Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
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»WWWMWWWW WWWWW WW 619 Ich mußte hier ein düsteres Bild zeichnen, ein Bild mit viel Schatten und wenig Licht. Daß Lichtpunkte vorhanden sind, werde ich zuletzt leugnen. Es hieße die ungeahnte Entwickelung des jüdischen Lehrerstandes im Lauf dieses Jahrhunderts verkennen, wollte man den Seminarien nicht das .Hauptverdienst daran zuertheilen. Sie haben viel für uns getharz, sie haben aus dem Bachur den Mann gemacht, der es an wissenschaftlichem Streben, an Berufstreue und an Begeisterung für alles Große und Schöne seinem christlichen Kollegen gleichthut, der als Gleicher unter Gleichen Schulter an Schulter mit ihm um die höchsten Ideale der Menschheit kämpfen lind streben darf. Aber die Zeit schreitet vorwärts, und wer nicht mit kann, über den schreitet sie hinweg. Darum mein Mahn- und Weckruf an die Kollegen, mitzugehen und mitzuringen, darum meine von Liebe für das Judenthum, von Liebe für unsere Schulen und von Liebe für die kommenden Geschlechter diktirte Aufforderung an die Vorstände und Direktoren unserer Lehrerbildungsanstalten, Umschau und Einschau zu halten und Maßnahmen zu treffen, damit das kommende Jahrhundert, das große kulturelle Aufgaben zu erfüllen hat, und das der Lehrer hierbei nicht entrathen kann, auch die jüdischen Seminarien ihrer großen und wichtigen Aufgabe gewachsen findet, Menschen zu bilden, die befähigt und würdig sind, die Führer des Volkes zu werden. Das amerikanische Asraei. Dargestellt an der Hand von Berichten über die Rabbiner- Äonferenz in Atlantic Lity. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati, O. 6. Das Problem der außerhalb der Gemeinde stehenden Juden. in für das jüdische Gemeindeleben Amerikas außerordentlich wichtiges Problem behandelte der Vortrag des Rabbiners William Rosenau aus Baltimore unter dem Titel: Die Stellung der Gemeinde zu Nichtmitgliedern. Die völlige Trennung von Kirche und Staat hat nämlich auf amerikanischem Boden Verhältnisse geschaffen, wie sie vorher wohl niemals und nirgends innerhalb des Judenthums bestailden haben dürften. Bis in die Mitte dieses Jahrhunderts bezeichncte die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde eine bürgerliche Stellung, und die Nachwirkung dieses Verhältniffes ist heute noch die gesetzliche oder traditionelle Zwangsverpflichtung, einer jüdischen Gemeinde anzugehören. In Amerika hat diese historische Macht sich nie ftihlbar gemacht, und die centrifugalen Kräfte des Judenthums, welche in, sechzehnten Jahrhundert im Orient und in Italien kleine Gemeinden in spanische, italienische und deutsche gespalten und diese Spaltung Jahrhunderte lang perpetuirt haben, konnten sich ungehindert entfalten. Nehmen wir das Beispiel Cincinnatis an, welches in dieser Hinsicht als typisch für die amerikanischen Gemeinden gelten dürfte. Die ersten Juden waren englische Einwanderer, die Anfangs der zwanziger Jahre eine kleine Gemeinde bildeten. Gleich allen englischen Aschkenazim, hatten sie den polnischen Ritus adoptirt. In den dreißiger Jahren begann eine kräftigere deutsche Einwanderung, und als diese Einwanderer zahlreich genug geworden waren, um eine selbständige Gemeinde zu bilden, schüttelten sie das tyrannische Joch ab, welches ihnen den Gewissenszwang aufrrlegte, am Sabbathnachmittag IN anstatt DlblP D’IP z» sagen, lind bildeten eine Gemeinde nach aschkenasischem Ritus. Mit der Zeit war aber die englische Gemeinde durch neue | Zuzügler soweit germanisirt worden, daß sie sich zum Minhag Aschkenas bekehrte, und nun waren wieder die armen Bekenner des polnischen Minhag obdachlos. Dazu kam, daß die ostdeutschen Juden von ihren westdeutschen Brüdern immer ein wenig mitleidig über die Achsel angesehen wurden und — werden. Wenn Einer „acht Schtunde von Kaiserschlautre" herkommt, ist es doch zu natürlich, daß er Denjenigen, der aus dem Regierungsbezirk Oppeln stammt, für einen „Bollagen" hält. Und hat erst Einer das Unglück, in Liffa geboren worden zu sein, dann darf er doch schon gar keinen Anspruch darauf erheben, als ein civilisirter Mensch angesehen zu werden. Einen oder den anderen „Bollagen" läßt man sich gefallen, gerade wie sich ein Magistratskollegirnn einen jüdischen Stadtrath gefallen läßt, aber wenn sie zahlreicher werden und nicht Toleranz, sondern Rechte beanspruchen sollten, dann schreitet die Gemeinde zu Maßregeln, um ihren nationalen Besitzstand zu schützen, gerade wie die Partei des Herrn von Hammerstein. Wer kann es dem geächteten „Bolingen" verdenken, wenn er nun erst recht nicht den melodischen Pismon des Mincha-Eottesdienstes am Versöhnungstag mit dem herrlichen onomatopoetischen „lehukim, bekukim, nekukim" vermissen will? Er sammelt sich seine Landsleute und hat die Genügthuung, sich auch am Versöhnungstage die Schrecken des Gerichts im spn njfijl vormalen zu lassen, obwohl es dem deutschen Nachbar nicht gefällt, und sich an allen 44 133^0 33'2X zu laben, von denen der deutsche Bruder sechs der schönsten gestrichen hat. Kommen nun Kownoer oder Galizier, die sich hier zu Lande euphemistisch „Estreicher" nennen, so wiederholen sich dieselben gesellschaftlichen und rituellen Differenzen, und weitere Trennungen sind die Folge. Diese typische Geschichte des Gemeindelebens ist ein wesentlicher Faktor in der Schwäche des Gemeinsamkeitsbewußtseins, das uns die Thatsache erklärt, daß so viele Juden außerhalb des Gemeindelebens stehen. Dazu kommt der Umstand, daß die hiesigen Gemeinden auf dem Vereinsrecht erbaut sind, daher eine bestimmte Summe als eine Aufnahmegebühr und Mitgliedsbeitrag beanspruchen. Das steigt natürlich mit der geographischen Aristokratie. Die k. k. Ansche Kaidanower oder Mariampoler begnügen sich mit 50 Cents monatlich und zahlen wohl noch Krankengelder an ihre Mitglieder. Das „pohlisch Kahl" verlangt einen Dollar monatlich und stellt seinen Mitgliedern ein freies Begräbniß. Die deutsche Gemeinde verlangt zwei Dollar monatlich, und die amerikanische fashionable Reformgemeinde beansprucht ein Minimum von 50 Dollars jährlich, und der einzige praktische Vortheil, welchen das Mitglied vor dem seatholder (Miether eines Sitzes) hat, ist das Recht, ein Familiengrab zu erwerben. Nun ist es begreiflich, daß Jemand sich denkt: Die Synagoge darf ich besuchen, meine Kinder kann ich ohnehin in die Religionsschule schicken, den Rabbiner muß ich für private Dienstleistungen ohnehin bezahlen. Warum soll ich mir ein schweres finanzielles Opfer auferlegen, um dann doch nur als ein armer Teufel, der die niedrigste Taxe zahlt, von den Gemeindemagnaten über die Achsel angesehen zu werden? Dazu kommt ebenso wie in Europa die religiöse Gleichgiltigkeit. Ich lese z. B. aus Berlin, daß die Uebertritte zum Christenthum gerade aus den Reihen der höchsten Steuerträger kommen. Diese Konvertiten sind sicherlich vorher Jahre lang allem Gemeindeleben fern geblieben, und die Steuerquittung war das einzige Bindeglied zwischen ihnen und der Gemeinde. Solche nominelle Gemeindemitglieder giebt es hier zu Lande nicht, und ebenso wenig giebt es Täuflinge. Hier und da findet man wohl einen armen Teufel, der in bitterster Noch sich für armseliges Werbegeld dem Missionar verkauft, oder einen verbummelten Studenten, der mit großen Illusionen hierher gekommen und bald einsieht, daß die intelligente Klaffe viel schwerer