Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 52. Allgemeine Berlin. 30. Dezember 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Phttippson-Nonn. Verlags-Crpedüion: Berlin, Äernfalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel. Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. :r M. Redacteur: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Rückblick. — Die Woche.-Protokoll der 2.Jahres- Versammlung des „Vereins jüdischer Religionslehrer Westpreußens". — Heber die Vorbildung des jüdischen Lehrers. III. Von Josef Feiner.— Das amerikanische Israel. Von Prof. Dr. G. Deutsch (Forts.). — Das Martyrium der Juden im Mittelalter. Von Dr. Heinrich Groß. — Feuilletonr Die Rose von Saron. XXVII. — Litteraturberichte. Von Dr. M. K a y s e r l i n g. — Litterarische Mittheilurigerr. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten r Berlin, Aus Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Kempen. Kiel, Bielefeld, Schwerte, Köln, Nürnberg, Wien, Paris, London. — Bon Nah und Fern. — Litteratrn. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Berlin, 27. Dezember. in geistreicher Mann hat die Rückblicke, Jahresberichte oder wie sonst die Darstellungen vergangener Ereigniffe eines bestimmten Zeitabschnittes genannt werden mögen, mit weiten Wasserflächen verglichen, in denen sich die Dinge dieser Welt wiederspiegeln. In der Thal sind solche Uebersichten wegen des raschen Wechsels der Dinge, den die starke Strömung der Zeit fortwährend erzeugt, fast ein unentbehrliches Mittel geworden, um sich zu orientiren, um in der Erscheinungen Flucht einen festen Punkt zu gewinnen, von dem aus die Ereignisse dieser Welt eine objektive Betrachtung ermöglichen. Der Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr ist nun etwas erfreulicher als der vergangener Jahre. Unser Erbfeind, der Antisemitismus, scheint überall im Rückgang begriffen zu sein, auch selbst da, wo er sich noch so wild geberdet. Das Gewiffen der Völker beginnt zu erwachen, und man sängt an, allmälig das Unrecht einzusehen, das man an den Juden wieder einmal begangen. Es sind allerdings nur Anfänge, Keime einer Besserung zu verzeichnen. Aber schon diese Erscheinung ist nach den Ereignissen der letzten zwanzig Jahre mit Genugthuung zu begrüßen. In Deutschland ist der Rückgang des politischen und des Radauantisemitismus ein offenbarer. Die letzten Reichstagswahlen haben ein eklatantes Beispiel dafür geliefert, indem die antisemitische Partei einen großen Theil ihrer Mandate verloren und einen noch größeren Verlust an Stimmen erlitten hat. Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhause haben die Antisemiten allerdings ein Mandat errungen, dafür aber sind nach langer Zeit wieder zwei jüdische Abgeordnete in den Landtag gewählt worden. Es ist dies angesichts der Nachrichten, welche über eine Revision des längst veralteten Judengesetzes, von 1847 cirtuliren, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Auch die Thatsache, daß die mit der antisemitischen eng verbündete christlich-soziale Partei in völliger Auflösung begriffen, daß der Stern Stöckers im Sinken und daß die sogenannte Berliner Bewegung ihr trauriges Ende gefunden hat, ist von symptomatischer Bedeutung. Dagegen dürfen die Gefahren nicht unterschätzt werden, die. in dem Erstarken der konservativen und agrarischen Richtung namentlich in Preußen liegen. Schon ist von dieser Seite ein Vorstoß im Interesse der konfessionellen Schule unternommen worden, und es besteht kein Zweifel darüber, daß jede Maßregel gegen die Juden von diesen beiden Parteien gutg^heißen würde. Demgegenüber ist das Erstarken des liberalen Elements im Reichs- und Landtag eine wichtige Thatsache, und es steht zu hoffen, daß die liberale Partei die Sache der Gleichberechtigung in allen Fällen, wo diese verletzt zu werden droht, mit voller Energie vertheidigen wird. Der Tod des größten deutschen Staatsmannes, des Fürsten Bismarck, hat natürlich lebhafte Kontroversen über seine Stellung zum Antisemitismus hervorgerufen, aber es bleibt doch eine nicht zu bestreitende Thatsache, daß der erste Kanzler des Deutschen Reiches die Gleichberechtigung zum Gesetz erhoben und daß er nie und nirgends gestattet hat, dies Gesetz zu verletzen. Wie anders stellt sich das Bild der Lage unseres verbündeten Staates Oesterreich dar! Dort ist man bereits vom theoretischen zum praktischen Antisemitismus übergegangen. Die Exzeffe gegen die Juden in Galizien boten ein trauriges Bild politischer Verkommenheit, indem sie den Beweis erbrachten, daß man in jenem unglücklichen Lande den Antisemitismus gegen den Sozialismus auszuspielen versucht habe. Die Regierung zeigte sich diesem Treiben gegenüber als sehr schwach und energielos. In der allgemeinen politischen Verwirrung, die gegenwärtig in Oesterreich herrscht, sind die Juden auf der einen und die Antisemiten auf der anderen Seite sehr oft das Zünglein an der Waage, und die Regierung kann es deshalb mit beiden nicht verderben. So ist sie zu einem traurigen Doppelspiel gezwungen,. das keine Partei befriedigen und aus deni einen Ausweg zu finden kaum noch möglich sein wird. Eine Aussicht auf Besserung gewähren aber doch die Verhältnisse in der Reichshauptstadt, wo der Antisemitismus des Rathhauses sich rasch abzunntzen beginnt. Selbst der dumme Kerl von Wien fangt bereits an, einzusehen, daß er schmählich gefoppt worden sei. Das große Drama, das seit einigen Jahren in Frankreich die gespannte Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf sich lenkte, hat in diesem Jahre eine Wendung genommen, die die Hoffnungen rechtfertigt, welche man auf einen endgiltigen Sieg des Rechts und der Wahrheit gesetzt hatte. Die Revision des Dreyfus-Prozeffes ist trotz aller Schwankungen eine Thatsache, und die endgiltige Entscheidung wird sich trotz allen Tobens der Gegner nicht aufhalten lassen. Wahrhaft entsetzlich sind aber noch immer die Zustände in Algier, und erst die Furcht vor einer Katastrophe hat das Ministerium Dupuy in den lWen Tagen veranlaßt,, etwas. energischer einzuschreiten. Bei den Wahlen zur Deputirteukammer haben die Antisemiten große Erfolge errungen. Die Folgerungen, die aus dem Zustand der Gesittung eines Volkes oder doch seiner herrschenden Klaffe aus den Vor-