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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-16 · Heft 50 (16.12.1898) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
Seite 595 (sequence 7)
Language
German
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595 Ganz anders auf der anderen Seite. Im christlichen Publikum empfindet man Respekt vor dem tüchtigen Lehrer, dessen Persönlichkeit und Wirksamkeit allen Ansprüchen genügen. Die jüdischen Gemeindebehörden und leider auch viele Institute schätzen aber in allzu kaufmännischer Weise die Lehrerarbeit nach Angebot und Nachfrage ein. So lange man einen Beamten,' der Lehrer, Prediger, Kantor und Schächter ist, für 1000 dis 1200 Mark bekommen kann, wäre es Thorheit, den Gemeindesäckel schwerer zu belasten. So lange man für das Amt eines Seminarlehrers Leute findet, die mit 1500 Mark zufrieden sind, und man sogar glaubt, einen Mittelschullehrer oder Rektor mit 1650 Mark ablohnen zu können, sieht man nicht die Nothwendigkeit ein, an die Lehrerarbeit einen anderen Werthmeffer zu legen. Offen muß es gesagt werden, ein Lehrer, ■ der ohne zwingende Gründe für solche miserable Entlohnung eine schwere, verantwortungsvolle Stellung übernimmt, hat keine Ahnung von den Pflichten seines Berufes, Vorbild und Erzieher von Geschlechtern von Lehrern zu werden, denen mehr als anderen Berufsmenschen Manneswürde und Selbstbewußtsein nothwendig sind. Aber leider räumt so gar oft der Verhältnisse drückende Uebermacht mit diesen so nothwendigen Tugenden gänzlich auf, und, was ebenso tief zu bedauern ist, vielfach werden Leute auf den Posten eines Seminarlehrers gestellt, die sich zu allem eher eignen als zu Bildnern der Erzieher des Volkes. Darum muß von den Männern, die einen großen Theil des j Lehrererdenwallens hinter sich haben, die die Gefahren und Klippen / -kennen, die diese Fahrt erschweren, darum muß von uns im Jnterj esse der künftigen Lehrergenerationeu die Forderung aufgestellt Li werden: „Zum Seminarlehrer darf nur ein solcher Lehrer erwählt §1 werden, der nicht blos ein Mann von pädagogischer Bildung, ' s sondern auch von wiflenschastlichem Geist und Streben durchdrungen «ist. Ferner muß er ein Mann von festem Charakter sein, auss gerüstet mit Lebenserfahrung und beseelt von Liebe für das Vols svnd die Jugend; er muß frei von Pedanterie und befähigt sein/ sdas Heranwachsende Lehrergeschlecht mit Begeisterung für seinen Beß kuf zu erfüllen." Professor Rein sagte in Breslau: „Wenn das Schulregiment versteinert ist, dann ist es an der Zeit, daß der andere Faktor der Volksbildung, der Lehrerstand, in die Bewegung eingreift", und bemerkt weiter: „Wir wollen die Volksbildung heben, wir wollen eine andere Einschätzung der Arbeit des Lehrers". Und da diese Einschätzung im Wesentlichen von der Ausbildung abhängt, die ein Stand empfängt, stellt Rein die These auf: „Volksbildung und Lehrerbildung stehen in einem nothwendigen inneren Zusammenhang. Das gesteigerte Bildungsbedürfniß der Gegenwart verlangt auch eine Vervollkommnung der Lehrerbildung". Nun, fürwahr, unser Schulregiment ist genugsam versteinert, unsere soziale Werthschätzung ist kaum tiefer hinabzudrücken, da ist es doch wahrlich an der Zeit, daß sich der jüdische Lehrerstand aufrafft, alle falsche Scham bei Seite setzt, den Finger auf die Wunde legt und in Hoffnung auf Gesundung die Wurzel des Uebels aufdeckt. „In der Lehrerbildung werden zu viel Steine gereicht statt Brod, und dieses in zu kleinen Portionen." Ich will keineswegs den braven und tapferen Männern zu nahe treten, die, mit der Noth des Lebens kämpfend, sich genug Idealismus bewahrt haben, um strebende Jünglinge für einen Beruf zu begeistern. der ihnen selbst thatsächlich Steine statt Brod gebracht hat- Ich will ihr Wissen und Können auch nicht verdächtigen, wenn sie den Seminar-Aspiranten mit vielen Segenswünschen und der Reife eines Bolksschülers ins Seminar abreism lassen, aus dem der junge Mann nach drei Jahren als Lehrer der Jugend und der Erwachsenen entlassen werden soll. Sie kennen die geringen Anforderungen der Seminare und wissen, daß das Wissen, das beim Examen verlangt wird, in der Anstalt tüchtig eingebläut wird. Die Gerechtigkeit verlangt, daß ich bemerke, auch in den meisten christlichen Seminarien ist es in dieser Beziehung nicht besser. Sallwürk tadelt diesen Zustand mit folgenden Worten: „Unsere Seminarien setzen jetzt bei ihren Zöglingen nur die bessere Volksschulbildung voraus. Darauf wird nun ein recht umfangreiches System von Kenntnissen und Fertigkeiten aufgebaut, das schon in der Zeit, wo für die praktisch didaktische Ausbildung der Seminaristen wenig geschah, dieselben überlastete. Heute, wo in letzterer Beziehung die Verhältnisse sich gebessert haben, ist in allen anderen Beziehungen die Arbeit zu hastig» ihr Erfolg zu wenig nachhaltig geworden. Es giebt keine Schulen, an denen eifriger und angestrengter gearbeitet wird als an unseren Lehrerbildungsanstalten, aber wir stellen die Ergebnisse all dieser Mühen in Frage, wenn wir nicht die Grundlage breiter und fester anlegen". Und dieses Einpauken und Eintrichtern, füge ich hinzu, hat für gar viele junge Lehrer die verderbliche Erscheinung im Gefolge, daß sie sich für fertig und ihre geistige Ausbildung für abgeschlossen halten, was Andrae in seinem Buche: „Zur Seldsterziehung des angehenden Lehrers", mit drastischen Worten geißelt. „Es ist eine häufige Erscheinung, daß bei dem etwas allzu reichlich besetzten Tisch, welchen der Lehrplan der Seminarien zu bieten pflegt, Mancher eine Art Magenverstimmung mitnimmt, die er durch längeres Fasten am besten zu kuriren vermeint. Glücklich, der zwangsweise geregelten Einladung einer bunten Wiffensmenge glücklich entronnen zu sein, dispensirt sich der Freigelassene auf unbestimmte Zeit und freut sich der nicht bedrohten Muße." Zacharias Frankei in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. XIII. er letzte Brief Frankels rief in Berlin eine wahre Bestürzung hervor, und Muhr beeilte sich, ihn auf das Schädliche seines Beginnens aufmerksam zu machen. Dieses Schreiben Muhrs vom 16. April 1843 liegt mir im Original vor; es ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Emanzipationskämpfe jener Zeit, auch gewährt es uns einen Blick in das Gemeindeleben von damals. Der Brief lautet: „Ihr Schreiben habe ich erhalten und sogleich den beiden Vorstehern, Herrn Salomon Meyer und Geheimrath Joel Wolff Meyer, die zu mir kamen, mitgetheilt. — Wir waren bestürzt, denn wir haben solches nicht erwartet. Wollen Sie für die Allgemeinheit Gutes stiften, wollen Sie eine große, achtbare Gemeinde nicht herabwürdigen, eine Gemeinde, die sich Ihnen mit vollem Vertrauen hingegeben, die gleiches Vertrauen von Ihnen zu erwarten im vollsten Maße berechtigt ist; wollen Sie nicht als ein Mann erscheinen, der ohne jede Rücksicht nur seine eigene Meinung behauptet, weil es eben seine ist — kurz,. wollen Sie anerkannt sein als ein Mann der Wahrheit, so dürfen Sie in Ihrer Petition zur Erlangung des Bürgerrechts, welche nur an Minister Arnim, als Minister des Innern gerichtet sein muß, nicht die entfernteste Beziehung nehmen auf Ihr früheres Schreiben an Minister Eichhorn, als Minister der geistlichen Angelegenheiten. HD1? swollen wir uns offen aussprechen!] Sie haben sich dem Minister Eichhorn offen gegeben und Ihre Gesinnung unumwunden ausgesprochen, ja mit starken Farben aufgetragen. Dies war ehrenhaft, würdig, groß; der Minister kennt Sie also, er weiß, was er von Ihnen zu erwarten hat. Er weiß, daß Sie Ihre Pflichten als Oberrabbiner im vollsten Maße erkannt und danach verfahren werden. Er ist Minister der geistlichen Angelegenheiten und dem Staate für Sie verant-

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