Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 605 - Dehnen wir den Blick aus. Wer sind wir denn, wir mit unseren Kindern? Eine physiologische Erbfolge? Mein Vater, meine Mutter und ich — nein, wir sind nicht blos in natürlichem Zusammenhänge. Der wäre zwar nicht zerreißbar; aber das ist er, weil er nichtssagend, weil er leer ist. Da steht Jemand vor seinen Eltern; er dreht sich um — und fort sind sie. Du verstehst nicht, daß hier ein Zauber vorliegt, der Eltern und Kinder zusammenbindet. Der Zauber aber ist zu brechen. Liebst du dein Kind, so hüte dich, daß du denselben nicht brechest; und willst du gar dein Kind lehren, ihn zu brechen? Ja, ein Zauber, ein Hauch, ein Gedanke ist es, keine Gliederkette, der uns heute durch die lange Ahnenreihe hindurch verbindet — das war die Liebe, mit der jeder Vater, wie einst Urvater Abraham, sein nachfolgendes Geschlecht lehrte, Gott treu anzuhangen. So hatte er ihm nicht Körperliches vererbt, sondern seine Tugend, nein, nicht vererbt, er hatte sich in ihnen fortgesetzt, geistig, ideal, durch den Zauber der Religion, der Sittlichkeit. Und du hast nichts, womit du dich in deinen Kindern fortsetzen möchtest? Weiter nichts als dein Vermögen und deine bürgerliche Stellung und gesellschaftliche Ehre, die in deinen Kindern erhöht werden sollen? Weißt du, wie viel Thränen geflossen sind, wie viel Tropfen Blutes auf den Erdboden verschüttet sind, um die zauberhafte Kette der Geschlechter unserer Ahnen bis ans uns zu kitten? Thränen, Blutstropfen unserer Ahnen! Und das soll alles umsonst geschehen sein! Du sprichst den Gegenzauber, und — der Kitt ist fort. Sie haben ihr Blut hingegossen, unsere Ahnen, und geglaubt, daß damit die Reihe der Geschlechter ihrer Kinder unendlich werde. Sie haben sich in euch geirrt, aber nur in euch, nicht in Denen, welche wissen, daß der Kampf für Gott, für Religion, für Gedankenfreiheit, für Gewissen bedeutet; welche wissen, welche Achtung Standhaftigkeit, Ausharren, Aufopferung alles Materiellen, Gleichmuth gegen falsche Ehre verdient, welche mit dem echten Deutschen ausrufen: und dennoch „Ich bin Ich", was auch der Unverstand sagen mag, und dennoch ist Gott unser Gott und „der Gott unserer Väter", und er soll der Gott unsrer Kinder sein! Ach ja, es geschehen noch Zeichen und Wunder, aber verhältnißmäßig selten, und werden noch weniger beachtet, und so bleibt ihre Wirkung innerhalb enger Räume. — Da sitzt ein Greis. Er hat sein Leben lang' angestrengt gearbeitet und arbeitet noch streng. Da bleibt für das Gemüth wenig übrig. Als Kind aber hat er das Judenthum erlebt, und später hat er der Festtage, auch des Freitag- Abends, gedacht. Da sitzt er nun mit seinem Enkel, einem jungen Studenten, zu guter Stunde; und plötzlich fängt dieser an, sein Herz bricht aus iu einen Hymnus auf die Einzigartigkeit der Geschichte und der Religion des Volkes Israel. Praktisch hat der junge Mann vom Judenthum wenig erfahren; seine Eltern haben ihn wenig erfahren lasten; aber wenn er während der Gymnasialzeit den christlichen Religionsunterricht der Schule mitnahm, so hatte er doch daneben auch jüdischen Religionsunterricht von einem Zögling der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums erhalten. Und dies der Erfolg. Da sitzen sie, der Junge und der Alte, und ein neuer Liebesknoten war geknüpft, von Geisterhand, die Seele des Einen geknüpft an die Seele des Anderen.. Der Geist Elijas umschwebte sie, wie der jüngste Prophet, Maleachi, vom ältesten, Elija, prophezeit hatte: er werde das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu den Vätern zurückführen. üte Nordair, „Doktor Kohn"? Besprochen von Prof. Dr. Ludwig Geiger. f er Inhalt des bürgerlichen Trauerspiels, mit welchem Max Nordau, einer der Führer der zionistischen Bewegung, die deutsche Lesewelt beschenkt hat, —hoffentlich nur diese, denn an die Aufführung des Stückes wird sich wohl kein Theater wagen, — ist schnell erzählt. Dr. Kohn, ein Privatdozent der Mathematik, ist in Christine Moser verliebt, die Tochter eines reichen, von den Geschäften zurückgezogenen Geheimen Kommerzienraths. Dieser ist längst aus dem Judenthum ausgetreten, mit einer Christin, der Tochter eines höheren Offiziers und der Schwester eines eifervollen Geistlichen, vermählt. Einer seiner Söhne ist Gardeoffizier, der andere Mitglied eines vornehmen, natürlich antisemitischen, Korps. Die Bewerbung, zu der sich Kohn besonders berechtigt fühlt, nachdem er eine goldene Medaille der Stockholmer Akademie erhalten hat, wird von dem Vater nicht gerade freudig begrüßt, aber nicht abgewiesen, sie findet aber in dem Onkel Pastor und den beiden Söhnen die eifrigsten Gegner, so daß alle diese nächsten Verwandten aus dem Moser'schen Hause verschwinden, nachdem der Vater durch die vereinten Bitten seiner Tochter und des Bewerbers sich hatte erweichen lasten. Eine schwere Beleidigung, die der Lieutenant vor seinem Weggang dem künftigen Schwager ins Gesicht geschleudert hat, hat ein Duell zur Folge, in welchem Kohn tödtlich verwundet wird. Er wird im Hause seines Schwiegervaters gepflegt, empfängt dort den Besuch seiner Eltern, eines braven Handelsmannes und dessen altjüdischer Gattin, und stirbt. Eine Lösung der Judenfrage wird, wie man sieht, in diesem Stück nicht gegeben, wohl auch schwerlich angestrebt, sondern nur ein unerquickliches Zeitbild geboten. Ich bin nun zwar der Meinung, daß heutzutage ein jüdischer Privatdozent, selbst wenn er nicht auf den ominösen Namen Kohn hört, sein Herz sehr bald zum Schweigen bringen wird, wenn er das Unglück hat, sich in eine reiche Christin zu verlieben, — meist ist ja das Umgekehrte der Fall, daß reiche Jüdinnen das Herz armer christlicher Bewerber gewinnen, — aber dem Dichter muß diese Freiheit der Erfindung hingehen. Nur würde diese Freiheit bester angewendet, und der konfessionelle Gegensatz unserer Tage träte deutlicher hervor, wenn der versuchte Eintritt des Juden in eine rein christliche Familie geschehen sollte. Dann könnte der Unterschied der Religionen und der dadurch erzeugten Lebensauffassung bester ausgearbeitet werden, und zwei entgegengesetzte Ueberzeugungen würden sich im ehrlichen Kampf gegenüberstehen. Denn jetzt ist dieser Kampf kein ehrlicher, es ist kein Gegensatz zwischen Judenthum und Christenthum, sondern es soll ein Beweis für den Satz geliefert werden, daß Jude Jude bleibt trotz der Taufe. Er bleibt Jude in doppelter Beziehung; der alte Moser, der vor mehr als 30 Jahren zum Christenthum überging, weil er innerlich mit dem Judenthum nichts mehr zu schaffen hatte, und weil er auch äußerlich ein vollkommener Deutscher werden wollte, hat dies nicht durchzusetzen vermocht. Er ist von den Deutschen nicht als vollberechtigt ausgenommen worden und hat sich innerlich von den Juden nicht ganz getrennt. Vielmehr empfindet er alsbald einen inneren Zug zu den vermeintlichen Stammes- und wirklichen ehemaligen Glaubensgenoffen. Und er, der reiche, gütige Mann, muß sich von Gattin, Schwager, selbst seinen Söhnen die Behauptung ins Gesicht schleudern lasten, daß er ja eigentlich ein Geduldeter, nicht aber ein voll und ganz Aufgenommener ist. Dadurch wird >) Bürgerliches Trauerspiel aus der Gegenwart in 4 Aufzügen. Berlin, E. Hofmann & Co. 1898. II. Auflage.? i