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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-23 · Heft 51 (23.12.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Ar. 51. Berlin. 23. Aezewder 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nadbiner Ludwig Philippson-Sonn. Verlags-Vrpedition: löeriin, Jerusaiemersir. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt-von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Die Berliner Gemeindewahlen. — Die Woche. — Brief aus Oesterreich. — „Unser Gott, und Gott unserer Väter." Von Prof. Dr. Steinthal. — Max Nordau, „Doktor Kohn". Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Zacharias Frankel in Berlin. XIV. Von Dr. S. Bernfeld. — Ueber die Vorbildung des jüdischen Lehrers. II. Von Josef Feiner. — Feuilleton: Die Rose von Saron. XXVI. — Litterarifche Mittheilungen. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Rachrichten r Berlin, Köpenick, Memel, Aus Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Koschmin, Inowrazlaw, Köln, München, Fürth, Wien, Budapest. — Bon Rah NNd Fern. Me Berliner Gemeindewahlen. Berlin, 20. Dezember. as Ergebniß der Repräsentantenwahlen in Berlin ist, wie wir schon kurz angedeutet haben, dorr einer weit über das lokale Jntereffe hinausgehenden Bedeutung. Auch die größten Künste der Wahlarithmetik, die jetzt, gezeigt werden, können nicht das Geringste an der Thatsache ändern, daß die Partei, welche die Fahne des Fortschritts aufgerollt, mit großer Majorität den Sieg über die gegnerische Richtung davongetragen hat. Dieses Beispiel wird sicher eine gute Wirkung ausüben; hat man sich doch in den letzten Jahren fast schon daran gewöhnt, zu glauben, daß die Reform wirklich im Niedergang begriffen und daß die Orthodoxie auf deren Trümmern ein neues Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte aufzurichten berufen sei. In der That schickte sich auch die Orthodoxie in verschiedenen Großgemeinden bereits ernsthaft an, die Herrschaft zu übernehmen, und während man sonst gerade in jenen Kreisen die Berliner Gemeinde immer nur als abschreckendes Beispiel zu citiren gewohnt war, fing man jetzt an, unsere Gemeinde als ein Muster und Vorbild in Israel, hinzustellen. Wie weit aber die Reaktionspartei in Berlin selbst zu gehen beabsichtigte, welche Pläne sie hegte, mit welchen Ideen sie sich trug, das könnten wir sehr ausführlich und bis ins kleinste Detail hinein unseren Lesern mittheilen, wenn unsere redaktionellen Prinzipien uns nicht von vornherein die Ablehnung aller Indiskretionen und Personalien zur Pflicht gemacht hätten. Nur so viel ist gewiß: Hätte die Reaktion bei uns freie Bahn, so würden innerhalb eines Jahrzehnts alle Grundsätze und Institutionen des religiösen Fortschritts innerhalb unserer Gemeinde über den Haufen geworfen sein. Zu dieser Ueberzeugung hat uns das Treiben der kleinen, aber rührigen Partei innerhalb der letzten drei Jahre gebracht, und darum ist der Sieg des liberalen Prinzips nicht nur für Berlin, sondern für ganz Deutschland von Bedeutung. Thatsächlich giebt es ja kaum eine Gemeinde in Deutschland, in der die Parität der religiösen Richtungen so gewahrt wurde wie in Berlin. Ein strenggläubiger Jude kann hier in zwei Gemeindesynagogen nach alter Väter Weise beten, ohne daß auch nur ein deutsches Wort den Frieden seiner Seele stört. Er findet alle religiösen Institutionen, wie Schechita, Mikwa u. s. w., in vorschriftsmäßiger Weise vor. Seine Kinder können in mehreren Religionsschulen einen Unterricht empfangen, der streng auf dem Boden des traditionellen Judenthums steht. Was will also die orthodoxe Partei mehr? Was sie mehr will? Sie will eben herrschen und den Reformgedanken von Grund aus zerstören. Dies wird ihr aber nicht gelingen. Weder in Berlin noch anderswo. Denn die auf dem historischen Boden des biblischen und talmudischen Judenthums stehende Reform hat sich innerhalb des modernen Judenthums fast seit einem Jahrhundert eine zu feste Position erobert, als daß sie je wieder daraus weggedacht werden könnte. Der besonnene Fortschritt, die ruhige Entwickelung, die immer auf Grundlage der alten Tradition und ohne auch nur ein wichtiges Gebot des Judenthums zu verletzen den Zeitfragen Rechnung zu tragen sich bemüht, sie können in ihrem Laufe nicht aufgehalten werden. Denn sie sind geschichtliche Faktoren, die für die Erhaltung des Judenthums, für die Zukunft unserer Glaubensgemeinde unentbehrlich sind. Es ist interessant und charakteristisch zugleich, daß eigentlich der ganze Streit zwischen den Parteien seit einem halben Jahrhundert thatsächlich sich nur um Reformen in der Synagoge handelt. Am Ende sind deutsche Gebete, Orgel, Mädchenchor und dergleichen Dinge wirklich nicht so wichtig, um den Frieden der Gemeinde zu gefährden oder gar zu zerstören. Und Mancher wird nicht begreifen können, welchen Einfluß diese Reformen auf die gesammte religiöse Entwickelung haben können. Aber in Wahrheit handelt es sich durchaus nicht um einzelne Institutionen, sondern vielmehr um die grundlegenden Prinzipien, von denen Synagoge und Schule erfüllt sein sollen, nachdem der dritte Faktor des religiösen Lebens, das Haus nämlich, von beiden Parteien mit rührender Uebereinstimmung dem Judenthum so ziemlich entfremdet wurde. Die Grundlehren des Judenthums sind Gotteserkenntniß und Gottesliebe (Schema, Weahabtah), welch letztere die Nächstenliebe in sich schließt. Als faßbare Handhabe zur Bewahrung dieser großen Hdeen sind die religiösen Formen, die Ceremonien gesetzt, damit wir in ihnen die Mittel zur Erhaltung und die Zeichen einer gemeinsamen Mission besitzen. Viele jener Formen haben sich nun überlebt und für unsere Zeit ihre Bedeutung verloren. So ist es denn gekommen, daß in dem Synagogenkultus der Schwerpunkt des religiösen Lebens liegt. Soll nun dieses religiöse Leben wieder erstarken, so kann dies nur durch eine entsprechende Gestaltung des öffentlichen Kultus geschehen. Wie bei unseren Alten das Gotteshaus der eigenen Wohnung entsprach, beide aber in düsteren Formen

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