Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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603 «Wff» muß jetzt sogar das sterbende „Volk" des Herrn Stöcker in folgender Zuschrift aus dem Elsaß dementiren: . „Auf Grund weiterer Erkundigung kann ich Ihnen die Mittheilung machen, daß es mit der jüdischen Abstammung Picqnarts nichts ist. Derselbe ist der Sohn eines ehemaligen französischen Rentmeisters katholischer Konfession, wurde von einem Abbe privatim unterrichtet, welcher in dessen Hause Hauslehrer war. Er wurde nicht in Markirch, sondern in Gendertheim bei Straßburg geboren. Daß Picquart kein Jude ist, geht auch aus . dem hervor, was ich eben von einer der besten Straßburger Familien vernommen habe. Danach besuchte dessen Schwager Gerrt ihn kürzlich im Gefängniß. Dieser gehörte bis 1870 einer der vornehmsten christlichen Familien an; nach 1870 ist dieselbe nach Frankreich ausgewandert. Das Schönste an der Sache ist, daß Picquart durchaus keine Vorliebe für die Juden habe» soll und nur aus Gewissenspflicht so gehandelt habe, um die Jntriguen des französischen Generalstabes an den Tag zu bringen. Daher dessen Wuth gegen ihn und dessen Bemühungen, ihn zum Schweigen zu bringen. Das find Thatsachen, an denen kein Elsässer mehr zweifelt." Sries aus Oesterreich. Ende Dezember. (4jgj>§ Hai sich auch bei uns geregt. Während sonst die Wahlen JOc) in den Gemeindevorstand mit idyllischer Ruhe vor sich gingen, ' ' in den Wahllokalen die Ruhe eines Friedhofes herrschte, die nur hier und da durch irgend einen Wähler unterbrochen wurde, welcher, meist der Nöthigung folgend, weniger dem eigenen Triebe, vor der löblichen Wahlkommission erschien und vor» ihr mit einem verständnißvollen Lächeln empfangen wurde, gab es vor den jetzigen Wahlen Besprechungen, wurde nicht nur kaudidirt, sonder» auch heftig agitirt. Zwei Richtungen waren es vornehmlich, die sich hier deutlich zeigten, ich möchte sie nennen: die der Satten und die der Hungrigen. Die „Satten" finden, daß alles, wie es bis jetzt im Judenthum besteht, gut ist; die Satten, das sind Diejenigen, welche ängstlich jede neue Regung vom Judenthum fern halten wollen, welche das Ruhige nicht zu bewegen wünschen. Gewiß, wir wollen unseren Feinden, seien es nun die christlich-sozialen Amaleks oder Hamans, welche uns so tapfer in den Rücken zu fallen verstehen, oder die deutschnationalen Esaus, welchen die Raffe Jakobs nicht zu Gesichte steht, nicht das Beispiel eines Bruderkampfes im eigenen Lager bieten, aber mit den Satten können wir doch nicht übereinstimmen, daß sich im Judenthum, wie es geworden und jetzt ist, die beste aller Welten abspiegelt; wir gehen vielmehr mit den Hungrigen, welche sich auch an die grüne Tafel setzen wollen, die dem etwas blassen Judenthum einen frischen Einschlag neuen, kräftigen Blutes wünschen, die im Judenthum doch noch etwas Anderes sehen als eine Einrichtung zur Verwaltung von Tempel- und Friedhofsangelegenheiten, so wichtig auch diese sonst sein mögen. Man hat bei den Wahlbesprechungen viel vyil denr eng umschriebenen Kreise der Kultusgemeinden gehört; wer hindert uns daran, diesen zu erweitern? Die verderbliche Hochfluth des Antisemitismus, welche alle Dämme durchbricht, uöthigt auch uns, wachsam zu sein und für unser arg bedrohtes Haus zu sorgen. Diese Gedanken kamen in den Kandidatenreden der Jungen zum Ausdruck, welche das Cliquenwesen, die Kartelle, die sich des Judenthums und seiner Behörden zu bemächtigen streben, zu durchbrechen suchen. Ja, es hat sich auch bei uns geregt, und diese frische Regung, dieser erquickende Lufthauch, er wird mit Freuden von uns begrüßt, denn er läßt uns erkennen, daß man das Judenthum nur recht in den Sattel zu setzen brauche, es wird schon das Reiten erlernen. Mögen die Wahlen in Wien und Brünn noch immer mit dem Sieg der Alten geendet haben, sie boten uns doch Gewähr dafür, daß Juda nicht schläft, daß es zu neuem Leben erweckt, zu neuen Thaten gerüstet, bereit ist, Jedem entgegen zu treten, der sich vergreifen will an dem alten Erbe der Väter. Fünfzig Jahre sind verfloffen, seitdem das Machtgebot der neuen Zeit Israel herausgeführt hat aus dem Kerker seiner Ghetti. Eine heilige Zahl, dieses 50, in der That. Ein Jubeljahr ist dieses Jahr 1898, besonders für uns Juden in Oesterreich. Von den Höhen des Thrones ist ein Ordensregen herniedergegangen, und, wir bestätigen es mit freudigem Gefühl: Viele, verhältnißmäßig sehr Viele unseres Stammes, sind ausgezeichnet worden. Wir wollen uns dessen freuen. Man hat wirklich keinen Unterschied oben gemacht, man hat das mehr oder weniger große Verdienst gewürdigt und ist Juden gegenüber mit Auszeichnungen, Titeln. Ehren und Würden nicht sparsam gewesen. Es ist wirklich eine bessere Zeit gekommen. Ist uns aber diese fürstliche Anerkennung nicht eine ebenso eindringliche wie ernste Mahnung? Der Jude, welcher die guten Strebungen im staatlichen und gesellschaftlichen Leben fördert, wird sicherlich die Anerkennung auch der höchsten Stellen erlangen; ist aber ein Jude nicht verachtungswürdig. der, seiner vielfach gefährdeten Interessen vergessend, sich von dem Kämpfen und Ringen der Seinen abwendet oder ihni gleichgiltig gegenübersteht? Menschenthum und Judenthum in schöner Uebereinstimmung vereinigt, wird geehrt und gewürdigt und verdient auch Ehren und Würden. Wir gönnen gewiß allen irgendwie Ausgezeichneten die Sterne und Orden und Titel, die sie erhalten, möchten aber gerade diese daran erinnern, ihre Stellungen und Auszeichnungen auch zunr Wohl ihrer Brüder zu verwerthen, dann werden sie bei diesen jene Anerkennung erlangen, welche ihnen kein Ordensband, kein noch so schöner Titel geben kann: die Anerkennung eines mannhaften Eintretens, eines uneigennützigen Wirkens im Dienste ihres Volkes. Fünfzig Jahre — eine Spanne Zeit im Leben der Völker und Menschen, und doch, welche Veränderungen hat das Judenthum Oesterreichs in dieser Zeit durchgemacht. Der Gedanke wurde viel wiederholt in den Reden und Ansprachen, die am 2. Dezember in unseren hellerleuchteten, glänzenden Synagogen gehalten wurden. Sind doch diese Synagogen selbst Marksteine der neuen, lichteren Zeit. In engen, winkligen, dunklen Bethäusern fanden sich vor fünfzig Jahren unsere Glaubensgenossen zusammen, aber mit welchen Gefühlen hörten sie das Wort Gottes, das ihnen aus einer Thorarolle vorgelesen wurde, die, man höre es, besteuert war! Judengesetze, Judenämter. Judensteuern, Judengassen, ebenso viele mittelalterliche Fesseln rasselten an den Händen und Füßen Israels. Ja, das Mittelalter, es dauerte dem Juden länger als bis zur Entdeckung Amerikas. Aus der Finsterniß hat uns nun der erleuchtete Geist der Menschheit ans Licht geführt; o, daß sich doch die Wahrheit immer mehr Bahn bräche, daß der Fortschritt des Judenthums Hand iit Hand gehe mit der fortschreitenden Entwickelung der Menschheit! Die über uns herrschten, sie waren ja selbst Knechte, sie selifzten unter Hörigkeit, Zunftzwang, Leibeigenschaft, sie ertrugen die Geißel bevorrechteter Stände. — Man wird es uns zugestehen, daß wir uns in Betracht der jetzigen Lage des Judenthums keinen optimistischen Auffassungen hinzugeben pflegen, aber das Eine möchten wir doch behaupten, das Dunkel, das uns jetzt vielfach umgiebt, wird das neue Licht nicht für die Dauer verfinstern können. 1848 und 1898 liegen nur fünfzig Jahre von einander entfernt, aber in dieser heiligen Zeit ist ein gut Stück Arbeit geleistet worden, es wäre traurig, wenn rückwirkende Mächte dieses kräftige Vorwärtsschreiten behindern oder für die Dauer aufhalten könnten. Vorwärts also, mein Israel! Wo es