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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-23 · Heft 51 (23.12.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 51. J|t£t |t Jl Ü t Berlin. 23. Dezember 1898. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 18. Dezember. Der Antrag des Justizraths Dr. Friedemann und Genossen wegen Errichtung einer zweiten höheren Mädchenschule im Westen, über den der von der Stadtverordnetenversammlung zur Borberathung eingesetzte Ausschuß in dre; Sitzungen berathen hat, ist in der gestellten Weise vom Ausschuß leider abgelehnt worden. Der Ausschuß empfahl aber der Stadtverordnetenversammlung folgende Beschlußfassung: 1. Die Versammlung erachtet es mit der geltenden Rechtsordnung für unvereinbar, daß Vorsteher und Vorsteherinnen konzessionirter Privatschulen zur Aufnahme angemeldete Kinder aus Rücksicht auf ihre Religion abweifen, und erkennt an, daß durch ein derartiges Verfahren der Vorsteherinnen der größten Zahl der höheren Töchterschulen im Westen Berlins ein thatsächlicher Nothstand vorliegt. 2. Die Versammlung ersucht demgemäß den Magistrat: a) rücksichtlich der bereits bestehenden Privatschulen den Grundsatz zu 1 bei den Auffichtsbehörden mit allen Mitteln zur Geltung zu bringen; b) der Konzesfionirung neuer Privatschulen nur dann zuzustimmen, wenn in der Konzesfion selbst den Konzessionsinhabern die Verpflichtung auferlegt wird, bei der Aufnahme ohne Rücksicht auf die Religion der angemeldeten Kinder zu verfahren; e) entweder mit den bestehenden Privatschulen im Westen, soweit diese dem zu 1 aufgestellten Grundsatz entsprechend bei Aufnahme der Kinder ohne Rücksicht auf deren Religion verfahren, in Verhandlung zu treten wegen Erweiterung dieser Schulen; ä) oder ihr baldmöglichst eine Vorlage zugehen zu lassen wegen schleuniger Errichtung einer zweiten höheren Mädchenschule im Westen, und zwar einer Schule, in der nach Art der höheren Bürgerschulen (Realschulen) die Schülerinnen erst nach anderweitiger Absolvirung der Unterstufe Ausnahme finden. r. Berlin, 20. Dezember. Nach einer Mittheilung des Verbandsvorstandes find die Verhandlungen des Delegirtentages der jüdischen Lehrervereine, der am 26. d. M. von 6 Uhr Abends und am 27. er. von 9lj2 Uhr Vormittags in dem Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Oranienburgerstraße 29, abgehalten wird, öffentlich; es steht zu erwarten, daß sich zahlreiche Mitglieder und Freunde des Lehrerstandes an den Berathungen über die wichtigsten Fragen der jüdischen Schule und der an ihr wirkenden Lehrkräfte, die auf dem Delegirtentag zur Erörterung kommen, betheiligen werden. L2 Berlin, 20. Dezember. Die Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des hiefigen orthodoxen Rabbinerseminars wird durch festliche Veranstaltungen, welche am 27. und 28. d. M. stattfinden, begangen werden. Das Programm lautet für Dienstag, 27. Dezember: 1. Festakt in der Synagoge der Israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel (Gipsstraße 12a), Vormittags 12 Uhr, 2. Festmahl in den Festsälen des Hotel Saxonia, (Königgrätzerstraße 10), Nachmittags 5 Uhr. Für Mittwoch, den 28. Dezember: 1. Halachischer Vortrag des Herrn Dozenten Dr. D. Hoffmann, Vormittags 10 Uhr, 2. Festkommers, veranstaltet vom Verein der Hörer des Rabbinerseminars, (Dibbuk Chawerim), Abends 7 Uhr. F. Berlin, 18. Dezember. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt am 3. dieses Monats ihre statutengemäße Generalversammlung ab. Nach Verlesung des Jahresberichts und Ertheilung der Decharge wurde der Vorstand neu gewählt. Außer dem Schatzmeister, Kollegen Jaeobsohn, der aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niederlegen mußte und durch den Kollegen Falkenberg ersetzt wurde, wurde der Vorstand wiedergewählt, so daß derselbe für das Jahr 1899 aus folgenden Herren besteht: Dr. Adler, erster Vorsttzender; Auerbach, zweiter Vorsitzender; Remack, erster Schriftführer; Dr. Fiegel, zweiter Schriftführer; Falkenberg, Schatzmeister. Alsdann sprach Kollege Dr. Warschauer über das Thema: „Sollen die Resultate der modernen biblischen Wissenschaft in der Schule (beim Religionsunterricht) mitgetheilt werden?" Referent entwickelt zunächst seine Anschauungen über das Verhältniß von Schule und Wissenschaft im Allgemeinen; auf Grund dieser meint er die vorliegende Frage unter zwei Voraussetzungen bejahen zu müssen: 1. wenn die Resultate der modernen biblischen Wissenschaft als genügend gesichert zu betrachten find; 2. wenn ihre Mittheilung ohne Gefahr für die religiös-sittliche Erziehung erfolgen kann. Um die erste Voraussetzung zu erweisen, wird die von der biblischen Wissenschaft geleistete Arbeit geschildert durch eine Uebersicht über die Geschichte der wissenschaftlichen Kritik der heiligen Schriften, besonders des Pentateuchs, durch Vorführung einer Reihe von Thatsachen, auf denen diese Kritik beruht, und endlich durch eine Skizze des Verlaufes der alt-israelitischen Religionsentwickelung nach der Auffassung der modernen Wissenschaft. Aber auch die zweite Voraussetzung ist vorhanden. Während das traditionelle Geschichtsbild unserem in der Vorstellung einer rein mechanischen Weltanschauung sich bewegenden Verstände den Wunderglauben zumuthet — der früher oder später den Zweifel erweckt und den religiösen Glauben überhaupt untergräbt —, nicht selten auch unseren geläuterten religiösen und sittlichen Vorstellungen nicht entspricht, entwirft die neue Auffassung von der israelitischen Religionsgeschichte das Bild einer natürlichen, zusammenhängenden und zugleich überwältigend erhabenen und einzigartigen Entwickelung. Sie ist das Werk der göttlichen Offenbarung, deren Werk" zeug die Propheten, religiös-sittliche Heroen, sind; ihr natürlicher Abschluß ist das Gesetz, Pentateuch und Halacha, in denen die prophetischen Ideen ihre volksthümliche Form und ihre Fortbildung erhalten. Bei Betonung dieser beiden Momente, des Offenbarungscharakters der Prophetie und der religionsgeschichtlichen Nothwendigkeit, mit der Gesetz und Judenthum aus der Prophetenreligion hervorgehen, kann die anscheinend so negative neue Auffassung nur im höchsten Sinne des Wortes religiöserziehlich wirken. Referent faßt seine Ausführungen in einigen Thesen zusammen, welche — von Volks- und Religionsschule vorläufig absehend — die Aufnahme der bibelkritischen Resultate in den Unterricht der Lehrerbildungsanstalten und der oberen Klassen der höheren Lehranstalten fordern. Bei der Ausdehnung des Vortrages mußte die Diskussion auf die nächste Sitzung verschoben werden. In der Debatte wurden verschiedene Meinungen über den Umfang der Diskussion laut; schließlich wurde einer Anregung des Vorsitzenden beigestimmt, welche dahin ging, die Diskussion über die Frage zu veranstalten, ob und in welchen Grenzen die genügend gesicherten Ergebnisse der Bibelkritik im Religionsunterricht Verwendung finden können. 22 Berlin, 20. Dezember. Es geht uns heute die folgende Anregung zur Errichtung eines Feierabendhauses für israelitische Lehrerinnen und Erzieherinnen zu: In der festen Ueberzeugung, daß dieses Blatt, welches unsere gemeinsamen Interessen wahrnimmt, seine Spalten zu einem Gedankenaustausch betreffs einer guten Sache widmen wird, erlaube ich mir, mich mit einigen Zeilen an die Oeffentlichkeit zu wagen. Mit wahrem Interesse die Bestrebungen der Frauenwelt besonders auf dem Gebiete des Unterrichts und der Erziehung verfolgend, hatte ich auch nach allen Richtungen Auskunft über die bestehenden Anstalten eingezogen, welche den jüdischen Lehrerinnen in späteren Jahren ein Heim bieten. Die auf diesem Wege gemachte Erfahrung ließ mich zu meinem lebhaften Bedauern die Thatsache feststellen, daß bis heute noch kein Institut speziell für die Jüdinnen eingerichtet ist. Die Mehrzahl der jüdischen Lehrerinnen wird wohl bei aller Toleranz und gegenseitigem Wohlwollen ein wahres Heimathsgefühl nur auf dem Grund und Boden empfinden, der für sie in der Weise vorbereitet ist, daß das Bewußtsein der Gleichberechtigung in ihnen aufkeime, für gleiches Interesse und warme Hingabe an den Beruf auch dieselbe Anerkennung, und Sorge für ein Heim zu finden, wie den christlichen Lehrerinnen schon lange in einzelnen Gegenden erbaut

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