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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-23 · Heft 51 (23.12.1898) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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-- 602 — ' dennoch die Innigkeit bewahrten, so muß in unserer Zeit der helleren, und größeren eigenen Wohnung die lichtvolle und geläuterte Form deS religiösen Kultus entsprechen, ohne daß deshalb beiden die tiefere Innigkeit abhanden komme. Man sollte meinen, daß diese Anschauungen innerhalb des modernen Judenthums bereits zur allgemeinen Geltung gelangt' seien; indeß belehrt uns von Zeit zu Zeit ein Ansturm der Reaktion, die gewöhnlich mit der Reaktion auf allgemein kirchlichem und politischem Gebiet gleichen Schritt hält, daß diese Kämpfe noch immer nicht ausgefochten seien, und daß es noch lange ernster, zielbewußter Arbeit bedürfen werde, um den Ideen und Anschauungen des Fortschritts im Judenthum volle Geltung zu verschaffen. Zu dieser Arbeit soll uns der Sieg ermuthigen, den die liberale Partei in der Berliner Gemeinde jetzt errungen hat. Im engem wie im weitern Kreise. Denn naturgemäß wird nach der Niederlage,-die sie erlebte, die Gegenpartei große Anstrengungen machen, um das verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Es gilt daher, alle Kräfte zusammenzufassen, die für das Judenthum begeistert sind, die es sich und ihren Kindern, den Generationen der Zukunft, erhalten wollen, die aber auch überzeugt sind, daß dies nur im Bunde mit' dem Fortschritt und auf dem Wege ruhiger, aber sicherer Entwickelung möglich sei. Vor allem aber gilt es, die beiden Erbfeinde unseres Glaubens: den Abfall und den Jndifferentismus, mit allen Kräften zu bekämpfen. Sodann muß unsere Sorge der Erhaltung und Fortbildung unserer religiösen Institutionen gelten, damit die Berliner Gemeinde immer mehr zu einer Mustergemeinde für ganz Deutschland werde. Mit Entrüstung aber müssen wir jederzeit den Vorwurfs zurückweisen, als ob die freisinnigen Juden schlechtere oder weniger Juden seien als die konservativen. Nein! Wir sind überzeugte, glaubenstreue Juden, die aber das Wahre vom Falschen, das Dauernde vom Vergänglichen, den Kern von der Schale zu trennen wissen, und die über den wandelbaren Formen nicht die ewigen Wahrheiten des Judenthums in Vergessenheit gerathen lassen wollen. P« Woche. Berlin, 21. Dezember. nsere Voraussage ist buchstäblich eingetroffen. Mit Hilfe eines Bauernbündlers, zweier Agrarier und zweier gefälliger Konservativen haben die Antisemiten im Reichstage folgende zwei Initiativanträge eingebracht: 1. einen Gesetzentwurf, betreffend die Einwanderung ausländischer Juden, worin sowohl die Neueinwanderung wie auch das Verhältniß der in Deutschland sich aufhaltenden ausländischen Juden geregelt wird; 2. einen Gesetzentwurf, der die mit dem Schächten verbundene Thierquälerei abstellt, indem die Betäubung der Schlachtthiere vor der Tödtung gefordert wird. Einen Erfolg versprechen sie sich bei der Zusammensetzung des neuen Reichstags auch diesmal von ihren Anträgen nicht, welche sie mit seltener Geduld seit Jahren vergeblich einbringen — allein es ist ihnen ja auch gar nicht darum zu thun. Sie wollen nur den Effekt einer Judendebatte im Reichstage erreichen. Aber cs ist nicht unmöglich, daß ihnen selbst diese Hoffnung zu Wasser wird. Viel ernster ist auch der Gesetzentwurf des „alldeutschen" Professor Hasse nicht aufzunehmen, den er zusammen mit einer Anzahl Nationalliberaler und Freikonservativer eingebracht, und welcher die Naturalisation in Deutschland erschweren soll durch Gebühren und einschränkende Bestimmungen. So soll die Naturalisation von Ausländern nur dann eriheilt werden: 1. wenn die Naturalisation im Jntereffe des Deutschen Reiches liegt, 2. wenn diese Ausländer deutscher. Abkunft und.der deutschen Sprache mächtig sind. Wir glauben, daß die Antragsteller selbst noch keine Ahnung davon haben, wie dieses Gefttz etwa in WirNichkeit auszuführen wäre. Daß aber auch NationaUiberale diesen Antrag unterschrieben haben, ist sehr charakteristisch ffir'Tnefe Partei. Inzwischen hat Herr Liebermann v. Sonnenberg im Reichstag einen „Kulturkampf gegen das jüdische Kapital" empfohlen, ohne mit dieser Empfehlung bei den verschiedenen Parteien sonderliches Glück gehabt zu haben. Jedenfalls war aber diese Ankündigung nur die Ouvertüre zu den kommenden Reden und Anträgen. fr Vor einigen Wochen hatten wir nach dem neuen Berliner Gemeindeverzeichniß festgestellt, daß unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zu Berlin sich 716 Aerzte und 362 Rechtsanwälte befinden, und hieran dieBemerkung geknüpft: „Nur der schamloseste Antisemit dürfte es wagen, diese Zahl erzwungener Berufe gegen die Juden auszubeuten". Die „Antisemitische Korrespondenz" des Herrn Liebermann von Sonnenberg vom 1. Dezember entgegnete hierauf: „Man lernt doch alle Tage mehr, denn bis heute wußten wir noch nicht, daß die Juden gezwungen werden, sich als Aerzte oder Rechtsanwälte in der Reichshauptstadt niederzulaffen". — Dem antisemitischen Blatte werden es die Juden freilich niemals rechtmachen können, mögen sie nun der Wissenschaft oder dem Kaufmannsstande angehören. Daß viele Berufe noch heutzutage den Juden verschlossen sind, dürfte doch auch dem antisemitischen Blatte nicht unbekannt sein, wenn man nicht annehmen soll, daß unbequeme Thatsachen für dasselbe überhaupt nicht existiren. fr Im österreichischen Parlament hat der Unterrichtsminister gestern den antisemitischen Wiener Gemeinderath förmlich desavouirt, indem er die Interpellation des jüdischen Abgeordneten Hofrath Kareis, betreffend den Cirkularerlaß des Wiener Bezirksschulraths über die Klaffeneintheilung der Schulkinder unter Berücksichtigung des konfessionellen Moments, beantwortete. Der Minister erklärte, er habe angeordnet, daß eine weitere Durchführung des Erlasses vor seiner Richtigstellung nicht mehr Platz zu greifen habe, und daß in jenen Fällen, wo die Handhabung des Erlasses zu Unzukömmlichkeiten geführt haben sollte, diese zu beseitigen seien. Zum Schluß betonte der Minister, das konfessionelle Moment im Sinne der geltendem Gesetze und der auf Grund dieser erlassenen allgemeinen Verordnungen bilde keinen generellen Grund für Eintheilung der Schüler in die Klassen. Sollten sich aber in einzelnen Fällen beim Entwurf des Stundenplanes betreffs des Religionsunterrichts technische Schwierigkeiten ergeben, die bei dem Bestehen von Parallelklaffen nur durch eine entsprechende Eintheiluug der Schüler zu lösen seien, so könne er, der Minister, in einer solchen Maßnahme an sich eine Verletzung des Gesetzes nicht erblicken. Der Schluß ist natürlich eine Verbeugung vor den Herren Antisemiten, die man ja für den Ausgleich jetzt nothwendig braucht. Nichtsdestoweniger soll Herr Lueger die Absicht haben, seine Demission als Bürgermeister von Wien zu geben. Auf den Maire von Algier folgt der von Wien — beide sind würdige Genossen! fr Mit athemloser Spannung folgt die ganze Welt dem Verlauf des großen Justizdramas in Frankreich. Die, kleinen Pausen zwischen den einzelnen Akten werden von unseren braven Antisemiten durch allerlei kleine Scherze ausgefüllt, von denen der freilich einer der albernsten war, Picquart zum Juden zu machen. Diese Lüge

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