Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Ausgabe von 800 Mark. Der Verein zählt 66 Mitglieder und 2 Ehrenmitglieder. — Kantor Ramitscher in Schlochau hat einen Synagogenchor gebildet» — Nach dem Jahresbericht des Litteraturvereins in Wr eschen zählt derselbe jetzt 61 Mitglieder. Die Bibliothek hat 12S Bände und 3 Zeitungen. Der Verein hatte im letzten Jahre eine Einnahme von 417 Mark und eine Ausgabe von 387 Mark. In den Vorstand wurden in der letzten Generalversammlung die bisherigen Mitglieder wieder- und Rechtsanwalt Peyser als stellvertretender Vorsitzender neugewählt. Koschmin, 12. Dezember. Am 10. d. M. beging nachträglich der hiesige Krankenpflege- und Bestattungsverein das Fest seines 25jährigen Bestehens, zu welchem sich fast alle Vereinsmitglieder eingefunden hatten. An Stelle des durch Krankheit am Erscheinen verhindert gewesenen verdienstvollen Vorsitzenden Herrn Adolf Horwitz begrüßte zunächst der Ehrenvorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Heppner, die Erschienenen und brachte hierauf in zündenden Worten das Kaiserhoch aus, in welches alle Anwesenden begeistert einstimmten und stehend die Nationalhymne sangen. Nachdem nun Herr Dr. med. Fuchs vom medizinischen Standpunkt aus die Wichtigkeit und den Segen einer geordneten Krankenpflege beleuchtet und ganz besonders die übertriebene Aengstlichkeit vor Ansteckung gegeißelt hatte, wies Herr Rabbiner Dr. Heppner auf den ideellen Werth und die religiöse Bedeutung einer solchen Chewra hin und entwarf hierauf in knappen Zügen ein lichtvolles Bild des Vereins von seiner Begründung an bis auf den heutigen Tag. Noch verschiedene andere Herren trugen im Laufe des Abends durch Toaste und Reden dazu bei, daß die Stimmung bis zum Schluß eine gehobene blieb, und in dieser schritt man auch zur Versteigerung des Benschen, welcher über 40 Mark brachte. Noch bis gegen Mitternacht blieben die Festthetlnehmer beisammen. 1. Jnowrazlaw, im Dezember. Einer der biedersten Männer unserer Gemeinde ist am 2. d. Mts. im Aller von 63 Jahren zur ewigen Ruhe eingegangen, Herr B. Bergel, der ein Sohn des wegen seiner großen talmudischen Gelehrsamkeit und Charakterhoheit berühmten R. Meyer Bergel seligen Andenkens war und seit länger denn 30 Jahren in hiesiger Stadt segensreich wirkte. Er folgte seiner vor etwa acht Monaten dahingeschiedenen edlen Gattin, die ein Muster von Edelsinn und Gottesfurcht, von Nächstenliebe und Fürsorge für Arme und Kranke, Wittwen und Waisen war, im Tode nach, so zwar, daß das Schriftwort seine Anwendung findet: „Sie, die einander so lieb und hold waren im Leben, trennten sich auch im Tode nicht von einander". Der Verblichene war ein streng gesetzestreuer Jude und besaß die edelsten Eigenschaften des Geistes und Herzens. Wohlbewandert auf dem biblisch-talmudischen Gebiete, stellte er mit Hintansetzung seiner persönlichen Interessen seine Kenntnisse bereitwilligst der Gemeinde und dem Verein zur selbstlosesten Verfügung. So gehörte er dem Rabbinatskollegium als Mitglied an und förderte die religiösen Angelegenheiten nach besten Kräften. Eines der ältesten und würdigsten Mitglieder des Beth-Hamidrasch-Bereins, widmete er diesem unausgesetzt viele Jahre hindurch die unschätzbarsten Dienste. Er war dessen langjähriger vorzüglicher Vorleser aus der Thora an allen Sabbathen und Festtagen und trefflicher Borbcter und Baal Tokea an den hohen Festtagen. Trotz seines recht ansehnlichen Wohlstandes war er von seltener Anspruchslosigkeit und Genügsamkeit. Die Schlichtheit seines Wesens, seine Freundlichkeit und Leutseligkeit gegen Jedermann, seine Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe und Herzensgüte gewannen ihm die Sympathien aller Derer, die ihn kannten. Hiervon legte ein untrügliches Zeugniß ab das überaus zahlreiche Gefolge, das ihm das Geleite nach der letzten Ruhestätte gab. Fast die ganze Gemeinde in allen ihren Schichten war vertreten. Auch mehrere Geschwister und Verwandte von außerhalb, unter Letzteren auch der Schwager des Verstorbenen, der allverehrte Herr Seminar-Rabbiner Dr. Leoy aus Breslau — ein Jnowrazlawer von Geburt und der Sohn des hier verstorbenen berühmten Talmudisten R. Nachum Levy seligen Andenkens — hatten sich eingesunden, um dem theueren Todten die letzte Ehre zu erweisen. Auf dem Friedhof gab der Herr Ortsrabbiner Dr. Kohn in tief empfundenen Worten dem großen Schmerze, von dem Stadt und Gemeinde ob' des Hintritts des Herrn Bergel erfüllt sind, beredten Ausdruck. Nach diesem sprach noch tiefbewegt der obengenannte Herr Seminar-Rabbiner Dr. Levy. Er entwarf in ebenso sinn- und geistvoller wie treffender Weise ein getreues Bild des Verklärten und ermahnte die beiden Hinterbliebenen Söhne eindringlichst, nicht zu klagen und zu trauern, sondern, wie einst der Patriarch Jakob der von ihm heißgeliebten Rachel, ihrem Vater ein Denkmal zu setzen, und zwar im Herzen, das einzig und allem darin bestehe, daß sie diesem in der Gottes¬ und Nächstenliebe nacheifern, damit das nunmehr durch den unerbittlichen Tod zerstörte Haus der Eltern wieder aufgerichtet werde von den Kindern, und das Andenken der Ersteren erhalten werde! Wir schließen uns aus vollem Herzen diesem Wunsche an und rufen dem theueren Entschlafenen zu: „Ruhe sanft und werde droben ausgenommen in den Bund der Verklärten!" g. Köln, im Dezember. Unsere neue, bald fertiggestellte Synagoge, von der schon in voriger Nummer Ihres geschätzten Blattes berichtet wurde, ist ein Monument der Baukunst und eine der größten Sehenswürdigkeiten Kölns. Die Beschaffung einer Orgel hat seit einem Jahr viel Staub aufgewirbelt; im Vorstand und Repräsentantenkollegium ist wenig Sympathie für diese Institution der Neuzeit; Manche find dagegen, weil sie diese Neuerung als antijüdisch bezeichnen — die Anderen aus Jndifferentismus und die Dritten aus Friedensliebe (8ic). Die Reformpartei hat jüngst eine Enquete veranstaltet, um zu konstatiren, wie viel der steuerzahlenden Juden pro, und wie viel eorttra Orgel sind. Da hat sich denn herausgestellt, daß 1400 sich dafür und etwa 300 dagegen ausgesprochen haben. Nach unserer unmaßgeblichen Ansicht kann sich die Gemeindevertretung dem Wunsche der Majorität auf die Dauer nicht mehr entziehen, zumal in vier Synagogen den religiösen Anschauungen in jeder Richtung Rechnung getragen werden kann. — Die Wahl eines jüdischen Stadtverordneten an Stelle des verstorbenen Herrn Liebmann hat vor einigen Tagen stattgefunden, und ist der Herr Rechtsanwalt und Bankier Dr. Eltsbacher mit großer Stimmenmehrheit gewählt worden. In verschiedenen Versammlungen hat auch diese Sache die Geister mächtig erregt, und wenn wir auch im Prinzip mit der Auffassung des Herrn Dr. Auerbach einverstanden sind, so sind doch von anderer Seite Worte gefallen, die mindestens nicht parlamentarisch waren und mehr geschadet als genützt haben. Wir find fest überzeugt, daß der christliche Stadtvertreter es nicht so böse gemeint, mindestens seinen Worten keine solche Tragweite beigemeffeu hat, wenn er sagte: „Wir dürfen die jüdische Gemeinde kein Jahr lang ohne Vertretung ihrer Interessen belassen". — An der städtischen jüdischen Volksschule amtiren acht Lehrkräfte, von denen vier Lehrer und vier Lehrerinnen. Eine derselben feierte am 6. d. M. ihr 50jähriges Amtsjubiläum. — Der hiesige Litteratur-Verein, einer der größten Deutschlands, zählt jetzt nahezu 400 Mitglieder. Er feiert am 12. d. Mts. in einem der größten hiesigen Lokale das Chanukahfest. — Bekanntlich befindet sich hier auch eine is raelitische Kinderbewahr- und Suppenanstalt, verbunden mit einer Kochschule, unter Leitung der Frau Rabbiner Dr. Plato. Die Anstalt hat mit allen Einrichtungen der Neuzeit auch bereits ein eigenes Haus erworben und durch die neuerdings erfolgte Verleihung des Charakters einer juristischen Person die sichere Gewähr einer gedeihlichen Fortentwickelung erhalten. r. München, 15. Dezember. Am 11. d. M. entschlief hier im Alter von 82 Jahren der in der wissenschaftlichen Welt bekannte und anerkannt' Dr. Max Grünbaum. Geboren in Seligenstadt (Hessen), erwarb er sich schon in der Jugend gründliche Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten und übernahm dann in New-Iork die Stelle als Erzieher an einem jüdischen Waisenhause; stets war die Wissenschaft und besonders die jüdische Wissenschaft die Liebe seiner Seele. Als er vor etwa drei Jahrzehnten nach Europa zurükkehrte, ließ er sich hier in München nieder, und zwar aus dem Grunde, weil er hier in der Staatsbibliothek für feine wissenschaftlichen Studien reiche Hilfsmittel fand. So lange er rüstig war, benutzte er, der unabhängige Gelehrte, seine ganze Zeit für seine Studien, und hier arbeitete er auch an der Veröffentlichung feiner besten Werke. Seine wichtigsten Schriften sind: Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde. Jüdisch-deutsche Chrestomathie. Jüdisch-spanische Chrestomathie. Außerdem sind viele Abhandlungen von ihm in der Z. d. M. G. und in anderen Zeitschriften erschienen. Staunenswerth ist es, auf wie vielen Gebieten er heimisch war, und welche verschiedenen Sprachen und Litteraturen er beherrschte. In den letzten Jahren seines Lebens war er an das Zimmer gefesselt; sein Geist aber blieb frisch und rege fast bis zur Sterbestunde, und ein Jeder, der ihn, den zurückgezogenen, fast einsamen, hinfälligen Ge-