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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-13 · Heft 2 (13.1.1899) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 2 (13.1.1899)
Date
1899-01-13
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 Damit ist jeder Zweifel daran gehoben, daß es sich hier um eine tiefgehende Bewegung handelt, die das ernste Streben auf Befriedigung eines unverkennbaren religiösen Bedürfnisses außer Frage stellt. In einer Eingabe an die Gemeindebehörden betonen jene Männer auch mit aller Entschiedenheit, daß ihnen am Herzen liege, „einem zunehmenden Jndifferentismus an allem religiösen Leben des Judenthums bei Zeiten zu begegnen und mit allen Kräften dem Abfalle Vieler, welche den fundamentalen Grundsätzen des Judenthums nach wie vor mit ganzem Herzen zugethan sind, durch Hebung des Gottesdienstes vorzubeugen". Es sei vornehmlich die Heranwachsende Jugend, deren Zusammenhang mit dem Judenthum und deren religiöse Erziehung durch die Abneigung ihrer Eltern und Familien gegen die jetzige Art des Gottesdienstes in hohem Grade gefährdet ist. Die drohende Gefahr der Zunahme des Jndifferentismus mit seinen Folgen könne gerade bei der Jugend nicht besser gehemmt werden als dadurch, daß ihre für äußere Eindrücke empfänglichen Herzen im Gotteshause durch die weihevollen Klänge der Orgel gehoben und zu religiösem Empfinden begeistert werden. Sie betonen ferner mit aller Entschiedenheit, daß sie weder mit ihrem Wunsche beabsichtigen, noch kann es die Folge deffelben sein, Diejenigen, welche den Gottesdienst in bisheriger Weise erhalten sehen wollen, aus dem Gotteshaus« zu verdrängen, da die alte Synagoge deren religiöse Bedürfniffe zu befriedigen bei Weitem hinreicht, abgesehen davon, daß ein sehr großer Theil derselben seit langen Jahren Privatsynagogen besucht und sich dem Gemeindegottesdienst fernhält. Gerade dieser Unistand läßt auch die von Seiten der Gegner der Orgel vielfach ausgesprochene Drohung, daß mit der Einführung der Orgel in einer Synagoge eine Spaltung in der Gemeinde entstehen könnte, durchaus grundlos erscheinen, während auf der anderen Seite nicht zu verkennen ist, daß die gewaltige Anzahl der Freunde der Orgel, denen bei Nichteinführung derselben kein ihren Wünschen zusagender Gottesdienst offen steht, zu einem erheblichen Theile sich ganz den Gemeindeintereffen, sowohl den ideellen wie den materiellen, entziehen wird. Diese Gedanken und Erwägungen haben jene Männer den Gemeindebehörden zu Köln am Rhein vorgelegt. Und man muß dieses Streben billigen, auch selbst wenn man kein Freund der Orgel ist. Es gehört dazu nur etwas Objektivität. Diese Objektivität fehlt aber unseren Orthodoxen. Nur wenn jedem Juden nach seinem berechtigten Empfinden die Möglichkeit zur freien Religionsausübung gewahrt ist, kann der Friede in der Gemeinde erhalten bleiben. Dann erst wird die Parole: „Gleiches Recht für Alle" wirklich gelten. Jetzt ist sie bei den Herren von der Rechten nur ein leeres Wort, eine Wahlphrase und nichts mehr. Are Woche. Berlin, 7. Januar. ine seltsame Mittheilung kommt uns aus Bremen zu. Die dortige jüdische Gemeinde weigert sich, ausländische Juden, speziell Russen, die zahlungsfähig sind und sich zur Aufnahme melden, in ihren Verband aufzunehmen. So weit uns bekannt, ist dies der erste Fall in Deutschland, und wir müffen gestehen, daß wir diesen Vorgang geradezu unbegreiflich finden, zumal ja in der freien und Hansastadt Bremen eine Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft seitens des Staates nicht verlangt wird, es also dem einzelnen Juden freisteht, sich einer Gemeinde anzuschließen oder nicht. Während in Preußen der Minister des Inneren mittelst Verfügung vom 20. Juli 1897 entschieden hat, daß ausländische Juden, welche im Jnlande wohnen, sowohl das aktive wie das passive Wahlrecht zur Repräsentantenversammlung haben, so daß also in Berlin oder in Breslau und in Frankfurt a. M. ein ausländischer Jude von Staats wegen Vorsitzender der Repräsentantenversammlung sein könnte, wird ein solcher in Bremen nicht einmal in den Gemeindeverband ausgenommen. Eine solche Maßregel muß nothwendig Befremden erregen, sofern sie nicht ausschließlich von der Furcht diktirt wurde, daß jene Russen, die sich zur Aufnahme in den Gemeindeverband melden, diesem in kurzer Zeit zur Last fallen könnten. Ist diese Befürchtung aber allsgeschloffen, so erscheint uns diese Maßregel, wie gesagt, ebenso unverständlich wie unberechtigt. * Die Karriere eines Druckfehlers, so könnte man die Geschichte nennen und feuilletonistisch wirksam verwerthen. Vor einigen Wochen brachten wir nach dem eben neuerschienenen Verzeichniß der wahlfähigen Mitglieder der Berliner Gemeinde eine Zusammenstellung derselben nach den verschiedenen Berufen. Berufsstatistik nennt man das jetzt. Darin war gesagt, daß es hier 46 Lehrer, 17 Rabbiner, 43 Redakteure gebe. Aus diesen Redakteuren machte aber der übelberüchtigte Druckfehlerteufel Rektoren, und nun konnte man mit wahrem Ergötzen verfolgen, welche Verheerungen dieser harmlose Druckfehler angerichtet hat. Ein Schulblatt sieht sich zu der Frage veranlaßt: „Dreiundvierzig Rektoren führt das neueste Verzeichniß der wahlfähigen Mitglieder der Berliner Synagogengemeinde auf. Da sie selbst nur zwei Elementarschulen besitzt, so entsteht die Frage: sind etwa 41 Juden mit der Leitung städtischer Schulen betraut?" Die „Kreuzzeitung" wiederholt natürlich mit der ihr eigenen sittlichen Entrüstung die Frage. Die antisemitischen Zeitungen widmen ihr empörte Leitartikel. Es soll uns nicht wundern, wenn jener Druckfehler noch bis zu einer Interpellation im Landtag avancirt. Und doch hätten sich alle diese Braven aus der allgemeinen Berufsstatistik, ja aus dem Berliner Adreßbuch sehr leicht überzeugen können, daß es nicht einen einzigen städtischen Schulrektor jüdischen Glaubens in Berlin giebt. Hoffentlich haben die lieben Seelen jetzt jene Ruhe, die sie verdienen, und hoffentlich ist die amüsante Geschichte jenes Druckfehlers damit an ihr Ende gelangt. * Durch die Zeitungen geht die Mittheilung, daß der preußische Kultusminister an sämmtliche königlichen Regierungen eine Verfügung, betreffend Unterweisung jüdischer Lehrer in der Obst- und Gartenbaukunde, gerichtet habe. In dieser Verfügung heißt es: „Es ist darüber geklagt worden, daß es jüdischen Lehrern an der wünschenswerthen Bekanntschaft mit der Obst- und Gartenbaukunde fehle. Die königliche Regierung wird veranlaßt, bei der Berufung von Lehrern zur Theilnahme an Obst- und Gartenbaukursen auch auf jüdische Lehrer gebührende Rücksicht zu nehmen." Diese Verfügung ist sicher sehr anerkennenswerth. Die Anregung hierzu ist von Oberschlesien ausgegangen. $ In England giebt es noch keinen Antisemitismus. Aber die Keime liegen auch dort in der Luft. Diese Keime pflegen zuerst in den Zeitungen aufzugehen. Das ist das sicherste Symptom. Unter den Blättern, welche sich der schönen Aufgabe widmen, in England den Antisemitismus zu wecken, steht die Londoner „Daily Mail" obenan. Alle Tatarennachrichten über den Fall Dreyfus erblicken in ihren Spalten zuerst das Licht der Welt. Als ein Spezimen ihres Antisemitismus mag der folgende Bericht aus Berlin gelten:

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