Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-16 · Heft 50 (16.12.1898) · p. Seite 596

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228308--55114-3291313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

———————— 596 wörtlich. Sie haben ihm gesagt: „So bin ich, so werde ich verfahren, bist Du mit diesen Gesinnungen, mit solchem Verfahren nicht einverstanden, so bestätige die Wahl nicht". Bestätigung der Wahl ist seine Antwort auf Ihr Schreiben, und er hat die Verantwortung für Ihr geistliches Thun übernommen. Was können Sie mehr verlangen? Fürchtest Sie etwa, daß er Ihnen Ihr per Post gesandtes Glaubensbekenntniß ableugnen wird? Oder verlangen Sie, daß er um der Juden oder Ihretwillen das jetzt herrschende Staatsprinzip im Nu aufheben und Ihnen eine offene Urkunde darüber ausstellen soll? Sie haben mit Ihrem Briefe Großes, Würdiges, Muthvolles gethan, oder war dies nur ein muthiges Schreiben, und schreckten Sie selber vor Ihrem Muth zurück? . . . Was haben Sie in Ihrem konstitutionellen Sachsen, bei Ihrem besten Willen, bei Ihrem unermüdlichen Streben denn Großes durchsetzen können? Vergessen Sie, daß wir alle insgesammt im Golus sind, mehr oder weniger, und daß Ihr Beruf ist (nicht ein messianischer. ..), aber im Golus unseren Glauben zu erhalten und alles langsam vorzubereiten; nicht ein gewaltsames Entgegentreten gegen das Bestehende, sondern zu mildern und nach und nach Besseres herbeizuführen. Ihr Beruf ist, das jüdische Zusammenleben nicht ausgehen und nicht untergehen zu lassen in unserem preußischen bürgerlichen Zusammenleben — nicht ein jüdisches Zusammenleben, von außen bewirkt, wie Sie befürchten, woran nicht mehr gedacht wird, sondern ein Zusammenleben von innen! .... Mir aber glauben Sie, daß Alle auf Sie warten, die Räthe in beiden Ministerien wünschen Ihre Gegenwart, beide Minister wollen Beschleunigung und Erledigung der Angelegenheit. Bedenken Sie, daß es das erste Mal in Preußen ist, daß auf speziellen Befehl des Königs die Angelegenheit dem geistlichen Ministerium aufgetragen ist. Der Minister des Innern, dessen Sache lediglich das Staatsbürgerrecht ist, muß dieserhalb dem König Vortrag halten, der allein die Bewilligung zu geben hat. Beide Ministerien befehlen uns durch das Polizeipräsidium, Sie zu veranlassen, das Gesuch an den Minister des Innern betreffend das Staatsbürgerrecht zu richten, und daß wir es dem Polizeipräsidium zur weiteren Beförderung schleunigst überreichen sollen. Der Polizeipräsident hat sich gegen Geheimrath Meyer wie gegen mich wiederholt geäußert, wie erwünscht Ihre baldige Herkunft wäre, um endlich den Kultus und das Schulwesen, das noch ganz mangelhaft ist, zu ordnen. Der König ist vom besten Willen beseelt. Erst dieser Tage sind wieder auf Befehl des Königs Juden in die Garde ausgenommen, was bis jetzt laut Bcfehl des hochseligen Königs nie stattfand. Jüdische Aerzte sind jetzt auch beim Militär angestellt. Man schreitet also tatsächlich vor — nur will man in der Religion den Jndifferen- Lismus nicht. Bedenken Sie, welches Feld Ihnen in Preußen eröffnet ist, und was Sie auf ihrem Gewissen haben. Bedenken Sie fdas Wohl des jüdischen Stammes); bedenken Sie die Berliner Gemeinde; bedenken Sie Ihren Beruf. Es paaren sich hier Jung und Alt, um Ihre Wohnung zu möbliren. Ich kann nur noch hinzufügen: niyn DNp nry 'n ']vzb vb bk «"przs*? mb bk lwenn Sie es nicht unsert-, nicht Ihretwillen thun, so thun Sie es doch um Gottes willen)! . . . ." Den Brief Muhrs, den man noch heute nicht ohne Rührung lesen kann, beantwortete Frankel am 18. April mit folgenden, sehr intereffanten Ausführungen, die für alle Zeiten lesenswerth bleiben: „Mein sehr geehrter Freund! In Erwiederung auf Ihr Schreiben, das sie Ihrem Wunsche gemäß hier beiliegend zurückerhalten, und in Bezug auf den unter heutigem Datum ebenfalls angelangten Brief des Herrn Geheimrath Meyer sehe ich mich zu der folgenden Bemerkung veranlaßt: Es gehört nicht zu den größten Albernheiten dieses solarischen Planeten, daß man auf Versprechungen oder stillschweigende Zugeständnisse der Großen sich nicht verlasse, sondern, so weit als möglich, Gewißheit zu erlangen suche. Wenn ich nun das Gesuch an das Polizeipräsidium ganz einfach, wie Sie wünschten, richtete, so bin ich stillschweigend von meinem früheren Schreiben an den Minister Eichhorn abgegangen, denn ich habe nichts als Beweis dafür in Händen, daß man meine Ansichten und Bedingungen genehmigte. Dann kann ich aber auch nicht mehr zurücktreten, da ich preußischer Unterthan geworden bin, und endlich *>£ UttD üV fwer kann mit einem Mächtigeren rechten)? Wenn die Bestätigung auch nicht in meinem Sinne erfolgt, so muß ich sie doch annehmen; denn ich habe nicht offiziell meine Bedingungen vorgetragen: kurz, ich habe mir jedes selbständige Handeln selbst vernichtet. Diese'. Sache ist in meinen Augen so klar, daß nur Ihre Liebe zu mir und der Eifer, mich in Berlin zu sehen. Sie diesen handgreiflichen Schluß übersehen lassen konnte. Nun sagen Sie mir freilich, der Minister hat mich doch schon kennen gelernt; — aber der Minister ist sterblich. Eichhorn hat übrigens so manches verordnet, worüber die Welt im Dunklen geblieben ist, und kann daher sein Stillschweigen gar nichts aussagen. Das Uebrige giebt Stoff zum Nachdenken und muß der mündlichen Besprechung Vorbehalten werden. — Das Einzige noch: wenn Sie von mir meinen, daß ich mich blos herausreden will, so sei Ihrer leidenschaftlichen Aufwallung aus dem Innern meines Herzens vergeben. Aber Sie werden noch mein Schreiben vom 8. Februar besitzen und daraus ersehen, daß die eigentliche Veranlassung jenes Edikt war, daß nach allerhöchstem Wunsche in der Landeskirche die Judenmissionsfeier begangen werde. Ich fühle zu tief: 'öl? P>te Liebe zu meinem Stamme verzehrt mich)' Es ist wahr, daß wir Juden nicht agio gelten; aber wir setzen uns zu sehr unter pari. Ein gnädiges Lächeln, ein schmeichelhaftes Wort berauscht uns, und wir haben nicht nur alles vergessen, sondern taumeln in Entzücken herum, daß wir zum Gespött werden. Daß wir doch mehr Werth auf uns selbst setzten und das Kriechen und den narkotischen Weihrauchsrausch ließen, aber dafür eine kräftige, energische Gesinnung bewiesen, dann stünde es um uns, um unser inneres und äußeres Wesen, viel besser! Doch Jeder hat seine Gedanken. Sie werden mir vorwerfen, dieses sind gelehrte, aber nicht praktische Ansichten. Ich antworte Ihnen darauf: Sie mögen Recht haben. Aber da einmal meine Ansicht und meine Ueberzeugung so ist, so muß ich ihr treu bleiben. Ich dränge sie doch Niemand auf! Vielleicht irre ich, vielleicht ist es besser, daß ein Korporationsgesetz ins Leben trete, oder daß man immerfort in Ungewißheit schwebe. Kurz, ich kann mich mit all dem in meinem Schreiben an Minister Eichhorn Berührten irren; aber ich meinerseits werde doch nicht davon abgehen. Für Sachsen brauche ich übrigens nicht zu bürgen; die Kultusangelegenheiten sind hier geordnet. Hingegen weiß ich aus dem Eindruck, den die hiesigen Landtagsverhandlungen aus mich machen^, daß eine solche Verordnung in Preußen, wie die vom Januar oder wie die projektirte Korporation, mich dem Tode nahe bringen würde. Ich habe eine andere Form gewählt, und der Brief an den Vorstand ist schon gestern nach Berlin abgegangen. Vermuthlich haben Sie ihn schon in Händen. Einen anderen schreibe ich nicht, und sage ich Ihnen, geehrter Freund, ganz unumwunden, daß, so theuer und werth Ihre Briefe in meinen Augen sind, ich mich doch durchaus zu keinem weiteren offiziellen Schritt verstehe, wenn nicht der Minister Eichhorn etwas Schriftliches, worauf man fußen kann, von sich gegeben hat. Von meinen Rechten bin ich gern in der Verhandlung zurückgetreten; von meiner Ueberzeugung werde ich nie zurücktreten und werde dabei verharren, wie auch immer die Sache ausfalle..." Am 23. April schrieb Frankel wiederum an Muhr: „Es liegen zwei Briefe von Ihnen zur Beantwortung vor: vom 19. und vom 20. dieses Monats. Den einen scheint aufwallender Unwille, den anderen versöhnende Freundschaft diktirt zu haben. Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie in meinem Innersten liebe, so würden Sie auch erkennen, daß ich nur Versöhnung und unvertilgbare Anhänglichkeit gegen Sie hege, und daß jeder Ihnen durch mich verursachte Kummer mir unaussprechlich wehe thut. Glauben Sie mir, meine Absicht ist eine ganz redliche, und wenn ich mich jetzt so beharrlich zeige, so geschieht es im Interesse der preußischen Juden und vorzüglich der Berliner Gemeinde selbst. Ich will vor allem Ihnen die Frage beantworten, die Sie in Ihren beiden Schreiben aufwarfen. Ich hätte an den Minister geschrieben: „Lassen Ew. Exzellenz die Bestätigung *) Die jüdische Gemeinde hatte an den Landtag eine Petition auf Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden in Sachsen gerichtet. Diese Petition kam am 21. Februar 1843 zur Verhandlung und dauerte längere Zeit. Neben mancher humanen Ansicht kam bei jener Gelegenheit auch viel Gehässiges zum Vorschein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.