgeistes, welcher seinerseits wieder auf der ureigenen inneren Fortbewegung der Grundgedanken selbst beruht. Alles Zeitliche und Zufällige und Individuelle hat im Bereich jüdischer Weisheit und Gedankenschöpfung nur geringen Theil an der Macht jener schöpferischen Fortbildung, welche dem innersten Triebe des Volksgemliths und seinen ältesten, ursprünglichen Offenbarungen folgt. Wie verschieden auch all die jüdischen Denker und Lehrer nach Zeit und Charakter waren, so werden von Keinem die letzten Grundgedanken, die Gesinnungen und Prinzipien, die wir »ach der strengsten Prüfung in Bibel und Talmud entdecken, verleugnet oder bestritten oder auch nur wesentlich verändert. Mag daher z. B. ein Maimonides durch die arabische und griechische Bildung, die er mit der hebräischen verbindet, zu einer eigenen Individualität sich gestalten, so ist er nichtsdestoweniger eine wahrhaft jüdische Individualität. Dieser geschichtlichen Einheit oder, wie es der Verfasser schlagend bezeichnet, dieser Kontinuität in der ethischen Schöpfungsthätigkeit des jüdischen Geistes ist es denn auch zu verdanken, daß es möglich

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