Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-23 · Heft 51 (23.12.1898) · p. Seite 604

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228309--55127-3291327
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

!^,W»«WBWST^WW 601 gilt, für Gott und Freiheit zu kämpfen, warst du ja immer in den ersten Reihen. Verleugne deine Vergangenheit nicht! Höre nicht auf die Stimme der KleinmÜthigen, auf die Worte der Schwachen, auf die Reden der Armen im Geiste, welche ein Zurückziehen in finstere s Schlupfwinkel dir rathen, tritt, wie dein Ahne Jakob, hervor ans Licht, schreite rüstig vorwärts, dem Licht entgegen! Lange genug umgab uns die Nacht. Mit den Mächten der Dunkelheit haben wir gerungen und uns durchgerungen zum Hellen Glanz der Sonne. Fünfzig Jahre, wir haben in diesem Zeitraum viel gewonnen, es wäre schändlich, wenn wir nun müßig zusähen, wie dieser Gewinn uns mälig abhanden kommt. Darum auf! vertheidigen wir das Errungene, und trachten wir, rüstig kämpfend, mit starkem Bemühen, Herren des Schlachtfeldes zu bleiben. Bald scheidet das Jahrhundert, möge sein Scheiden für uns den Sieg bedeuten! Iwri. „Unser Gott, und Gott unserer Wter." Von Prof. Dr. Steinthal. diesen Worten beginnt unser dreimal tägliches Gebet, Gtfwjl und dieselben bilden die Ueberschrift vieler Selichoth, welche wir an den ernsten Festtagen sprechen, und auch sonst mancher Gebete. Wer von uns die Siebzig erreicht und überschritten hat und, versteht sich, den feierlichen Gottesdienst als Knabe in einer alt-frommen Gemeinde durchlebt hat, dem strömen überwältigende Erinnerungen an jene Tage des beginnenden Herbstes und allerlei Betrachtungen zu: Da tönt schon vier Wochen vor dem Neujahr mit dem Beginn des vorangehenden Monats täglich der mahnende Schofar-Ton ins Ohr. Aber ganz eigentlich beginnt die Zeit der Erweckung mit deni Abend des Sabbath vor dem Rosch-Hoschana. Da wird der einleitende Vers, der sonst in wochentäglicher Stimmung gesprochen wird, wehu rachum, in feierlicher Melodie gesungen — ja in einer Melodie, die man nur in der Synagoge hört; ja, was man auch unverständlich sagen mag, in einer Melodie, die nur ein Jude erfunden haben kann und kein Slavonier und Zigeuner. Sind denn diese Festmelodien nicht aus einem Guß? Tragen sie nicht für jeden Tag und Theil des Tages und jeden Abend, kurz für jeden Gottesdienst, ihr Leitmotivs in sich? Und das soll aus allerlei Bänkelsängerei zusammengerafft sein? Credat Judaeus Appella! Doch ich merke, ich gerathe abseits. Am Sonntag vor Neujahr Morgens ist der erste Selichot-Tag. Der Gottesdienst beginnt um 4 Uhr früh. Mann, Weib und Kind sind in die Synagoge gezogen; wer nicht krank ist. fehlt nicht; geschäftliche Abhaltung hat Niemand; selbst der Jahrmarkt in der Nachbarstadt stört nicht. Aber Kaffee muß man vor dem Gebet, während noch volle Dunkelheit herrscht, getrunken haben. U. s. w., u. s. w., ein andermal mehr davon. Zu unseren Altvordern wollte ich ja. Was wollte ich denn von ihnen? nichts, gar nichts. Ich Hab' sie ja, unentreißbar, in mir. Und du auch, lieber Leser, hast sie ja in dir, es sind deine Altvordern so gut wie meine, und dein Gott wie mein Gott war ihr Gott, und gerade darum, weil eben ihr Gott der unselige ist, ist meiner und deiner derselbe. So ist's doch! oder nicht? Ist es nicht so? Und was will das sagen? ’) Dieses Ausdruckes hat sich der Oberkantor Herr Birnbaum in Königsberg bedient. Fragt doch einmal die Millionen, welche Europa bewohnen: ist ihr heutiger Gott auch der Gott ihrer Altvordern gewesen? Wuotan, Venus u. A. waren die Götter ihrer Väter! und deren Helden Drachentödter! Wir waren auch einmal Heiden, eine kleine Volkshorde unter großen Völkern; aber unsere Väter haben Gott gesucht und darum auch gefunden. Ich will Niemandem seine Vorväter schmähen. Aber das frage ich : soll nun und wird unser Gott und der Gott unserer Väter auch der Gott unserer Kinder sein? Willst du deinen Voreltern ihre Kinder rauben? Möchtest du das? Hast du's bedacht? Und was werden deine, ihren Ureltern geraubten Kinder thun? Lieben werden sie euch? Danken sollen sie euch? Habt ihr ihnen denn die Alten in liebenswerthem, achtenswerthem Licht gezeigt? Ihr werdet's erfahren — sie werden euch und euere Eltern schmähen. Was nennt man denn Gesinnungslosigkeit? Was ist Streberthum? Ach Gott, man muß sich ja schämen, euch zu sagen, was Leben heißt. Glaubt ihr's denn, wenn ich euch sage, leben heißt kämpfen, oft auch (es kann nicht anders sein) leiden, sich stemmen. Dein Sohn kann nicht Minister werden — schrecklich! „Wie heißt! nicht General werden!" Wartet doch wenigstens, wurde ich sagen: und lastet euere Kinder thun, was sie, reif geworden, wollen werden; aber ich weiß ja, ihr wißt, warum ihr nicht wartet, bis euere Kinder mündig sind! Euer Sohn könnte am Ende gar standhafter, ehrenhafter, kampfmuthiger sein als ihr, als euch lieb ist? Nein, wartet nicht, was aus dem guten, lieben Jungen wird, vor welchem Gott er zu beten sich in Mündigkeit entschließen wird. Wie könnte ich wissen, was aus ihm werden wird; aber ich weiß doch (man hat es oft genug erfahren), daß mancher liebe, gute Junge, der ein Ruhm Deutschlands werden sollte (sollte er etwa ein Stern Israels werden? fragst du) auf seine Eltern und Altvordern Schmach gehäuft, ja sogar sie verflucht hat. Er mußte ja zeigen, daß er das nicht ist, was er ist. Ob er damit an Ruhm gewonnen hat? Der arme, arme Junge, was kann er dafür? Ihr habt ihn ja gezwungen. Kannte er seine Altvordern? Wenn er in diesem Herbst mit in das Heimathland seiner Ahnen gezogen wäre (das Land niuß doch etwas merkwürdig Anziehendes haben), welche Stellen hätte er dort besucht? Gar keine! Natürlich keine mit der besonderen Theilnahme. Woher sollte er denn wissen, was der todte Stein da bedeutet? Daß hier einmal Einer vor Tausenden von Jahren gekniet hat, dessen Gott derselbe war wie der unsrige heute, dessen Weisheit wir. alle seit Jahrtausenden bis heute und bis in alle Zukunft verpflichtet waren, sind, sein werden. Was geht ihn der Stein an? Weg davon! Das war ja ein Stein des Anstoßes zu aller Zeit. Wäre der Stein nicht gewesen, wer weiß, welch hohe Stellung er erlangt hätte, der arme Junge! Er ruft: „Anathema!" Aber du, sein Vater, hast es ihn gelehrt. Himmlischer Vater, haben wir denn nicht alle einen Gott! Wie wehe muß Dem sein, der da antwortet: nein! Wer behauptet denn, daß wir alle nur einen Gott und denselben Gott haben? Es sind die, welche am lautesten schreien: bekennt den unsrigen! Unsre Konfession! Ja wohl, es giebt nur einen Gott, und Alle werden ihn bekennen am Ende der Tage. Aber heute? Und liegt dir denn daran, daß deinem Sohne Gott zu Theil werde dadurch, daß du ihn zur Taufe schickst? Du glaubst es nicht, and Niemand glaubt es dir.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.