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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-16 · Heft 50 (16.12.1898) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
Seite 599 (sequence 11)
Language
German
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599 Umstand, daß manche Staaten Erleichterungen bei der Ehescheidung einführen, um ihre Bevölkerung zu vermehren. So erwirbt man in Süd- Dakota die Gerichtszuständigkeit durch sechsmonatlichen Wohnsitz. Findet also Jemand, daß sein Heimathsstaat ihm bei einem Scheidungsgesuch Schwierigkeiten in den Weg .legt, so ist es am einfachsten, auf sechs Monate nach Dakota zu übersiedeln, dort die Scheidungsklage gegen den abwesenden Gatten einzureichen und sie in contumaciam durchführen zu lassen. Der Erfolg ist, daß der Heimathsstaat die Ehe als bestehend betrachtet und den zurückgebliebenen Theil als Bigamisten beim Eingehen einer neuen Ehe verfolgen würde, während der Neubürger von Dakota ungestraft mit Hymen einen neuen Versuch wagen darf. Leider hatte der Berichterstatter, ein Mann der älteren Schule, seine Aufgabe gründlich mißverstanden und die Gelegenheit benutzt, gegen den vielverleumdeten Schulchan Aruch loszuziehen und zu beantragen, daß man sich von den Fesseln des rabbinischen Ehegesetzes losmache. Dabei übersah er, daß bereits im Jahre 1869 eine in Philadelphia abgehaltene Rabbinerversammlung sich dafür ausgesprochen hätte, die gerichtliche Ehescheidung als religionsgesetzlich giltig zu erklären, und daß dieser Beschluß ziemlich allgemein anerkannt wurde, weil es in Amerika nicht anders geht. Auf der anderen Seite erweckte die Aufforderung zum Maflenmord sämmtlicher Paragraphen des Schulchan Aruch gerade unter den jüngeren Rabbinern entschiedenen Widerspruch, da sie wohl das Veraltete aufgeben, aber nicht jede Verbindungsbrücke mit der Vergangenheit abbrechen wollten. Schließlich war der eigentliche Gegenstand des vorjährigen Beschluffes nicht berührt worden, da der Berichterstatter über Mittel und Wege, ein einheitliches amerikanisches Ehegesetz zu schaffen, gar nicht gesprochen hatte. Der Bericht wurde, wie der amerikanische Kurialstil es schonend ausdrüüt, „auf den Tisch gelegt", wobei man eigentlich meint: „unter den Tisch geworfen". Recht belehrend ist es übrigens, zu sehen, daß konservative Gesinnung gerade unter dem jüngeren Element des rabbinischen Standes mehr und mehr Platz greift, wie ich in Folgendem noch zeigen werde. EUILLETON Vre Rose von Saron. Line Erzählung. XXV. JSL>§ war eine hohe und stolze Gestalt, welche zu dem Garten Gethsemane emporstieg. Doch das Haupt derselben war ge- V~'/ bückt, der Gang langsam und nachlässig, so daß es schien, als drücke ein Schmerz die Seele des Ankömmlings. Er trug ein gekrümmtes, leichtes Schwert, und ein Turban bedeckte sein Haupt. Augenscheinlich war er ein Krieger. Die Nacht war still, duftig und lieblich. Der Krieger stieg schweigend und in Sinnen versunken die Anhöhe hinan. Aber unter den Gebüschen kroch es mit funkelnden Augen herbei von zwei Seiten. Jndeffen, wie gesagt, die Nacht war still, duftig und lieblich, und auch die Klage Zeruhas war verstummt. Da schnitt ein nahes Schakalgeheul die Luft und wurde beantwortet aus den nächsten Gebüschen, vielstimmig und nahe gekommen. Der Krieger fuhr auf und horchte. Die Töne klangen zu natürlich. Da fuhr es heraus links aus dem Gebüsch, mit haarigem, gesträubtem Rücken und hungrigem, heiserenr Geheul, und dies Geheul war gellender, fürchterlicher als das eben gehörte. Der Krieger machte einen Satz zur Seite — der Schakal hatte das Oberkleid erfaßt und zerriffen, dann aber, ob der Täuschung doppelt erbost, sprang er enipor und fletschte die Zähne — und der Krieger fühlte den heißen Athem der Bestie. Die Söhne Edoms streifen auf den Bergen Selr und von Moab bis Damaskus, und wenn die wilden Thiere der Wälder auf die grasenden Heerden losfahren, da hebt der verzweifelnde Hirt oft einen kühnen Kampf mit der Bestie an — und die Söhne Edoms siegen immer! Und die anderen Söhne Edoms, welche in den Wüsten irren und vom Ausrichten des heimathlichen Thrones träumen, das sind muthige, starke Männer, die der Hyäne und dem Schakal scherzend entgegen gehen, wenn sie Nachts an den einsamen Feuern lagern, und die hungrigen Thiere wimmernd sich nahen. Die Söhne Edoms, .die rauhen, entbehrenden Kinder der Wüste, werfen sich mit den Fäusten auf den bellenden Schakal und schnüren ihm die Kehle zusammen, oder sie stürzen mit geschwungener Keule auf die greuliche Hyäne. Der Krieger Edoms, welcher nach Gethsemane emporstieg, war durch den Angriff des Schakals nur einen Augenblick überrascht. Dann, da die Zeit, das Schwert zu ziehen, mangelte, ergriff er mit beiden Händen die Kehle des Thieres, ehe es seine Zähne benutzt hatte, und drückte den Schlund deffelben mit machtvoller Anstrengung zusammen, daß die Augen der Bestie hervorquollen, und die Tatzen derselben zuckend und der Sehnenkraft verlustig gehend blos das Oberkleid des Kriegers zerrissen. Der warf die Bestie dann zu Boden, setzte ein Knie auf die Brust derselben, und während sie ein letztes heiseres Stöhnen von sich gab, drückte er den Schlund derselben also zusammen, daß kein Atom Luft weiter in die Lunge des Thieres dringen konnte. Nach kaum zehn Minuten war alles vorüber, die Bestie war verendet. Der Krieger erhob sich. Seine Gestalt stand unerschüttert, nur ein rascheres Athemholen verrieth die gehabte Anstrengung. In diesem Augenblick tönte ein winselndes Geheul aus den Gebüschen und setzte sich seltsam und fast wunderbar von Busch zu Busch fort. Der Krieger fuhr wieder auf und blickte sich mit Mißtrauen um. „Das Thier hat Freunde in der Nähe," murmelte er und zog dann die funkelnde Klinge hervor, spähte durch die dämmernde Nacht nach dem Fußpfad und schritt langsam zu der Hütte empor. Das Schakalgeheul verstummte gänzlich. Es war eine trübe, eigeuthümlich wehmüthige Zusammenkunft, als der Krieger in die zerstörte Hütte trat und vor der knieenden Frau stehen blieb. „Zeruha!" sagte Edoms Sohn mit zitternder, mitleidiger Stimme und reichte der Knieenden die Hand zum Aufstehen. „Reson!" flüsterte Edoms leidtragende Tochter, und während sie aufstand, stürzte ein neuer Thränenstrom über ihre Wangen. „Tochter Edoms. meine Mutter, Du duldest und weinst um Edoms willen und um die gebrochenen Hoffnungen seiner Stammesgenossen. Siehe, der Schmerz bebt auch in meinem Herzen, aber ich habe keine lindernden Thränen für diese Qual! Mutter Isis hat ihr schönes Angesicht uns verhüllt. Es ist die Nacht gekommen, und es wird kein neuer Morgen tagen!" Die Edomitrrin war in Schmerz aufgelöst. Ihre hohe, edle Gestalt war gleichsam in sich zusammengebrochen.

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