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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-30 · Heft 52 (30.12.1898) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 52 (30.12.1898)
Date
1898-12-30
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
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614 gangen in Frankreich gezogen werden können, ergeben sich von selbst. — Italien, England, Holland und Belgien sind immer noch die einzigen Länder, in die der Antisemitismus keinen Eingang zu finden vermochte, obwohl es an Versuchen hierzu nicht fehlte, wie die Fremdenbill im englischen Oberhause und verschiedene Bewegungen in Brussel gezeigt haben. In Rußland herrscht noch iinmer der Zickzackkurs. Die eine Woche bringt neue Maßregeln gegen die Juden, die nächste einige Erleichterungen für dieselben. Das Alkoholmonopol hat Tausende von Existenzen zerstört, dagegen haben die Konzessionen für Landwirthschaft und Ackerbau neue Aussichten erschlossen, und auch die Hoffnung auf Reform oder gar Abschaffung der jüdischen Steuern scheint keine vergebliche zu sein. Bestätigt sich die Nachricht, daß die Tage des Oberprokurators,Pobiedonvszew gezählt sind, so wäre für die Juden in Rußland gegründete Aussicht auf eine endliche Besserung ihrer Verhältniffe vorhanden. Das klassische Land des Judenhasses, Rumänien, hat auch in diesem Jahr durch die von der Regierung geduldete, von den Gerichten sogar gutgeheißene Judenhetze in Bukarest und durch die förmliche Ausschließung der jüdischen Kinder von den Schulen dtn Beweis erbracht, daß man dort nichts gelernt und nichts vergessen hat. Dagegen ist die Lage der Juden in Serbien eine viel günstigere, und auch in Bulgarien haben sie sich int Großen und Ganzen nicht zu beklagen. Aus der Türkei ist diesmal nur wenig zu berichte». Die Reise des deutschen Kaisers nach Palästina hat von Neuem die Aufmerksamkeit auf die heiligen Stätten gelenkt, die unter Souveränität des Sultans stehen. Nur die übertriebenen nationalen Aspirationen der Zionisten haben das Verbot der Einwanderung von Juden hervorgerufen, das sicher bald aufgehoben werden wird. Ueberaus traurig war auch in diesem Jahre die Lage der Juden in Persien und Marokko, wo sie blutigen Verfolgungen auSgesetzt gewesen sind, und wo selbst der Schutz der Herrscher gegen diese Ausschreitungen sich als zu schwach erwiesen hat. So eröffnet sich denn zum Schlpß abermals der tröstliche Ausblick nur noch auf dos freie Amerika, das trotz verschiedener Gehässigkeiten Einzelner doch noch immer das Sternenbanner der Freiheit hoch emporgehalten und die Gleichberechtigung der Juden in vollem Umfange gewahrt hat. Diese Gleichberechtigung bleibt somit noch immer das Ziel, das wir z» erreichen haben. Aber nicht von den Juden hängt es ab, wie Leopold Zunz schon vor mehr als 50 Jahren so treffend sagte, ob sie dem Ganzen schädlich oder nützlich sein müssen, sondern nur von der allgemeinen Civilisation und der diese bestimmenden Gesetzgebung. Hoffen wir, daß diese Erkenntniß im nächsten Jahre sich immer weitere Kreise erobern werde. Air Woche. f Berlin, 28. Dezember. er Zug des Todes führt in dem zu Ende gehenden Jahre eine große Schaar frommer und edler Männer und Frauen mit sich, die durch Gaben des Geistes und Tugenden des Herzens vielfach ausgezeichnet waren. Von Rabbinern nennen wir wn dieser Stelle Samuel Mohilewer, Dr. E. Plcßner, Tobias Tal, Israel Costa, Simon Levy, Jacob Content, die DDr. Jaffe, Mayer, David und — achvon achrou chabib — unseren treuen Mitarbeiter Dr. Benjanrin Rippner. Von angesehenen Schulmännern finden wir in dem Zuge die DDr. S. Apolant, H. Heinemann, I. Stein, S. Kayserling und B. Samuelsohn. Von jüdischen Gelehrten, Dichtern und Schriftstellern seien nur David Levi, Fabius Mieses. Isidor- Busch, Marco Diena und Adolf Kulka genannt, von hervorragendeit Männern der Wissenschaft auf allen Gebieten Prof. Ferdinand Cohn, Ernest Hart, M. Bergson. Prof. H. Gchapiro, F. E. Trier, David Gruby. Groß ist die Zahl edler Männer, die im praktischen Leben gestanden urtd auf verschiedenen Gebieten für das Judenthum oder jür die Allgemeinheit viel geleistet haben. Sie beginnt mit Emil Lehmann in Dresden^ darur kommen S. H. Goldschmidt in Paris, Laz. Strauß in New-Iork, Abr. Dinin in Odessa. Geheimrath Julius Schwabach in Berlin, Baroil Ferdinand v. Rothschild in London, Al. Werthauer in Leipzig, Aug. Abrahamson in Nääs, Adolf Ginsberg in Berlin, Josef Hieldburghäuffer in Wien, I. Z. Hamburger in Breslau, Gustav Hirsch in Berlin, Kommerzienrath Moritz Milch in Posen, Moses Angel in London, Kommerzienrath Louis Elsaß in Cannstatt, Kommerzienrath S. Ullmann in Fürth, Moses Halle in Berlin, I. Samuel in Stettin, Moritz Diamant in Lemberg, Oberrath Simon Bensheim in Mannheim, F. Blumenfeld in Münster, Dr. John Israel in Hamblirg, Sanitätsrath Marcuse in Frankfurt a. O., Kommerzienrath Emil Meyer in Coethen, Stadtrath Benj. Liebmann in Köln.Sanitütsrath Grünfeld in Landsberg a. W. n. v. A. Ausgezeichnete Frauen waren Johanna v. Bischitz in Budapest, Frau Oberregierungsrath Mayer in Elberfeld und Auguste Steinschneider in Berlin. Möge das Andenken der Edlen und Guten zum Segen sein, möge ihr Vorbild und Beispiel zur Nacheiferung wirken für die kommenden Geschlechter! * Das alte Jahr sollte nicht scheiden, ohne daß wir den Antisemitismus der Agrarier, die bekanntlich das Mäntelchen nach dem Winde zu hängen belieben, in seiner vollen Klarheit erkannt hätten. Der jetzige Bundesvorsitzende, Freiherr v. Wangenheim, hat kürzlich in Königsberg in einer Rede die politischen Parteien auf ihre Bundesfreundlichkeit hin geprüft. Gegen den Grundgedanken des Antisemitismus, sagte er, sei nichts einzuwenden, denn er sei durchaus gesund, allein in der Partei seien Persönlichkeiten an die Oberfläche gekommen, die niemals hätten an das Licht gelangen dürfen. Das wird den Antisemiten nicht passen, ist uns aber gleichgiltig. In jedem Falle wisien wir genau, was wir von den Agrariern zu erwarten haben. * Die letzte Antisemitendebatte in der französischen Kammer hat für die Jndenhetzer mit einem argen Krach geendet. Die Angelegenheiten von Algier hatten Drumont zu einer Interpellation über die Absetzung von Max Regis Veranlaffung gegeben, und der Sozialist Rouanet interpellirte die Regierung über ihre Haltung in Algier. Drumont hatte einen schlechten Tag gehabt, er beschränkte sich darauf, den gemeinsamen Haß der Einwohner Algiers gegen die Juden zu schildern und drohte, daß, wenn man nicht die Antisemiten gewähren lasse, Frankreich Algier ebenso verlieren werde, wie Spanien Kuba verloren hat. Die Schilderung der Exzesse sei in den Judenblättern arg übertrieben; wenn Regis Fehler gemacht habe, so seien dieselben seiner Jugend zu gute zu halten, und er sei doch der Vertrauensmann der Behörden und des Volkes von Algier. Drumont forderte schließlich eine parlamentarische Untersuchung der Verhältniffe in jener Kolonie. Nun begründete Rouanet, einer der besten sozialistischen Redner, seine Interpellation. Er lenkte die Debatte auf das allmeine Gebiet und rollte die ganze antisemitische Frage auf. Man sage, die Juden seien nicht assiniilirbar. Der Redner bewies aus den Büchern Drumonts und der Gyp, wie enorm viele Kavaliere bec höchsten Aristokratie Jüdinnen geheirathet haben, viel mehr als christ-

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