Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Der Vorsitzende dankte Herrn Mannheim für seine trefflich gelungene Arbeit, die durch die statistischen Beläge den Charakter der Gründlichkeit trug, auch Herrn Geisenberg für die schöne Lektion und allen Denen, die zum Gelingen der Versammlung beigetragen haben. Schöneck, 6. Oktober. Robert Rose. ScSJilS Ueber die Vorbildung des jüdischen Lehrers. Bon Mittelschullehrer Josef Feiner in Hamburg. III. er bekannte Schulinspektor Scherer-Worms fordert an Stelle des Bildungsganges, den die höheren Schulen weisen, den Besuch einer auf die Volksschule aufgebauten 4 klassigenOberbürgerschule, die er vorzugsweise durch Ausgestaltung der bestehenden Präparandenanstalten zu gewinnen hofft. Andere wünschen reformirte Präparandenanstalten, Andere 6- oder 7 klassige Seminarien. Bemerkenswert ist ferner ein Vorschlag von Lews in Nr. 141 der „Preußischen Lehrerzeitung". Er hält es für möglich, gut geschulte 13- oder 14jährige Volksschüler in 4 oder 5 Jahren zur Reifeprüfung einer höheren Vollanstalt zu fördern, Direktoren und Lehrer höherer Schulen haben ihm zugestimmt. Ich halte den letzteren Weg für unsere Aspiranten für besonders gangbar, da unsere Seminarien meistens Landschüler aufnehmen. Ihre Vorbildung in der Landschule reicht für den Eintritt in die Präparandcnanstalt meistens nicht aus, ihre Väter sind selten mit Glücksgütern gesegnet, da wären also ohne sonderlich große Opfer glänzendere Resultate zu erzielen, als sie jetzt erzielt werden können. Allerdings müßte dann energisch die Forderung aufgestellt werden, daß nur begabte Landschüler dem Lehrberuf zugeführt werden. Dann müßte aber auch das für uns so wenig schmeichelhafte Wort als Losung wegfallen: Der Junge taugt nicht zum Kaufmann oder Handelsmann, er muß Lehrer werden; als ob der Beruf des Lehrers weniger Intelligenz, weniger Energie, weniger Thatkraft erforderte. Wenn ich nun dazu übergehe, die Stellung der verschiedenen Bundesstaaten zu den Forderungen der Neuzeit in der Lehrerbildungsfrage und auch ihre Stellung zu den jüdischen Lehreraspiranten zu bezeichnen, dann muß ich zunächst Preußens gedenken. Preußens, in dem gegenwärtig die Reaktion ihre Triumphe feiert, und wo nian am liebsten durch ein Schulgesetz k la Zedlitz jede Reform lahmlegen möchte. Da jedoch ein Versuch dazu, besonders durch das Eingreifen des Monarchen, gescheitert ist, wählt man den anderen, nicht minder sicheren Weg zu dem ersehnten Ziel. Und der preußische Kultusminister, deffen Verdienste in der Besoldungssrage auch hier lobend gedacht sein möge, weiß auf dem Verwaltungsweg Maßnahmen zu treffen, die an ein Wiederaufleben der seligen Regulative gemahnen. In derselben Zeit, wenn ich nicht irre, in demselben Monat, da Deutschlands Lehrer in Breslau eine Reform der Lehrerbildung verlangten, da die berufenen Vertreter des Lehrerstandes darthateu, daß es dem Stande zum großen Schaden gereiche, wenn die Aspiranten nur mit der Reife eines Volksschülers in das Seminar einträten, da ordnete er an, daß in den Präparandenanstalten Westfalens nicht über das Ziel der Volksschule hinausgegangen werden dürfe, da verfügte er ferner, daß nur eine Stunde Zeichenunterricht ertheilt werden solle, damit die dadurch gewonnenen Stunden dem Katechismusunterricht zu gute kämen. Daß es bei solchen reaktionären Bestrebungen völlig ausgeschlossen ist, die staatlichen Anstalten den jüdischen Lehramtskandidaten7geöffnet zu sehen, ist nicht weiter verwunderlich. Besser steht es in dieser Beziehung in Oesterreich, Hessen, Baden und Hamburg. Besonders von Hamburg muß ich sagen, daß hier fast ideale Zustände herrschen. Alle wissen ja auch, welch eine tüchtige und strebsanie Lehrerschaft hier wirkt. Man darf getrost sagen, daß Hamburgs Volksschullehrer in allen Reformbestrebungen, die Kunst Wissenschaft, Volkserziehung zum Gegenstand. haben, kräftig mitrathen und mitthaten, ja vielfach initiativ vorgegangen sind und Vorgehen. Daß dem so ist, ist nach meiner Ansicht nicht zum wenigsten dem hiesigen Seminar zu verdanken. Die Forderungen bei der Aufnahme sind hohe. So weiß ich, daß von zwei Schülern, die ins Seminar eintraten, und die beide das Reifezcugniß einer Realschule erlangt hatten, der eine in die sechste, der andere in die fünfte Klasse ausgenommen wurde. Das Seminar ist bekanntlich sechsklassig. Selbstverständlich ist der Lehrplan auch ein solcher, daß, entsprechend der Vorbereitung, ein Fortschreiten gesichert erscheint. Zu Nutz und Frommen der jüdischen Lehrerbildungsanstalten, deren Bestimmung nach meiner Meinung einen gleichen oder ähnlichen Lehrplan erforderte, theile ich denselben hier mit: Religion VI—I je 2 Stunden; Pädagogik III—I je 4 Stunden; Englisch VI—I je 4 Stunden; Französisch VI—I je 2 Stunden; Physik VI—I; Chemie VI—I; Turnen VI—I; Geographie und Zeichnen VI—II; Schreiben VI—III; Musik fakultativ. Die Ziele im Französischen und Englischen sind gleich dem, was in der Mittelschulprüfuug verlangt wird. Wie in Hamburg, giebt's auch in folgenden Staaten sechsklassige Seminarien, im Königreich Sachsen, in Altenburg, Braunschweig, Weimar, Gotha, Anhalt, Reuß j. L. und in Bremen. In Braunschweig wird zur Aufnahme in das Seminar der zweijährige erfolgreiche Besuch der ersten Klasse der Bürgerschule oder die Absolvirung der Untertertia des Gymnasiums verlangt. Wie weit man aber in dem als reaktionär verschrieenen Sachsen dein Reformgedanken nahe gekommen ist, beweist der Umstand, daß schon seit dem Jahre 1865 den Lehrern, die in der Abgangsprüfung die Note I erlangt haben, ohne Weiteres, denjenigen. die eine II bekommen haben, nach Erlaubniß des Ministers der Besuch der Universität gestattet ist. Man hat mit dieser Einrichtung nur günstige Resultate erzielt was Universitätsprofessor Zarnckc-Leipzig mit folgenden Worten bekundet: „Der Umstand, daß den sächsischen Seminar-Abiturienten mit besten Zeugnissen der Eintritt in die hiesige Universität gewährt wird, hat eine große Anzahl sehr tüchtiger junger Männer unserer Universität zugeführt, die durchweg durch immensen Fleiß Bedeutendes geleistet haben und unseren besten Studenten zuzuzählen sind." Es erübrigt mir nur noch, auch die jüngste Verfügung einer Bundesregierung, betreffend die Bildung der Lehrer, bekannt zu geben. Zu diesem Zweck lege ich das Ministerialblatt für Kirchen- und Schulangelegenheiten im Königreich Baiern vom 12. August dieses Jahres vor. Aus demselben ist zu ersehen, daß man in Baiern auch behördlicherseits bestrebt ist, den Lehrerstand zu heben, was besonders aus der Zulassung des fremdsprachlichen Unterrichts im Lateinischen und Französischen zu ersehen ist. Während jedoch in Baiern der lateinische Unterricht nur fakultativ ist, ist er in Schleiz und Sachsen schon längst obligatorisch. Wir ersehen also, daß es den jüdischen Seminarien nicht an Vorbildern fehlen würde, um neue Einrichtungen zu treffen, Einrichtungen, durch die sie bekunden, daß sie Verständniß haben für die Bedürfnisse der Gemeinden, Verständniß für die Bedürfnisse der Lehrer. Nicht wenige Gemeinden haben geradezu einen Lehrer nöthig, der das gesteigerte Bildungsstreben bis zu einem gewissen Grade zu