Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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621 Das Martyrium der Juden im Mittelalter. Bon Dr. Heinrich Groß in Augsburg. f er berühmte jüdische Historiker Joseph Hakohen aus Avignon, der im 16. Jahrhundert geblüht hat, nannte sein Werk, in dem er die Geschichte seiner Glaubensgenossen von der Zerstörung des zweiten Tempels und der Auflösung des jüdischen Staates durch die Römer bis auf seine Zeit erzählt, „Das Thränenthal". Das ist eine völlig zutreffende Bezeichnung. Die Juden haben aufgehört, ein selbständiges Volk zu sein, und bildeten, aus ihrem Vaterlande verbannt und über die ganze Erde zerstreut, nur noch eine durch das Band des gemeinsamen Glaubens zusammengehaltene religiöse Gemeinde. Trotz ihrer Hingabe an die neue Heiniath und ihres vollständigen ethnischen Anschlusses wurden sie von den Völkern, unter die sie versprengt wurden, als Fremde betrachtet und behandelt. Sie konnten bei der Verkennung, unter der sie litten, und welche die Quelle der mannigfachsten Vorurtheile gegen sie gewesen ist, mit dem römischen Dichter Ovid in seiner Verbannung sprechen: „Ein Barbar bin ich hier zu Land, da mich Keiner versteht". (Barbaras hic ego sum, quia non intelligor ulli.) Die Geschichte der Juden in der Zeit, von der das genannte Geschichtswerk handelt, berichtet nicht über glänzende Waffenthaten, sondern nur über die schmachvollen Verfolgungen, denen die Juden ausgesetzt waren, und in denen sie mit unerschütterlicher Treue an ihrem Glauben festhielten, aus dem sie die beispiellose Widerstandskraft schöpften, allen Stürmen Trotz zu bieten. Inwiefern diese Verfolgungen in dem Glaubenshasse wurzelten, waren die Juden in der Wirklichkeit das, was der „ewige Jude" in der Sage war. Schon im babylonischen Exil drängte sich ihnen die Frage auf die Lippen, warum sie denn so Schweres erdulden müßten, da sie doch die „Auserwählten Gottes" seien. Der Prophet beruhigte sie damit, daß er sie den „Knecht Gottes" nannte, um damit den Gedanken auszudrücken, daß Derjenige, der sich des Vorzuges erfreut, der Träger der göttlichen Wahrheit zu sein, sich nicht darüber beklagen darf, für sie zu leiden. Die Kirche kennt zahlreiche einzelne Märtyrer, deren Andenken sie an mehreren Tagen des Jahres feiert. Die Synagoge kennt nur einen einzigen Märtyrer, deffen Andenken sie in der Erinnerung aller traurigen Vorfälle das ganze Jahr weihen müßte — das ganze jüdische Volk. Man bewunderte an dem Philosophen Hegel die Kaltblütigkeit, mit der er im Jahre 1806 in Jena während der daselbst stattgefundenen Schlacht unter dem Donner der Kanonen eines seiner bedeutendsten philosophischen Werke niederschrieb. Größer doch ist die Seelenruhe, mit der die Juden im Mittelalter inmitten unsäglicher Leiden eine alle Gebiete des Wissens umfassende, ebenso reichhaltige als glänzende Litteratur geschaffen haben. In den tiefangelegten Erzeugnissen ihres Geistes merkt man auch nicht eine Spur der überaus traurigen Verhältnisse, unter denen sie entstanden sind. Nur ein Zweig dieser Litteratur, die Poesie, ist eine ununterbrochene Kette von Klagen über das schwere Mißgeschick, von dem sie heimgesucht wurden, unter dessen fast erdrückender Last — das ist das Bewundernswerthe an ihnen — doch wieder die freudige Zuversicht auf Erlösung durchbricht. Zunz, der berühmte Pfadfinder der modernen jüdischen Wiffenschaft, leitet den zweiten Abschnitt seines klassischen Werkes über „die synagogale Poesie des Mittelalters" mit dem folgenden herrlichen Satz ein: „Wenn es eine Stufenleiter von Leiden giebt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Litteratur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" i' Zunz beleuchtet nun mit der ihm eigenen diplomatischen Genauigkeit in gedrängtester Kürze die einzelnen Szenen dieser langen, schauervollen Tragödie. Entsetzen ergreift uns, wenn wir diesen 50 Seiten umfassenden Abschnitt lesen, in dem alle Schrecknisse von 1500 Jahren, alle Verfolgungen und Niedermetzelungen der Juden so hart neben einander stehen. Hunderttausende von Juden, etwa so viel, wie das Herzogthum Braunschweig Einwohner zählt, fielen in dieser Zeit dem mohamedanischen und christlichen Fanatismus "zum Opfer. In den Kreuzzügen wurden die blühendsten jüdischen Gemeinden hingerafft. Als im Abendlande (1348—50) der schwarze Tod wüthete, wurden zahllose Juden, die man in thörichter Weise beschuldigte, die Pest verursacht zu haben, erschlagen. Während der (1298) durch den Fanatiker Rindfleisch hervorgerufenen Verfolgung wurden an 140 jüdische Gemeinden vernichtet und an 100000 Juden, unter anderem in Nürnberg 628, hingeschlachtet. Man denke sich die Seufzer aller dieser Märtyrer zu einem einzigen Klagelied zusammengeflossen. Giebt es etwas Herzzerreißenderes? Das ist die Geschichte der Juden im Mittelalter, einem ungeheueren Friedhof gleich, wo Millionen Menschen in Frieden ruhen, die im Leben nichts anderes kannten als den heißen Kampf um das von Glaubenshaß überall gefährdete und verbitterte Dasein, und die nur wegen ihrer unentwegten religiösen Ueberzeugung litten. Die Juden haben allen Denjenigen, welche mit Todesverachtung in ihrem Glauben ausharrten, durch ihr segensreiches, gemeinnütziges Wirken sich um ihre Glaubensgenoffen verdient gemacht oder durch ihre Gelehrsamkeit sowie durch die Förderung der heiligen Wissenschaft sich ausgezeichnet haben, ein treues Andenken bewahrt. Sie haben ihre Namen in besonderen Büchern verzeichnet, die in den Synagogen aufbewahrt wurden, und beteten bei der üblichen Gedächtnißfeier für deren Seelenheil. Diese Verzeichnisse, genannt Memorbücher, das heißt Gedenkbücher der alten jüdischen Gemeinden, dienen der modernen jüdischen Geschichtsforschung als wichtige Quellen. Man schöpft aus ihnen Belehrung für die Gegenwart oder, um mit dem Propheten Jesajas (8, 19) zu reden, „befragt durch sie die Todten für die Lebenden zur Ehre Gottes", zur Belebung des gesunkenen religiösen Geistes. Das sollte der Zweck der jüdischen Geschichte sein, uns einerseits einen Spiegel vorzuhalten und uns in demselben zu zeigen, wie groß und stark unsere Altvorderen waren, die um ihres Glaubens willen das Härteste ohne Murren ertrugen, wie kleinlich, schwach und selbstsüchtig wir dagegen sind, wenn wir wegen unseres Glaubens angefeindet werden, und andererseits durch den Hinweis auf die Kraft des jüdischen Stammes, der sich trotz -aller Leiden, die im Laufe der Zeiten über denselben hereingebrochen sind, erhalten hat, unseren Muth zu heben und unsere Hoffnung zu erwecken. Derselbe Prophet (Jes. 42), der die Israeliten als den Knecht Gottes bezeichnet, ruft ihnen zu: „Geknicktes Rohr zerbricht er nicht, und glimmenden Docht löscht er nicht aus, nach Wahrheit entscheidet er das Recht. Er wird nicht matt, nicht müde, bis er auf Erden gegründet das Recht". Das gilt auch uns. Kehren wir zu den Memorbüchern zurück. Das älteste und reichhaltigste derselben ist dasjenige, das bereits 1296 in Nürnberg angelegt worden ist, bis zum Jahre 1392 reicht und vor dem Jahre 1470 nach Mainz gebracht wurde, wo es vielfach erweitert und nach welcher Stadt es auch irrthümlich von Vielen benannt worden ist. Es geht bis auf das Jahr 1096 zurück, umfaßt also 300 Jahre, die traurigste Zeit der Juden im Mittelalter. Es enthält die Todtenlisten sowie die Martyrologien verschiedener Gemeinden,