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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-16 · Heft 50 (16.12.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 50. jjpffy bötf ♦ Serün. 16. Dezember 1898. 'Beilage zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 11. Dezember. Die heutige Repräsentantenversammlung fand unter Vorsitz des Herrn Justizraths Dr. Tiktin statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung bringt Herr Professor Lewin die bekannte Angelegenheit zur Sprache, daß der Vereinigung Bar Kochba der Turnsaal der Gemeindeschule verweigert worden sei. Vom Borstandstisch erwiedert Herr Justizrath Meyer, daß die Petenten durch nichts legitimirt gewesen seien, im Uebrigen auch der Turnsaal durch andere Institute in Anspruch genommen würde. — Zum geschäftlichen Theil ist die Mittheilung eingegangen, daß Herr Konsul Friedemann dem jüdischen Krankenhaus 1000 Mark zugewendet habe. Die Charlottenburger Religionsschule hat ferner eine Aufstellung über die Frequenz der Schule der Versammlung zur Kenntnißnahme übersandt. — Zu Punkt 2 der Tagesordnung steht die Felix Blum enthalt sche, Nachlaßmasse zur nochmaligen Verhandlung. Der Vorstand hat dem in der vorigen Sitzung gefaßten Beschluß der Repräsentanten, die ganze Summe, also 160 000 Mark, dem Reliktenfonds für die Beamten zu überweisen, seine Zustimmung versagt und sich nur bereit erklärt, die Hälfte dem gedachten Fonds zuzuwenden. Die andere Hälfte soll zu einer anderweitigen Verwendung aufgespart werden. Der Ausschuß hat darauf beschlossen, gegen diese theilweise Verwendung Verwahrung einzulegen. In der Diskussion vertritt Herr Justizrath Apolaut den Standpunkt, daß die Nachlaßmasse etwas Einheitliches sei, über die auch einheitliche Bestimmungen getroffen werden müssen. Herr Professor Lewin ist ebenfalls der Ansicht, daß man entweder über die ganze Summe oder gar nicht verfügen soll. Es liege hier eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Repräsentanten und dem Vorstand vor, zu deren Entscheidung eventuell eine Spezialkommisston ernannt werden müsse. Herr Leonhard Sachs und Herr Louis Sachs glauben, die Versammlung vergebe sich nichts, wenn sie dem Vorschlag des Vorstandes zustimme; über die Verwendung der zweiten Hälfte müsse ja doch ein neuer Beschluß herbeigeführt werden. Herr Justizrath Meyer führt aus, daß dem Vorstand nichts über eine einheitliche Bestimmung des Testators bekannt sei; Letzterer habe nur die jüdische Gemeinde als Erben eingesetzt, weil er keinen anderen Erben gewußt hätte. Bei der darauf folgenden Abstimmung über den Antrag des Ausschusses, es bei dem in der vorigen Sitzung gefaßten Beschluß bewenden zu lassen, ergiebt sich Stimmengleichheit, nämlich neun gegen neun Stimmen. Da statutengemäß in solchen Fällen die Stimme des Borsttzenden den Ausschlag giebt, gelangt der Ausschußantrag zur Annahme. — Zu Punkt 3 wird nach einem kurzen Referat des Herrn Leonhard Sachs einstimmig beschlossen, der Delegirtenkonferenz des Verbandes jüdischer Lehrervereine in Deutschland einen Beitrag von 1000 Mark zu bewilligen. -- Die Genehmigung zur Anlage eines Fernsprechanschlusses für die Synagogen in der Lindenstraße und Lützowstraße wird seitens der Versammlung ertheilt. Die übrigen drei Punkte werden, weil noch nicht spruchreif, von der Tagesordnung abgesetzt. 8. Berlin, 8. Dezember. In den hiesigen Benai-Berith-Logen hielt heute vor den zahlreich erschienenen Mitgliedern der Landtagsabgeordnete Dr. Max Hirsch einen geistvollen und hochinteressanten Bortrag über „Die wirtschaftliche Neugestaltung Deutschlands und der Antheil der Juden an derselben". Sehr mit Recht betonte der Referent in der Einleitung, daß in feinen volkswirthschaftlichen Bortrag keine Tendenz hineingelegt sei, sondern daß aus dessen Thatsachen die Tendenz stegreich hervorgehen werde. Alle europäischen Länder, so führte der Redner etwa im Folgenden aus, hätten in den letzten 50 Jahren auf allen Lebensgebieten große Umwandlungen erlebt, wohl kein Land aber größere als Deutschland, und zwar sowohl auf geistigem Gebiete wie auch durch den Einfluß der geistigen Bewegung in politischer und volkswirthschaftlicher Beziehung. Seit Begründung habe das Deutsche Reich eine Zunahme von 12Va Millionen Einwohnern erfahren, ohne daß die bewirthschaftete Fläche sich wesentlich vergrößert hätte. Das bedeute auch eine gewaltige Steigerung an Produktionskraft und Konsumtionsbedürfnissen. (Redner weist dieses an der Hand amtlicher statistischer Zahlen nach.) Auf volkswirthschaftlichem Gebiete habe auch qualitativ eine Umwälzung stattgefunden, früher habe sich die Produktion nach dem Bedarf gerichtet, heute arbeite sie nach eigenem Plane. Bezüglich des Antheils, den die Juden an der Neugestaltung Deutschlands gehabt haben, sei es bereits von Roscher in seinem Lehrbuch gewürdigt worden, daß die Juden die Brücke bildeten, um die nöthigsten Elemente auf das Mittelalter herüberzutragen. Die Juden hätten die Kulturmisston des Handelsverkehrs übernommen, den Deutschen hätten die Kenntnisse und die Uebung gefehlt. Als man der Juden, die damals leider noch als Fremdlinge betrachtet worden seien, nicht mehr bedurfte, habe man sie nicht nur verjagt, sondern auch auf die schlimmste Weise gemartert. Die Judenverfolgungen des deutschen, französischen und italienischen Mittelalters hätten vorzugsweise auf Handelseifersucht beruht. Ein Jahrhundert später hätten die deutschen Kaufleute durch Gründungen von Faktoreien in England, Skandinavien die dortigen Bewohner mindestens zu gleichem Theile ausgebeutet, wie es die Juden angeblich mit den Deutschen gethan haben sollen. Der Keim des Verkehrs und Handels sei Deutschland nicht verloren gegangen, und die Deutschen hätten wohl Ursache, den Juden schon von jener Zeit an dankbar zu sein. In der Zwischenzeit seien ja die Juden dem Rechte und dem Gefühl nach Reichsbürger geworden und hätten das Recht und die Pflicht, sich im vollsten Maße an der Neugestaltung Deutschlands zu betheiligen. Wie die Juden schon im Mittelalter voraus gewesen, so sei es annähernd auch in der Neuzeit der Fall gewesen. Den Juden, die von jeher auf Kalkulation angewiesen gewesen seien, sei ohne eigenes Verdienst als Kehrseite ihrer traurigen Lage die schnelle Auffassung angeboren gewesen, und diese Eigenschaft fei ihnen zu gute gekommen, um überhaupt weiter existiren zu können. Daher sei die sogenannte Macht der Juden begreiflich in der Volkswirthschaft, in Wissenschaft und Kunst, auf dem Gebiete der Politik, des Bankwesens, der Börse und des Waarenhandels. Auch im Ackerbau und im Handwerk leisteten die Juden sckon Tüchtiges, die jüngere jüdische Generation hätte mit richtigem Blick erkannt, daß die Zukunft der Technik gehöre. So gäbe es kaum eine Gruppe der Produktion, in welcher die Juden nicht ziemlich stark betheiligt seien, in welcher ste nicht sehr häufig bahnbrechend gewirkt hätten. In Berlin selbst hätten die Juden Großes geschaffen. Das sei die Konfektion, die für stch das Verdienst in Anspruch nehmen könne, eine der größten Industrien des Exports zu sein. Die Konfektion hätte in den letzten drei Jahrzehnten 5 Milliarden an Werth produzirt, 200 000 Personen, d. i. der sechste Theil der Bevölkerung, seien in dieser Industrie beschäftigt. Allein durch die Schaffung dieser Industrie hätten stch die Juden um Deutschland verdient gemacht. „Wahrlich," so schloß der Redner seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen, „der Antheil der Juden an der Entwickelung Deutschlands ist sehr groß. Sie, der zum Schacher und Wucher zurückgestoßene Stamm, haben diese staunenswerthe Elastizität gefunden, daß sie nach Jahrhunderte langer Unterdrückung und Beschränkung auf einen bestimmten Berufszweig sich nach allen Seiten ausgebreitet und bethätigt haben. Sie haben nicht allein das Materielle der wirthschaftlichen Kultur ins Auge gefaßt, sie haben auch für die Konsumtion mitgewirkt, für die Erhöhung des ganzen Niveaus, für den feineren Lebensgenuß. Bei aller Sparsamkeit der großen Mehrzahl der Juden haben ste den Sinn mitentwickelt für die Würdigung des Aesthetischen. Sie haben aber auch die soziale Seite der wirthschaftlichen Verhältnisse nicht verkannt. Wie sie überhaupt dem Gemeinsinn zunächst unter sich huldigen, so sind sie, sobald es ihnen ermöglicht worden ist, auch weiter hinausgegangen, sie haben ihre Humanität für oie Gesammtheit der Menschen bewährt. Und dieses

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