Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
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18 als die Civilehevorlage durchgefallen und von der Tagesordnung verschwunden war, erschien ein energischer Hirtenbrief Seiner Eminenz gegen den Antisemitismus. Diese Thatsache spricht Mehr als ganze Bände. Leo XIII., ein hochgebildeter Mann, welcher klassische lateinische Gedichte schreibt, weiß in der Geschichte des Papstthums sehr gut Bescheid und ist also davon unterrichtet, daß mehrere aufgeklärte Päpste geharnischte Bullen und Encycliken gegen die Blutbeschuldigungen erlaffen haben; aber er weiß auch, daß einige Stellvertreter Christi auf Erden, wie z. B. Jnnocenz III., auch heftige Fehdebriefe gegen das Judenthum geschleudert haben, wenn es ihnen so recht in den Kram paßte. Als geschickter Diplomat erwählt er den klügeren Theil, indem er sich ausschweigt und weder für noch wider Stellung nimmt, und doch muß er schon im Jntereffe des Christenthums und des Papstthums in unzweideutiger Weise den Störern des religiösen und gesellschaftlichen Friedens das Handwerk legen. Schon in Erwägung des Umstandes, daß der heilige Boden Roms mehr als zwei Jahrhunderte hindurch vom Blut frommer Christen getränkt worden war, weil heidnische Priester im Interesse der Aufrechterhaltung der weltlichen Macht des Heidenthums es waren, welche das abscheuliche Märchen erfunden hatten, daß die Christen zu ihren heiligen Opfermahlen das Fleisch und das Blut unschuldiger Kinder gebrauchten; dennoch schweigt der Papst. Gewiß sehr ungern, aber er ist dazu gezwungen, weil er nicht gegen eine Bewegung, welche im Jntereffe der weltlichen Macht des Papstthums und der eoclesia militaus angefacht worden war, einschreiten möchte. Auch ein Theil des ungarischen Klerus und die sogenannte kirchliche „Volkspartei" kämpfen unter dieser Flagge gegen die liberale Regierung, und unter derselben schaaren sich alle Diejenigen, denen nicht allein das Judenthum, sondern auch der Protestantismus und jede freiere Richtung verhaßt sind. Und doch würde Leo XIII. seine Regierung mit Ruhm bedecken und sich einen leuchtenden Namen in der Geschichte sichern, wenn er sich zu der großen That ermannen würde, das Tischtuch zwischen sich und den professionellen Aufwieglern zu zerschneiden und urbi et ordi zu verkünden, daß alle Diejenigen, welche, die Judenhetze als Mittel zum Zweck verfolgend, die alten, längst abgethanen Beschuldigungen, Verdächtigungen und Verleumdungen Vorbringen, nicht im Interesse des wahren Christenthums handeln, und daß er als der oberste Vertreter der Christenheit sich in seinem Gewissen gedrungen fühle, alle die Thorheiten und Wahnideen, welche die Demagogen nur zu ihren selbstsüchtigen Zwecken verbreiten, ein für allemal zu beseitigen. Freilich, unsere Hoffnung, daß ein solcher Umschwung im Vatikan unter dem Pontifikat Leos XIII. je eintreten könnte, ist eine sehr geringe, denn zu idealen, frischen und kühnen Thaten bedarf es der Jugend. Nur ein in der Maienblüthe seines Lebens stehender Herrscher, wie es z. B. der Zar ist, konnte ein so großartiges, völkerbefreiendes Friedensmanifest erlassen. Ein religiöses Friedensmanifest, welches auch dem Judenthum seitens des Papstes offiziell einen Freibrief gegen all die ruchlosen Anschuldigungen gewähren würde, erscheint als eine Utopie; selbst wenn vielleicht von vatikanischer Seite eine derartige Bulle in Aussicht gestellt wäre, würden unsere Zweifel nicht gehoben sein, denn wie nirgends gilt hier das Wort: „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Kind die Engländer Iudend Von Ludwig Hevesi. elbstverständlich sind die Engländer Juden. Ihre Mehrzahl glaubt es zwar noch immer nicht und zieht es seltsamerweise vor, für Christen gehalten zu werden, aber das sind vermuthlich unverbesserliche Antisemiten. Eine aufgeklärte Minderheit schwört darauf, daß die Engländer Juden von den „verlorenen zehn Stämmen" sind, sintemalen blos zwei von den zwölf Stämmen (Levi und Juda) aus der babylonischen Gefangenschaft nach Palästina zurückgekehrt und dort zur Zeit des Todes Christi wohnhaft gewesen seien. Die Sehnsucht, für Juden zu gelten, regt sich in England schon längst, aber erst im letzten Jahrhundert hat sie sich regelrecht eingefleischt. Von dem Buche des britischen Seelieutenants Richard Brothers^) bis zu dem der Lady Caithneß^) und den ähnlichen Schriften des Franzosen Marthin-Chagny°) ist eine ganze Semitisirungslitteratur über die Engländer erschienen. Ein eigener Verein, die British Israelite Association, betreibt die wissenschaftliche Feststellung der exotischen These und legt in mehreren Fachzeitschriften, wie z. B. „Tlie Banner of Israel“, immer neu herzugeschlepptes Beweismaterial nieder. Die einschlägigen Bücher und Flugschriften erscheinen bei dem Verleger Robert Banks, und Racket Court in Fleet Street, London, ist das anglo-israelitische Hauptquartier. Eine merkwürdige Fachlitteratur das. Viele dieser Traktate sind einfache Aufzählungen von Beweisgründen, welche gleich Hammerschlägen auf John Bulls harten Schädel niedergehen. So Edward Hines „Siebcnundvierzig Identifikationen der britischen Nation mit dem verlorenen Hause Israel" und Pooles „Fünfzig Gründe, warum die Angelsachsen Israeliten sind". Die moderne Gelehrsamkeit hat ihre spaßigen Seiten. Habe ich selber nicht vor zwanzig Jahren Herrn Theodor Cailleux bekämpft, der damals in einem dicken Buche sonnenklar bewiesen hatte, daß der trojanische Krieg in England stattgefunden und Ilion die jetzige Bischofsstadt Ely (sprich: Jli) gewesen? Und daß Ulysses der Gründer von Liffabon (Ulisipo) gewesen und daß seine Circe in Zierikzee (daher der Name!) auf der belgischen Insel Schouwen gewohnt? (S. auch mein Buch: „Glückliche Reisen".) Ja, beweisen läßt sich alles, besonders in urgeschichtlichen Dingen. Wie leicht ist es z. B., aus dem romantischen Meere der heiligen Schriften Stellen herauszuangeln, die der Britisch - Israelitischen Gesellschaft paffen. In den Propheten wimmelt es davon. „Laß die Insel vor mir schweigen", heißt es Jesaia 41,1; „die Inseln werden auf sein Gesetz warten", 41,1; „laßt sie dem Herrn die Ehre geben und seinen Ruhm in den Inseln verkündigen", 42,12 u. s. w. „Höre das Wort des Herrn, o Volk, und verkündige es in den fernen Inseln", ruft Jeremia, der dann auch verräth, wo diese fernen Inseln liegen: „Gehe hin und predige gegen die Mitternacht und sprich: „Kehre wieder, du abtrünnige Israel." Hält man diese „Mitternacht" mit Jesaia 43, 5 zusammen („Ich will vom Morgen deinen Samen bringen, und ich will dich vom Abend sammeln"), so hat man die einfachste Rechnung von der Welt: Mitternacht (Norden) -!- Abend (Westen) — Nordwesten, die einzigen großen Inseln nordwestlich von Palästina sind aber die britischen. Allein Jeremia 3, 18 heißt es sogar: „Zu der Zeit wird das Haus Judas gehen zum Hause Israels, und werden mit einander kommen von Mitternacht in das Land, das ich euren Vätern zum Erbe gegeben habe." 1) The History of our saxon origin, connecting us with the lost ten tribes (1795). 2) Les vrais israelites (1889). 8) Darunter La Semitique Albion (1898).