Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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17 für das Vaterland bereit wären, zu sterben, wie die Nichtjuden, durchzuckte mich plötzlich ein sonderbarer Gedanke, die Ahnung eines großen Ereignisses; denn als ich mit dem Genannten nach ineiner alten Gewohnheit die Schaufenster der Buchlädcn studirte, um die Novitäten des Buchhandels Revue passiren zu lassen, erblickte ich zu meinem nicht geringen Entsetzen dort ein neu erschienenes Heft in orangefarbenem Umschlag: „Der Talmudjude" von Dr. August Rohling. Goldfahn sah mich sprachlos an. Vor einigen Tagen erst war seine Doklor-Dissertation erschienen, die sich „Justin Martyr und die Agada" betitelte. Hier sprach sich der Verfasser u. a. in schwungvoll optimistischer Weise über den religiösen Frieden und die herrlichen Tage, die wir nun miterlebt hatten, aus und betonte besonders nachdrücklich, wie glücklich wir wären, daß endlich die Zeiten der berüchtigten Religionsdisputationen vorbei seien. . . . Welche Ironie auf diese Behauptung war die Rohliug'sche Broschüre! Schon ein flüchtiger Blick in dieselbe genügte, die Absicht des Verfassers, eines Professors der katholischen Theologie an der Prager Universität, erkenne» zu lassen, welche dahin ging, den finsteren Geist der mittelalterlichen Religionsdisputationen heraufzubeschwören und Juden und Judenthum als eine inferiore und gotteslästerliche Gemeinschaft hinzustellen. Welcher Anachronismus! Während auf der einen Seite durch die Macht der Thatsachen, gleichsam durch die Logik der Weltgeschichte, der Beweis geführt wurde, daß die Religion absolut kein Hinderniß in der Ausübung der patriotischen Pflichten sei, wurde hier der Jude als ein „vaterlandsloser Geselle" hingestellt, und die alten Anklagen wiederholten sich in der schroffsten und vergiftetsten Form. In dem Schwung der patriotischen Begeisterung, welche damals die Seelen schwellte, in den Friedensklängen des siegreichen Vaterlandes werden nur Wenige jenen schrillen Akkord gehört haben, aber für mich, welcher die Taktiken und Praktiken eines verfolgungssüchtigen und jesuitischen Klerus aus der Vergangenheit wohl kennt, erschien jene famose Broschüre gerade jetzt als eine raffinirt ausgeklügelte und planmäßig angelegte Mine, um zur gelegenen Zeit die Explosion zu bewerkstelligen. Seit Jahren war keine Broschüre gegen Juden und Judenthum in Deutschland erschienen. Jeder Gebildete hier sowohl wie in Oesterreich - Ungarn hätte sich geschämt, aus der Rumpelkammer der Vergangenheit die litterarischen Folterwerkzeuge hervorzuholen, denn die öffentliche Meinung hätte diese böswilligen Don Quixotes verlacht und verhöhnt. Der letzte Mohikaner der Reaktion war Richard Wagner, der 1852 seine berüchtigte Schrift: „Das Judenthum in der Musik" herausgab, ohne sonderlichen Schaden anzurichten, denn man nahm den Zukunftsmusiker nicht ernst. Auch merkte man bei ihm die Absicht, dem gefürchteten und erfolgreichen Nebenbuhler Giacomo Meyerbeer etwas am Zeuge zu flicken und in ungezogener Weise über deffen Religion herzufallen, und man ward nicht verstimmt. Ich fürchtete gleich, daß das Pasquill Rohlings ein Signalschuß sein werde, und daß die Reptilien, welche sich bis dahin in ihren Schlupfwinkeln verborgen hielten, nach und nach hervorkriechen würden. Die Erfahrung bestätigte voll und ganz meine Befürchtungen, denn nach und nach regnete es antisemitische Hetzschriften der abscheulichsten Art. Heutzutage, wo beinahe drei Jahrzehnte seit jenen weltgeschichtlichen Ereigniffen vorübergegangen sind, unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß die Entstehung des Antisemitismus mit dem 2. September 1870 sowie der Proklamation des geeinigten Italiens, dem Ende der Weltherrschaft des Papstes in Rom und vor allem der Begründung des protestantischen deutschen Kaiserreiches im Zusammenhänge stand. Die Entstehung des deutschen Kaiserreiches unter protestantischer Herrschaft an Stelle des 60 Jahre früher selig entschlafenen heiligen römischen Reiches deutscher Nation hatte auch den letzten Hoffnungsstrahl der Wiederaufrichtung der weltlichen Macht des Papstthums vernichtet. Es galt darum zunächst, die Macht des geeinten deutschen Reiches zu unterwühlen und den Religionshaß der Katholiken gegen die Protestanten aufs Neue anzufachen. Natürlich durfte der schlau eingefädelte Plan nicht gleich durchschaut werden, weil ja sonst der Erfolg sehr problematisch gewesen wäre, und so mußte nach berühmten Mustern, nach alt bewährter Methode, der Jude herhalten, um der Strategie der Kurie zum Siege zu verhelfen. Wozu hätte es denn auch einen Sündenbock in der Weltgeschichte gegeben?! Es wurde daher allenthalben die Parole ausgegeben, auf die Juden zu hetzen, uni vor allem die religiösen Leidenschaften im Volke, welche so lange geschlummert hatten, zu neuem Leben zu erwecken. Bisher hatte sich im Lause der Jahrhunderte das Rezept stets wirksam erwiesen, denn schon der Prophet Jesaias hatte es ausgesprochen: „Durch unsere Wunden werden die Nichtjuden geheilt!" Daß es sich aber nicht um die Kinder Israel handelte, sondern daß es in erster Linie galt, gegen den Protestantismus und das protestantische Deutschland Sturm zu rennen, zeigte das bald darauf erschienene berüchtigte Buch deffelben Profeffor Rohling: „Der Antichrist", worin alle Jene, die den Protestantismus ins Leben gerufen hatten, aufs Maßloseste beschimpft und verleumdet wurden. Ich will bei diesem Anlaß in keiner Weise auf den unseligen und glücklicherweise längst überwundenen Kulturkampf zurückkommen, noch auch auf die juden- und deutschfeindliche Gesinnung des verstorbenen Papstes Pius IX. reagiren, aber ich muß es hervorheben, daß selbst der sonst so groß angelegte, tolerante und staatsmännisch hervorragende Papst Leo XIII. sich bis heute nicht entschließen konnte, gegen den Antisemitismus, namentlich gegen die Blutbeschuldigungen, die während seines Pontifikates in vielen Ländern wiederholt ihr Medusenhaupt erhoben haben, offen Stellung zu nehmen. Ich kann aus guter Quelle versichern, daß vor Jahren ein ungarischer Kirchenfürst dem Papste nahe legte, dem Beispiel mehrerer seiner erhabenen Vorfahren zu folgen, welche in ihren Bullen so oft in durchaus aufgeklärtem Geiste gegen die wahnwitzigen Anklagen und Verleumdungen ihre Stimme erhoben, welchen Rath der Papst jedoch keineswegs beherzigte, vielmehr soll Seine Heiligkeit geäußert haben: Er müsse das ausschließlich dem Ermessen der einzelnen Bischöfe überlassen. Hier spricht aus Leo XIII. der Politiker und nicht der Mensch, denn sicherlich besitzt er absolut keinen Religions- und Rassenhaß, wohl aber erfordert es für ihn die sogenannte Staatsraison bezw. die unausgesetzt von ihm verfolgte Idee, die weltliche Macht des Papstthums wiederherzustellen, nicht offen und entschieden für die Juden, welche man so oft und so gut als Sturmbock benutzen kann. Partei zu nehmen. Dem Ermessen der einzelnen Bischöfe sollte es also überlassen bleiben, ob sie im Interesse der Leotesia militnas von diesem Mittel Gebrauch machen wollten oder nicht.... So sprach der Papst. Mit diesem salomonischen Urtheil haben wir aber recht traurige Erfahrungen gemacht. Speziell in Ungarn kann man davon ein Lied singen. Hier nur ein Fall. Im Anfang der 80er Jahre, zur Zeit des heftigsten Kampfes gegen die Einführung der fakultativen Civilehe in Ungarn, hat selbst der liberale und sonst judenfreundliche Kardinal von Kalocsa, Haynald, der heftigste Gegner der von der ungarischen Regierung eingebrachten Civilehevorlage, den Antisemitismus gewähren lassen, infolgedeffen diese Pest nirgends heftiger tobte als gerade in der Kalocsa-Bacs'schen Erzdiözese; erst