Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
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RSSfW MW 618 leiten hat, ich erinnere nur an die Vorbereitung zu einer höheren Schule dort, wo eine solche nicht besteht. Die Gemeindemitglieder werden nur im Unvermögensfalle des Lehrers diesen Unterricht dem christlichen Geistlichen ayvertrauen, ein wie schönes Mittel zur Besserung seiner gesellschaftlichen und materiellen Position wäre aber dem Lehrer eine gewisie Vertrautheit mit fremden Sprachen. , . Sodann aber ist es für gar manchen jüdischen Lehrer eine Nothwendigkeit, sich weiter fortzubilden, weil ihm das niangelt, was ihm unter den heutigen Verhältnissen es erschwert, ja vielfach geradezu unmöglich macht, festen Fuß in einer Gemeinde zu fassen, die Befähigung zum Kantorat. Wenn aber das Seminar seinem Abiturienten nicht die geistigen Mittel zum Vorwärtsschreiten mitgegeben hat, dann zerschellt sein Lebensschifflein gar zu leicht an den Klippen, die auf dieser schwierigen Fahrt liegen, und es sind in der That auch nur Wenige, die in den sicheren Hafen einlaufen. Mein Aufsatz wiese eine Lücke auf, wollte ich nicht noch mit einigen Worten auf die Stellung des Lehrers als Kultusbeamter eingehen. Von gar vielen Seiten wird der Vorwurf gegen die Seminarien erhoben, sie vernachlässigten die Ausbildung ihrer Zöglinge nach dieser Richtung hin. Aus diesen Vorwürfen ist ersichtlich, daß man im großen Publikum der Thätigkeit des Lehrers als Kantor und Schächter eine größere Wichtigkeit zumißt als beispielsweise seiner Thätigkeit als Religionslehrer. Ich muß gestehen, daß ich der Ansicht bin, ein Mann, der mit pädagogischem Geschick, mit Liebe und Begeisterung auf dem Katheder und auf der Kanzel wirkt, trägt ungleich mehr zur Erhaltung des Judenthums bei als Derjenige, der durch seinen Gesang die Hörer entzückt und das, wie auch ich anerkenne, so wichtige Amt der Schechita mit Gewiffenhaftigkeit und Geschick ausübt. Es kann nicht mehr unserem Geschmack entsprechen, den Lehrer, dessen soziale Stellung doch eine andere geworden ist, mit dem Meffer hantiren zu sehen. Und darum sage ich, ein Seminar, das seine Zöglinge zu wahrhaft Gebildeten, zu Führern der Jugend und zu Leitern der Gemeinden erziehen will, darf sie nicht zu einer Beschäftigung leiten, die unter allen,Umständen ihrer Würde Abbruch thut. Anders liegt es mit dem Kantorat. Denn ich verkenne nicht, daß durch eine würdige Ausgestaltung des Gottesdienstes, insbesondere durch würdigen Vortrag der Gebete, ungemein viel für den Zusammenschluß der Gemeinde, für den äußeren Bestand der Religionsgemeinschaft geschehen kann. Aus diesem Grunde möchte ich sehnlichst wünschen, daß die Seminarien mehr für die Ausbildung der Kantoren thun könnten. Aber bei dem „reichlich besetzten Tisch des Seminars" erscheint es mir fast unmöglich, in dieser Beziehung bessere Resultate zu erzielen. Hoch erfreulich wäre es darum, wenn von den besten Kantoren Deutschlands, nach dem Vorbilde Birnbaums in Königsberg, Fortbildungskurse eingerichtet würden. Wenn die Kurse längere Zeit währten, und den Theilnehmern Gelegenheit geboten würde, auch ihre musikalische Ausbildung zu einem gewissen Abschluß zu bringen, dann könnte einem wirklichen Mangel abgeholfen werden. Dann könnten die größeren und mittleren Gemeinden auf besser geschulte Kantoren rechnen, während die kleineren, weniger leistungsfähigeren allerdings mit denen vorlieb nehmen müßten, die ihre Ausbildung auf dem Seminar genoffen haben. Höchst wünschenswerth wäre es dann auch, daß den bedauernswerthen Kandidaten des Lehramts, denen jegliche musikalische Befähigung fehlt, die Qual erspart bliebe, sich zum Kantor preflen zu laffen und dann in der Gemeinde als Vorbeter fungiren zu müssen. Wären unsere Seminarien so, wie wir sie wünschen, leisteten sie das, was der Reformgedanke fordert, dann würde ich mit Entschiedenheit dafür plädiren, daß musikalisch wenig beanlagte Zöglinge vom Musikunterricht ganz befreit werden. Ihre Verwendbarkeit im Dienste würde dadurch beschränkt werden, aber wie Diejenigen, welche musikalische Fähigkeiten besitzen, wie ich schon ausgeführt habe, sich ihre Ausbildung auch in diesem Fach angelten sein laffen müßten, so würden sie mit Eifer einem anderen Ziele zustreben und es auch leichter als bisher erreichen können, sie würden mit dem ihnen int Seminar gewordenen Pfunde wuchern, sich fortbilden und nach dem Maße ihrer Kräfte und Fähigkeiten einen Wirkungskreis zu erlangen suchen, den sie auszufüllen vermögen. Wer sich in der traurigen Lage befunden hat, singen zu müssen, obgleich ihm Gesang nicht gegeben, wer das mitleidige Lächeln wahrgenommen, das dem Stümper vor dem Omed gegolten, wer erfahren, daß man unbarmherzig den Stab über den ganzen Menschen gebrochen hat, mag er ein noch so tüchtiger Lehrer, ein noch so strebsamer Mann sein, der muß es von ganzem Herzen wünschen, daß Verhältniffen ein Ende gemacht werde, durch deren Wandlung alle Betheiligten nur gewinnen können. Man erwartet sicherlich noch ein Wort über das Seminarleben selbst und über die Seminarmethodik zu hören. Daß in ihnen wichtige Momente zur Bildung des künftigen Lehrers liegen, ist unleugbar, doch spielen hier persönliche und lokale Faktoren eine zu große Rolle, so daß sich nur ganz allgemeine Gesichtspunkte aufstellen laffen. In der Frage, ob das Seminar Internat oder Externat sei, schließe ich mich der Meinung Drewkes an, der sagt: „Sind wir auch grundsätzlich für das Externat, so soll das Internat auch statthaft sein, Nur darf das Internat niemals eine Kaserne, die aussichtführenden Lehrer dürfen keine Unteroffiziere sein. Ein gesunder, freier und sittlicher Geist müßte darin herrschen. Im letzten Jahrgang müßte allerdings jeder Seminarist aus leicht erklärlichen Gründen dem Externat überwiesen werden, damit er hier an Selbstständigkeit zunehme." Ich füge diesen Worten hinzu: Die Seminarlehrer, denen das Wohlergehen ihrer Zöglinge am Herzen liegt, sind verpflichtet, auch für eine vernünftige gesellschaftliche Ausbildung der Seminaristen Sorge zu tragen, damit die Ecken und Kanten an dem werdenden Menschen abgeschliffen werden, damit die Lehrereigenheiten, die zu Spöttereien Anlaß geben und schon manchem Lehrer verhängnißvoll geworden sind, ausgemerzt werden. Anerkennenswerth sind die bisherigen Bestrebungen mancher Seminarlehrer auf diesem Gebiet, die vielleicht erfolgreicher gewesen wären, wenn sie mit mehr Liebe und Interesse verbunden gewesen und nicht von beiden Seiten als Zwang aufgefaßt worden wären. Uebrigens hängt diese Frage innig mit dem jeweiligen Stand der Seminarien zusammen, und wir dürfen die Hoffnung hegen, daß, sobald sich die jüdischen Lehrerbildungsanstalten von ihrer drückenden pekuniären Lage befreit haben, ihre Zöglinge auch Eingang in gute Familien finden werden, während man sie jetzt vielfach den Waisenkindern gleichachtet und ihnen mehr beschämendes Wohlwollen als achtungsvolles Interesse entgegenbringt. Ueber die Seminarmethode kann ich mich ganz kurz faffen. „Der Lehrer ist die Methode", dieses Wort gilt hier ganz besonders. Wenn der Lehrer seinem schwierigen Amt wiffenschaftlich gewachsen ist, wenn er mit Liebe an die Bildung seiner Zöglinge herantritt, wenn er sie für ihren Beruf begeistern will, chann wird er auch unschwer den richtigen Ton treffen. Dann wird er seine Schüler nicht „sklavisch an das Lehrbuch binden, nur aufgeben, abhören und einbläuen, damit die Prüfung einem Mühlwerk gleicht", er wird vielmehr ihre Bildung zu vertiefen suchen, sie zu regem Vorwärtsstreben aneifern und so dazu verhelfen, daß „eine zur gedeihlichen Entwickelung auf die Gesammtbildung unseres Volkes befähigende Vorbildung der Lehrer der Volksschulen erreicht werde". I