Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- Seite 615 (sequence 3)
- Language
- German
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615 lichc Müdchcn mt§ dem Bürgers! <mdc. Dennoch sei diese Aristokratie antisemitisch, also seien wenigstens die jüdischen Frauen assimilirbar. Der Kapitalismus sei interkonfessionell, der christlich<nicht minder ausbeuterisch als der jüdische. Seien Lesseps, Bontoux, Freder Juden gewesen? Der Antisemitismus sei ein deutsches Gewächs, das erst nach Frankreich importirt wurde. Ueberhaupt wende sich der Antisemitismus gar nicht gegen die reichen, sondern gegen die armen Juden. Gerade in Algier sind diese meist arm, und doch bemüht sich der Antisemit Rsgis, den ärmsten jüdischen Hausirern und Kutschern ihr kümmerliches Brod zu rauben. Rouanet schloß mit der emphatischen Erklärung, werde der Antisemitismus Erfolg haben, so führte er zur Auflösung Frankreichs. Die bedeutendste rednerische Leistung der Sitzung war aber die Rede des Ministerpräsidenten Dupuy. Mit großem Sarkasmus wies derselbe Drumont nach, daß seine und seiner Kameraden Wähler gar keine Franzosen, sondern Spanier und Italiener seien; habe doch Drumont selbst sich je nach Bedürfniß als Signor oder Sennor Edoardo Drumont bezeichnet und seine Manifeste spanisch oder italienisch abgefaßt. Dupuy erklärte energisch, er habe selbst den Präfekten Lutaud ausgewählt, weil dieser sein volles Vertrauen durch seine Energie und Zuverlässigkeit verdiene. Lange genug habe die Regierung geschwiegen, aber sie dulde nicht mehr, daß die Prinzipien von 1789 mit Füßen getreten würden. Wohl hätten die Juden in Algier ihre Fehler, aber keiner der Redner habe ein richtiges Mittel angegeben, wie dem abzuhelfen sei. Der Antisemitismus sei keine Doktrin, die Antisemiten seien Sektirer. Nur die strikte Durchführung der Prinzipien von 1789 könne Genesurig bringen, Verweltlichung des Staates, Gewissensfreiheit, Gerechtigkeit, bürgerliche und politische Gleichberechtigung. Diese Prinzipien werde die Regierung immer vertreten und zu vertheidigen wissen. Der Minister schloß mit den Worten: „Seien wir gütig und entschlossen gegenüber den Eingeborenen Algeriens, appelliren wir an ihre Empfindungen für die Menschlichkeit, dann können wir sicher sein, Algerien stark und glücklich zu machen." Mit großer Majorität wurde der Anschlag der Rede Dupuys in Algier beschlossen und mit 406 Stimmen gegen 10 eine Tagesordnung angenommen: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung nach den Prinzipien von 1789 und zählt auf dieselbe in der Hoffnung, daß sie der Gewissensfreiheit, der Sicherheit der Personen und des Eigenthums in Algier Achtung verschaffen wird." Alsdann ging man über den Antisemitismus zur Tagesordnung über. <4f* Die Juden in Persien beginnen wieder aufzuathmen. Die Eröffnung einer Alliance-Schule in Teheran hat dort Wunder gewirkt. Besonders der Premierminister des Schah interessirt sich für die Sache. Dem letzten Monatsbulletin der Alliance Israelite Universelle entnehmen wir aus einem Briefe des Direktors der Schule folgende Einzelheiten darüber: „Vorige Woche wurde ich zum Premierminister berufen. Er sagte mir, daß er den Wunsch gehegt, mich zu sehen und zu ermuthigen in dem Werke, welches ich in Persien unternommen. Er gab mir die Versicherung, daß die Regierung diesem Regenerationswerk der persischen Israeliten mit Interesse folgt. Es sind persische Unterthanen, sagte er, und Se. Majestät machen keinen Unterschied unter seinen Unterthanen, welchem Glaubensbekenntniß sie auch angehören. Die Israeliten unseres Landes hatten es nöthig, daß Jemand käme und sie in die Civilisation und Wissenschaft einführten; er beglückwünschte die Alliance, daß sie diese Aufgabe übernommen, zu deren Durchführung sie auf die Unterstützung der Regierung rechnen darf. Alle diese Thatsachen find bekannt geworden und verfehlen nicht, großen Einfluß auszuüben. Für die Emen ist es eine Befriedigung, für die Anderen eine sehr nöthige Warnung. Die fanatischen Priester begreifen, daß sie sich großer Mißbilligung aussetzen, wenn sie neuerdings Aufstände gegen die Israeliten heraufbeschwören. Einige unter ihnen haben sich beruhigt, die Anderen bewahren eine reservirte Haltung, doch hoffe ich, daß sie sich entschließen werden, dem guten Beispiel zu folgen. So befinden wir uns also in einer Periode der Ruhe, die, wie ich glaube, von Dauer sein und zum Normalzustand wird. Während des Festes vom 30. Oktober erinnerten mich einige Leute daran, wie es gerade ein Jahr her sei. daß große, in der ganzen Stadt angebrachte Plakate die Mohamedaner aufforderten, sämmtliche Juden zu massakriren. Es waren die Zustände so beängstigend, daß die Legationen sehr in Sorge waren, und der englische Gesandte mehrere seiner besonderen Gardisten gesandt hatte, ihre Insignien sehr zur Schau tragend, um das israelitische Viertel zu schützen. Die Regierung hatte gleichfalls Soldaten geschickt; es gab einige Zusammenstöße, doch zum - Glück nichts Ernstliches. Eine Woche hindurch wagten es die Israeliten nicht, auszugehen und ließen ihre Borräthe durch gefällige Mohamedaner beschaffen. Welcher Unterschied gegen die heutige Lage der Dinge! Unsere Glaubensgenossen erkennen es an, daß sie dieses Wunder der Alliance danken. Ihr Herz ist voll Dankbarkeit, und es ist mir eine Freude, ihre Dankesbezeugungen entgegen zu nehmen und weiter zu befördern. Leider bessert sich die Lage in der Provinz nicht. Die Centralgewalt ist entfernt und kann nicht eingehend wirken. Unsere Glaubensgenossen in Jspahan senden mir täglich Klagen, ich befördere dieselben weiter an die Behörden, aber es müßte Jemand an Ort und Stelle sein, um ihre Lage zu verbessern." Protokoll drr 2. Iahresvrrfammlnng des „Vereins jüdischer Rrligionslehrrr Mrstprrntzrns" zu Marienwerder am 4. und 5. Oktober. Sie Versammlung fand im Konferenzzimmer der städtischen Knabenschule statt, das in liebenswürdiger Weise von Herrn Rektor Funk zur Verfügung gestellt wurde. Es waren erschienen die Herren Jaffe-Deutsch-Krone, Vorsitzender, Chaim-Thorn, Geisenberg- Marienwerder, Kroll-Dirschau, Mannheim-Graudenz, Rose-Schöneck, Rynarzewski - Pr. - Stargard und als Gäste die Herren Rabbiner Dr. Rosenstein-Graudenz und Rabbinats-Kandidat Kutna aus Berlin, z. Z. Dirschau. Der Vorsitzende, Herr Jaffe, eröffnete am 4. Oktober, Nachmittags 3 Uhr, die Sitzung und begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten. Herr Geisenberg-Marienwerder theilte mit, daß der Vorstand der Synagogen-Gemeinde Marienwerder, Herr Hirschberg, sehr gern der Versammlung beigewohnt hätte, aber leider geschäftlich verhindert sei; er ließ aber durch Redner kein Bedauern darüber ausdrücken, er bringe unserem Verein großes Interesse entgegen und wünsche ihm auch ein ferneres Gedeihen. Zum Zeichen des Wohlwollens lade er die erschienenen Herren zu einem gemeinsamen Mittagsmahl am zweiten Bersammlungstage ein. Herr Rabbiner Dr. Rosenstein-Graudenz hält es für wünschenswerth, daß sich sämmtliche Rabbiner Westpreußens dem Verein anfchließen, da die Religionsfchule auch das Arbeitsfeld der Rabbiner sei, mithin Rabbiner und Lehrer gemeinsame Interessen hätten. Redner wolle als Vorsitzender des westpreußischen Rabbinerverbandes mit gutem Beispiel vorangehen und erkläre seinen Beitritt. Der Rendant, Herr Geisenberg, gab nun den Kassenbericht. Der junge Verein habe im letzten Jahre 20 Mark Einnahmen und 9,90 Mark Ausgaben gehabt, so daß ein Kassenbestand von 10,10 Mark verblieb. Die Versammlung ertheilte dem Rendanten Decharge. Darauf erhielt Herr Mannheim-Graudenz das Wort zu seinem Bortrage: „Die berufliche und soziale Stellung des jüdischen Lehrers". Der Referent führte aus, daß der jüdische Lehrer, soweit er als Aeligionslehrer wirkt, dem christlichen Kollegen gegenüber eine gewisse Sonderstellung einnimmt. Während man von diesem nur verlangt, daß er ein tüchtiger Lehrer und Erzieher sei, muß Jener gewöhnlich die sämmtlichen Funktionen eines Kultusbeamten ausüben. Referent ging auf die berufliche Stellung näher ein: Das Gesetz vom 23. Juli