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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-23 · Heft 51 (23.12.1898) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
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»,;.'JUI#im|l .Ui.mu.IWW.Jl,,»!»I > > BWWWWW-MWWM-, - 611 - Reson war starr vor Erstaunen. Die Szene, die nun folgte, war so seltsam und in ihrem Verlaufe so entsetzlich, daß sie **en Krieger gleichsam lähmte und verstummen machte. Der Aegypter stellte sich mit schlauen, schadenfrohen Blicken hinter den Propheten, welcher die knieende Matrone noch immer an der Hand hielt, aber tiefsinnig vor sich hinblickte. Der Matrone war dies Schweigen grauenhaft. „Was willst Du von mir?" schrie sie, noch immer bemüht, sich loszureißen. „Weiche aus dieser Hütte — wende Deine fürchterlichen Schritte von Zeruha — Ihr alle, die Ihr starr vor uns steht, rettet mich aus der Gewalt dieses fürchterlichen Menschen!" Und wieder machte sie eine Anstrengung, sich loszureißen. Der Prophet hielt sie mit eiserner Kraft zurück und begann in tiefen, aber allmälig zur höchsten Leidenschaft gesteigerten Tönen: „Tochter des verfluchten Stammes — da Du noch lieblich und reizend warst, wandten Deine Blicke mein Herz von der Verehrung Jehovahs ab. Ahija, welcher fromm und keusch durch die Wüste zog, erlag Deinen buhlerischen Reizen und führte eine Verfluchte in seine Hütte. Siehe, an der Sünde jener Tage, die ich noch immer nicht büßte, bist Du Schuld — Deine Blicke tragen die Schuld — Deine buhlerischen Reize — denn die Weiber sind ausgerüstet mit den Waffen der bösen-Geister!" Bei dieser abscheulichen Anklage zogen die Erinnerungen von mehr als zwanzig Jahren au dem Geiste der Matrone vorüber, und als die Leiden dieser langen Zeit von Neuem in ihrem Herzen auftauchten, da fühlte sie eine bittere, schmerzliche Empörung ob der Anklage. Aber die Schrecken des Augenblickes drückten noch zu sehr auf ihren Geist. Sie verhüllte ihr Haupt bei den Worten Ahijas und brach in schweres Schluchzen aus. Der Prophet fuhr mit zorniger Härte fort: „Jehovahs Ehre ward geschändet, und die Sünde ist noch nicht ausgelöscht. Nur ein Opfer, ein großes, blutiges Opfer kann diese Sünde und ihre Erinnerung löschen, und wer taugte bester zum Opfer, als die Sünderin, die Ungläubige, die Tochter des verfluchten Stammes?" Der Prophet schleuderte Zeruhas Hand von sich und trat einen Schritt zurück. Die Matrone erhob sich. Sie weinte nicht mehr, obwohl die Spuren der Thränen noch auf ihren bleichen Wangen glänzten. Ihre Augen funkelten zornig und schmerzlich. Die entsetzliche Ungerechtigkeit in den Worten des Propheten zerriß alle Sanftmuth in der Seele der Tochter Edoms. „Unnatürlicher! Herzloser!" rief sie mit bebender Stimme. „Diese ungerechte, schreckliche Anklage wirfst Du auf mein unschuldig Haupt? — Aber die Erinnerung jener Tage ist lebendig in meinem Sinne, und ich weiß, wer die Schuld trägt! War Zeruha nicht glücklich unter den Zelten Sabas, eh' Dein Fuß jenen friedlichen Boden betrat? Wer riß mich aus mütterlichen, theueren Armen und führte mich gen Israel in die Hütten dieses ungerechten, bösen Volkes? — Der Mund dessen, der mir damals begeisterte Betheuerungen zuschwor, flucht nun meinem unschuldigen Haupte! Das ist das Wesen des betrügerischen, ungerechten Volkes, welchem Du angehörst!" „Tochter des verfluchten Stammes — es ist Jehovahs Volk, welches Du lästerst! Doch rede immerhin, Du bist Jehovahs Blitze verfallen!" „Dieser böse, ungerechte Gott, welchem Ihr anhängt, hätte Macht über mein Haupt? Dieser Gott, welcher sich friedliche Völker schlachten läßt, welcher dein betrügerischsten, boshaftesten Volk der Welt günstig ist, hätte über Edom zu gebieten? Gütige, alllicbende Mutter Isis, zerschlage die Altäre dieses Götzen, und laß Deiner Liebe Quellen endlich rinnen über alle Wesen der Erde!" „Edomiterin!" schrie der Prophet mit geballten Händen „schweige, denn um dieser Worte willen ist Dein Tod nahe!" Die Tochter Edoms, obgleich die Sterne ihrer Hcimath gesunken und die Hoffnungen der Stammgenoffen gebrochen waren, streckte ihre hohe Gestalt und rief mit blitzenden Augen: „Wage nicht, Deine ungerechten Worte länger tönen zu lasten. Höre Du Unnatürlicher, Du Grausamer, Du Herzloser, höre und erschrick! Wo ist Zeruhas Kind, welches Du ihr raubtest, eh' sie es den Namen der großen Mutter aussprechen gelehrt?" Die Matrone trat an den Propheten und blickte ihm mit rücksichtslosem Muth in die harten Züge. Diese Züge bebten bei jener Frage für einen Augenblick, und das Auge des Propheten schien die zornigen Blicke der Matrone vermeiden zu wollen. Aber rasch faßte sich der ungebeugte Mann und sagte mit eisiger Ruhe, während er einen Schritt zurücklrat: „Dein Kind, Thörichte? Dn wirst es nie Wiedersehen, Du hast es auf ewig verloren!" In diesem Augenblick boten die Züge Zeruhas wie ihre Geberden einen plötzlichen, erschreckenden und fast unnatürlichen Uebergang von der Empfindung des Zornes in den tiefsten, leidenschaftlichsten Schmerz. Die Energie der erzürnten Gattin wich schnell dem niegeheilten, langgetragenen Schmerz der Mutter. Sie stand eine Weile mit verwirrtem Gesicht da, und ihre Gestalt schwankte. Dann fiel sie vor dem Propheten nieder und rief mit thränenerstickter Stinime: „Mein Kind, ach, sage mir, wo mein Kind ist!" Die Bewegung der Matrone war so plötzlich, aber zugleich so herzzerreißend, daß die Söldner Sethrons, welche die Szene umstanden, unwillkürlich zurücktraten und ein mitleidiges Murmeln vernehmen ließen. Der Prophet allein stand unerschüttert da. »Ich sage Dir. Weib, Dein Kind ist auf ewig verloren, und dies ist nicht das einzige Opfer, welches Du zu bringen hast!" „Mein Kind, mein Kind!" schrie die Matrone von Neuem mit erstickter Stimme, kaum mehr wissend, daß sie vor Ahija kniete, und nur mit dem erneuerten unsäglichen Schmerze beschäftigt. Dem Ausruf folgte eine Pause, während welcher Sethron und der Prophet, sich gegenseitig verständigend, ihre Augen auf einander hefteten.' Reson, welcher neben Zeruha treten wollte, wurde weniger durch seine Feffeln und Wächter als durch eine gebietende, zornige Bewegling des Propheten davon abgehalten. Dann hörte er, wie der grausame Mann von Silo dem ägyptischen Schelm zuflüsterte: „Alis Bezetha ist's unsicher, die Männer des Edomiters könnten hcrbeikommen und uns dort überfallen. Aber unterhalb Moriah ist Dathans Haus, und dorthin wollen wir die Gefangenen noch diese Nacht schleppen. Ich gehe mit dem Edomiter voraus." Der Pröphet winkte, und die Mehrzahl der Knechte umgab Reson und drängte ihn rasch zur Hütte hinaus. Zeruhas Züge waren verhüllt und ihr Geist schien abwesend, denn Resons Lebewohl verhallte unerwiedert. Mit einer Empfindung voll Schmerz und Hoffnungslosigkeit schritt Reson die Abhänge hinab. Der Name Iva erstarb auf seinen Lippen, welche Hilfe konnte ihm die großmüthige Iva ferner bieten? Dann gewahrte er den Propheten neben sich und schwieg zürnend. Als er sich umwandte, sah er im schwachen Strahl des Mondes, wie Zeruha, auf Sethron und einen der Knechte gestützt, den Berg hinabschwankte. Die Gefangenen und ihre Wächter verschwanden in den Schatten des Thales Josaphat.

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