Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 „Die antisemitische Bewegung in Deutschland ist jetzt offiziell sehr ruhig. Die Führer find still, einige ausgesprochene Antisemiten sind in das Parlament wieder eingetreten, aber in der That, eine antisemitische Partei besteht nicht mehr. Die Bewegung ist trotzdem durchaus nicht todt, und was in der Oeffentlichkeit verloren gegangen ist, ist ficherlich an innerer Kraft vorhanden. Es hat stets eine streng antisemitische Bewegung unter den Deutschen bestanden, Ausdruck hat sie aber in der Oeffentlichkeit erst vor IS Jahren gefunden. Der Ausbruch wurde herbeigeführt durch die Ereignisse, welche der Gründung des neuen Kaiserreiches folgten, Ereignisse, welche auch eine Ursache der Unterdrückung der Bewegung waren. Nachdem die Armee aus Paris zurückgekehrt war, trat das Land in eine neue industrielle und kommerzielle Aera! Das Ergebniß dieser Aera war eine Spekulation, wie fie in der deutschen Geschichte noch nicht dagewesen ist. Als die Reaktion kam, stellte stch heraus, daß die Endgewinner die Juden waren, man könnte sagen, daß sie dann Deutschland eroberten. Sie gaben ihren Söhnen die feinste Erziehung in deutschen Schulen (die Juden erhielten das Bürgerrecht im Jahre 1848). und die Söhne arbeiteten hart, mit dem Ergebniß, daß, um nicht nur von Bankiers zu sprechen, die besten Aerzte, Advokaten und Journalisten in Berlin heute Juden sind. Alles erforderliche Kapital ist in jüdischen Händen, und es hat den Anschein, daß das Beste, was Berlin zu bieten hat, nur für Juden ist. Bei einer Premiere eines neuen Stückes eines bekannten Autors ist es für einen Christen fast unmöglich, ein Billet zu erhalten. Die vornehmen Schneider, die erstklassigen Läden hängen von den Juden ab, dreiviertel der eleganten Privatequipagen gehören jüdischen Familien. Die Presse dazu ist fast ausschließlich in jüdischen Händen, durch deren große Ausdehnung sich das Mißlingen der antisemitischen Bewegung erklärt. Niemand kann als Leiter vorwärts kommen, es sei denn ein Mann von unbegrenztem Mut he, oder der nichts zu verlieren hat; denn er würde sofort unmöglich gemacht. Hofprediger Stöcker, der 15 Jahre vorher einer der Ersten war, die ihren allgemeinen antisemitischen Gefühlen öffentlich Ausdruck gaben, jedoch dadurch Stellung und Einfluß verlor, ist heute nur noch ein einfacher Privatmann. Die Juden desttzen noch immer eine ungeheure Macht, nicht allein durch den Druck auf die Presse, sondern durch die Stellung, die sie sich auf anderen Gebieten der Oeffentlichkeit angeeignet haben, daß es praktisch unmöglich für einen Deutschen von Erziehung ist, sein antisemitisches Gesicht zu zeigen." Die hiesigen antisemitischen Blätter drucken den Bericht natürlich mit großem Behagen und dem scheinheiligen Bedauern darüber nach, daß sie so etwas in ausländischen Blättern lesen müffen, und schwermüthig bestätigen sie die Behauptungen jener englischen Zeitung mit der Klage: „Ja, die Juden besitzen eine ungeheure Macht, und Michel schlummert weiter". Daß die ganze Geschichte und jede einzelne Behauptung in jenem Artikel einfach erdichtet und erlogen sei, das zu gestehen fällt natürlich keinem ehrlichen Antisemiten ein. * Eine recht abenteuerliche Nachricht bringt die „Münchener Allg. Ztg." aus London. Es heißt darin: „Der bestellte Vertreter der Londoner Judenschaft, der sogenannte „Jewish Board of Deputies“, hat beschlossen, energisch darauf zu dringen, daß die religiösen Bedenken der Nachkommen des Hohenpriesters Ahron, der Kohanim, auch vom Staate Anerkennung fänden. In Zukunft wird ein englischer Kohen, dem Rathe des „Amtes der Deputirten" folgend, stch weigern, einer Leichenbeschauer-Untersuchung beizuwohnen, und ein Zeugniß des Oberrabbiners vorlegen, daß er den Gesetzen seiner Religion Adabei folge. Sollte der Leichenbeschauer ihm trotzdem eine Buße auf- 'erlegen, so wird er die Zahlung verweigern. Das Amt wird ihn auch darin unterstützen und die etwa entstehenden weiteren Prozeßkosten tragen". Die Nachricht erschiene kaum glaublich, wenn sie nicht auch anderweitig bestätigt worden wäre. Wie nun aber, wenn der Staat zunächst von den englischen Kohanim irgend einen, und sei es auch »ur den entferntesten Nachweis einer Abstammung vom „Hohenriester Aron" verlangen sollte? Es ist bekannt, daß die Franzosen die Kaiserreise nach Palästina sehr scheel ansehen. Neu aber ist, daß die reaktionären französischen Zeitungen behaupten, daß außer den Protestanten nur die Juden Freude über den Besuch des Kaisers gezeigt hätten. So hätten sich in Jerusalem außer den öffentlichen Gebäuden und den Häusern der Protestanten nur die in jüdischem Besitz befindlichen Gebäude durch Flaggcnschmuck ausgezeichnet, und während Muhamedaner, Griechen und Katholiken sich ganz still verhielten, hätten die Juden, auch die französischen, sich um so stürmischer bei dem Empfange hervorgethan. „Laterre sainte“, das Organ der katholischen Orden im Orient, erzählt eine kleine Anekdote aus Beirut. Als die Kaiserin die Schule der deutschen Diakonissinnen besuchte, deklamirte «in Kind ein Huldigungsgedicht. Bei der näheren Befragung desselben fand aber die Kaiserin zu ihrem Erstaunen, daß dasselbe ein jüdisches Mädchen war, und schenkte ihm eine schöne Brache. * Der russische Staatsrath beräth zur Zeit über ein Gesetz, betreffend die Naturalisation fremder Unterthanen in Rußland. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß in diesem neuen Gesetzentwurf den Juden jedes Recht auf die Naturalisation abgesprochen wird, nur das Gegentheil könnte überraschen. Auch von einem zweiten Gesetz, das mit Spannung erwartet wird, dem über die Koscher-Fleischtaxe, haben wir wenig zu hoffen. Nur eine wichtige Veränderung wird es gegenüber dem jetzigen Zustand bringen. Die „aufgeklärten Juden", welche kein koscheres Fleisch verzehren, daher auch die Taxe darauf nicht tragen, sollen mit einer ausgleichenden Steuer belegt werden. An sich wäre dieser Akt der Gerechtigkeit ganz schön, wenn er nur nicht darauf hinauslaufen wird, daß das Erträgniß einer neuen, nur von den Juden getragenen Steuer für nichtjüdische Zwecke verwendet wird, wie es mit der Koscher-Fleischtaxe geschieht. Ueber -re Vorbildung -es ju-. Lehrers. Bon Dr. I. Gutmann, Seminardirigent in Münster i. W. nter diesem Titel veröffentlichte Herr Mittelschullehrer Feiner in Hamburg einen Artikel in Nummer 50—52 dieser Zeitschrift, in dem so schwere Vorwürfe gegen die Lehrer an jüdischen Seminaren und ihre Arbeit an denselben erhoben werden, daß seine diesbezüglichen Ausführungen nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Es ist ja leider war, daß die Besoldung der jüdischen Semiuarlehrer im Allgemeinen eine klägliche ist. aber nichts berechtigt dazu, darum diesen Männern den Vorwurf zu machen, daß sie keine Ahnung von den Pflichten ihres Berufes haben, daß ihnen Manneswürde und Selbstbewußtsein abgehen. Es giebt schwerlich einen Seminarlehrer, der nicht, wenn er wollte, eine ebenso gute oder besser dotirte Stelle als Volksschullehrer bekleiden könnte. Wenn er trotzdem auf seinem schweren und verantwortungsvollen Posten verharrt, so dürfen wir wohl eher ideale Gesinnung, Hingebung an den Beruf und Liebe zum Volksschullehrerstande als den Grund dieser Erscheinung ansehen als Mangel an Selbstbewußtsein und Manneswürde. Gewiß, die Seminarlehrer sind sich bewußt, daß ihre Arbeit nicht gebührend eingeschätzt wird, aber ich habe es immer für einen Vorzug der Angehörigen des Lehrerstandes überhaupt gehalten, daß sie ihre Selbstschätzung und ihren Pflichteifer nicht abhängig machen von dem materiellen Lohne, der ihnen für ihre schwere Arbeit zu Theil wird. Mangel an Weltklugheit mag es sein, daß Männer für ein