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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-13 · Heft 2 (13.1.1899) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 2 (13.1.1899)
Date
1899-01-13
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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16 geringes Gehalt Stellungen dieser Art bekleiden, wo sie es doch bei derselben Besoldung anderswo viel bequemer haben könnten, aber nimmermehr Mangel an Charakter und Selbstachtung. Auch dürfte man kaum den Instituten selbst einen Vorwurf aus der kärglichen Besoldung ihrer Lehrer machen. Ihre Einnahmen sind infolge der geringen Opferwilligkeit der Gemeinden und der Einzelnen meistens so gering und größtentheils so unsicher, daß es ihnen beim besten Willen unmöglich ist, große Aufwendungen zu machen. Unberechtigt ist auch der Vorwurf, der in jenem Artikel gegen die Arbeit der Seminarlehrer erhoben wird. Nach diesem sind die Seminare nichts als Pauk- und Drillanstalten, in denen nach Art der Preflen „das beim Examen verlangte Wissen tüchtig eingebläut wird". Ist es schon an und für sich kaum glaubhaft, daß Lehrer, die Andere zu Pädagogen ausbilden sollen, durchweg gewissenlos genug find, dem unpädagogischen didaktischen Materialismus zu huldigen, daß Lehrer, die bei ihrem eigenen Unterrichtsverfahren ihre Schüler auf Grund und Zweck desselben Hinweisen sollen, die in ihren Zöglingen mich die Kritiker ihrer Methode sehen müssen, sich des Memoriermechanismus, der elendesten aller Methoden, bedienen, so' entspricht auch glücklicherweise nach meinen Erfahrungen jme Darstellung nicht den thatsächlichen jetzt bestehenden Verhältnissen, womit aber nicht gesagt sein soll, daß sie nicht auch auf frühere Zustände paßt, die jedoch im Allgeni einen jetzt wohl für überwunden gelten dürfen. In christlichen sowohl wie in jüdischen Seminaren kommt, soweit sie mir bekannt sind, jetzt mit geringen unrühmlichen Ausnahmen in allen Fächern die Methode zur Anwendung, die. der Natur des Geistes des Schülers und des Gegenstandes selbst entspricht. die Methode, die durch Pestalozzi begründet und durch seine Jünger ausgebaut worden ist. Im Seminar wird nicht eingebläut und eingetrichtert, sondern angeschaut, gedacht und geübt wie in jeder anderen Erziehungsschule auch. Die Anleitung und Anregung zum eigenen Denken der Schüler darf im Seminar umsoweniger fehlen, als für die Abgangsprüfung von den von den Provinzial-Schulkollegien zur Auswahl gestellten Themen gewöhnlich solche gewählt werden, deren Bearbeitung dem Examinanden Gelegenheit giebt, zu zeigen, daß er mit dem positiven Stoffe selbständig zu operiren versteht. Und nun komme ich zu der Forderung, daß der Seminarist sich seine Vorbildung für das Seminar auf einer höheren Lehranstalt erworben haben soll. Gewiß, es haben sich namhafte Pädagogen für diese Forderung ausgesprochen, aber nicht weniger bedeutende Pädagogen fordern, daß die Volksschule das Rekrutirungsgebiet für den künftigen Volksschullehrer bleibe: Beweis genug dafür, daß die Frage noch nicht spruchreif ist. Ich persönlich würde es mit Freuden begrüßen, wenn alle unsere Schüler eine höhere Schule absolvirt hätten. Wie viel Zeit könnte da auf die Fachbildung verwandt werden, die jetzt der Vervollständigung der allgemeinen Bildung gewidmet werden muß. Aber ich befürchte, praktische Gründe stehen vorläufig der Verwirklichung dieser Forderung entgegen, Gründe, die in der schlechten Besoldung der jüdischen Lehrer zu suchen sind. An die Erfüllung dieser Forderung kann erst gedacht werden, wenn das Einkommen eines jüdischen Lehrers so hoch und seine Zukunft so gesichert ist, wie es bei den Angehörigen anderer Beamtenklaffen der Fall ist, die mit dem Absolviren einer höheren Schule die wiffenschaftliche Berechtigung, ein öffentliches Amt zu bekleiden, erlangt haben. Uebrigens hat der jüdische Lehrerstand es bewiesen, daß er auch ohne die gewünschte Vorbildung den an ihn gestellten Forderungen genügt. Den Thatsachen entspricht übrigens nicht, was in jenem Aufsatz von der jetzt verlangten Vorbildung der Seminaraspiranten gesagt wurde. Wer ins Seminar ausgenommen werden will, muß über eine bessere Vorbildung verfügen, als eine gute Volksschule gewähren kann. Gewöhnlich haben die jungen Leute zwei bis drei Jahre nach Absolvirung der Volksschule eine Präparandie besucht, die in Berlin, Hannover und Münster mit dem Seminar organisch verbunden ist. Mithin nimmt auch die Vorbereitung für den Lehrerberuf nicht 3, sondern 5—6 Jahre in Anspruch. Zum Schluffe will ich gern bekennen, daß ich mit Herrn Feiner überzeugt biir, daß die Seminare mancher Verbesserung fähig und bedürftig sind, und es ist gewiß mit Freuden zu begrüßen, wenn aus Lehrerkreisen selbst beachtenswerthe Vorschläge gemacht werden; jedoch ist ebenso sehr zu wünschen, daß nicht übers Ziel hinausgeschoffen und nicht durch Uebertreibung unberechtigtes Mißtrauen gesät werde, das nicht nur den Seminaren, sondern auch den von ihnen ausgebildeten Lehrern schaden kann. Me Anfänge des Antisemitismus in Deutschland. Bon Dr. Adolph Kohut. ^»ahr für Jahr, und mit Recht, wird die Wiederkehr der jO/ Schlacht bei Sedan überall in Deutschland mit patriotischer C3-5 Begeisterung gefeiert, denn dieser Erinnerungstag soll nicht etwa in unserer friedliebenden Zeit, wo selbst vom Throne des Zaren herrliche Worte des Völkerfriedens erklingen, den Jubel über die Niederwerfung des Feindes, sondern nur die vollendete Thatsache der Einigkeit der deutschen Stämme bedeuten. Auch anläßlich des Ablebens des Altreichskanzlers Fürsten Bismarck ist in vielen Zeitungen von der Antheilnahme des großen Staatsmannes an den Ergebnissen die Rede gewesen, welche zur Schlacht von Sedan führten und führen mußten. Nicht nur unsere christlichen Mitbürger, sondern auch wir Juden haben alle Veranlassung, jenes ruhmreichen Tages zu gedenken, denn an den Erfolgen des siegreichen und weltgeschichtlichen Feldzuges von 1870/71 haben alle Söhne des deutschen Vaterlandes, Juden ebensowohl wie Christen, treu mitgearbeitet. An den Kämpfen gegen Frankreich und die Franzosen haben sie sich, wie dies die amtlichen Berichte Nachweisen, mit voller Tapferkeit und Bravour betheiligt, und Niemand fragte dort im Kriege, weß Glaubens Jener sei, sondern dort hieß stets die Parole: „All Deutschland in Frankreich hinein!" Trauerten doch gemeinsam alle Deutschen, ohne Unterschied der Konfession, um die theuren Angehörigen, welche neben einander auf den Schlachtfeldern gefallen waren und mit einander in ein gemeinsames Grab gebettet wurden; wiederholten sich doch in den Lazarethen und Spitälern Deutschlands die Schmerzensrufe der jüdischen Söhne Deutschlands ebenso wie die der christlichen ob der Wunden, welche sie im Kampfe für das gemeinsame Vaterland erhalten hatten! Als auf den Schlachtfeldern noch das gemeinsame Opferblut jüdischer und christlicher Mitbürger rauchte, wer hätte da es geahnt, daß so schnell wieder Zeiten eintreten würden, wo man die alten Blutmärchen des Mittelalters aufs Neue auftischen und aus der Rüstkammer der finsteren Barbarei wieder die abgenutzten und rostig gewordenen Waffen gegen das Judenthum hervorholen würde! Als ich jedoch am 16. Juni 1871 mit meinem Jugendfreunde Dr. Goldfahn, jetzt Rabbiner in Bäcs-Topolya in Ungarn, dem herrlichen Schauspiel des Einzuges der sieggekrönten deutschen Truppen in Berlin beiwohnte, und mein Herz höher schlug bei dem Gedanken, daß auch meine Glaubensgenossen bewiesen hätten, daß sie ebenso

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