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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-16 · Heft 50 (16.12.1898) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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594 der Zeit zu vertiefen, der sieht auch in der Bewegung auf pädagogischem Gebiet nichts als Einfälle und Willkür; die Pedanten ärgern sich, daß man andere Wege geht als die von ihnen ausgedachten, sie alle, die Gegner des Neuen, vereinigen sich in dem Bestreben, der zügellosen Zeit ein Ende zu machen und dem Pädagogenvolke einen neuen König zu küren." So schreibt Robert Rißmann in einer Studie „Interregnum" in der Zeitschrift „Die deutsche Schule", in welcher er die soziale Frage mit Schmoller als eine pädagogische Frage hinstellt. Schmoller bezeichnet als den letzten Grund aller sozialen Gefahr nicht die Diffonanz der Besitz-, sondern der Bildungsgegensätze, d. i. der Gegensätze im Empfinden und Denken. Man sollte nun glauben, jeder Lehrer, der ja in dem kleinen Völkchen, das sich alltäglich um ihn schaart, das künftige „Volk" erblicken muß, fühle die Wahrheit des Schmollerschen Satzes tief im Herzen. Er suche an der Ueberbrückung dieser Gegensätze mit allem Eifer, mit aller Thatkraft, deren er fähig ist, mitzuarbeiten, damit die neue Zeit ein neues, besieres Geschlecht vorfinde. Und in der That darf auch die deutsche Lehrerschaft für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, daß sie redlich bestrebt und bemüht ist, in der Schule und im Leben hinzuwirken auf eine Gesundung unseres kranken Gesellschaftskörpers. Wir selbst waren vor zwei Jahren Zeuge jener imposanten Kundgebung, die im Namen und im Geiste Pestalozzis die deutsche Lehrerschaft in Hamburg veranstaltete. 8000 Lehrer faßten hier bedeutsame Entschlüste im Sinn einer neuen, befferen Erziehung. Aber trotz der herrlichen Eindrücke, die ich in der Festwoche der Allgemeinen deutschen Lehrerversammlung empfangen habe, war mir die Freude an derselben vergällt. Es fehlte der Prozentsatz der Vertreter der religiösen Minorität, die nach Georg Minden einen hervorragenden Lehrerstand braucht, es fehlten von meinen näheren Berufs- und Amtsgenossen sogar viele, die ohne Aufwand an Zeit und Mühe der Versammlung hätten beiwohnen können. Ich kann mir dieses nur damit erklären, daß das Interesse an den pädagogischen Fragen der Gegenwart bei den jüdischen Lehrern nicht so rege ist, wie es sein sollte, daß es der Stillen im Lande, daß es der Schulhandwerker unter uns gar viele giebt, die keine Lust empfinden, sich in die Bewegung der Zeit zu vertiefen. Man wende mir nicht ein, die jüdischen Lehrer haben ihre Kreis- und Provinzialversammlungen, auf denen sie mit regem Eifer Fragen der Pädagogik erörtern. Ich würde darauf erwiedern, daß in diesen Versammlungen ihrer Natur nach nur Spezial-Themata zur Verhandlung gestellt werden, daß mithin allgemein pädagogische Fragen und vor allen Dingen Fragen, die den Lehrerstand als solchen angehen, niemals Denjenigen in Bewegung setzen, der sich mit der Theilnahme an jüdischen Versammlungen begnügt. Ich bin, so lange ich amtire, Mitglied eines freien Lehrervereins, und daß ich mich an der Bewegung, die leider auch nur einen Theil der jüdischen Lehrerschaft seit einigen Jahren erfaßt hat, nach Kräften betheilige, werden Sie mir wohl bezeugen können. Weil ich aber meine Thätigkeit nach dieser Richtung hin nicht einseitig gestaltet habe, weil vielleicht gerade aus meiner Antheilnahme an den Bestrebungen des größeren Ganzen mein Eifer für die Sache des jüdischen Lehrerstandes hervorgegangen ist, darum möchte ich sehnlichst wünschen, daß den Lauen und Kalten das Wort Rißmanns in die Seele falle: „Die eigentliche Bedeutung unserer Standesversammlungen liegt darin, daß sie mit elementarer Macht in ihren Theilnehmern das Gefühl der Zusammengehörigkeit erwachsen lasten, die Ueberzeugung, daß Keiner allein steht, sondern als Glied einem großen Ganzen angehört. In diesem Bewußtsein schwinden die individuellen Sorgen und Kümmerniffe, die Kirchthurmsinteressen, die daheim die Gemüther aufregen, sinken in ihre Bedeutungslosigkeit zurück, der Einzelne fühlt sich'auf einen höheren Boden versetzt, er hat das Bewußtsein, Mitträger der Ideen zu sein, die das Ganze bewegen. Diese Ueberzeugung stählt den Zagenden, erfüllt den Lauen mit Entschiedenheit und giebt dem Zweifelnden Zuversicht. „Die Lehrertage erziehen die Lehrerschaft, sie schmieden Rückgrat." (Jessen.)! - Meine Ueberzeugung von der Theilnahmlosigkeit eines großen Theils der jüdischen Lehrerschaft an den pädagogischen Fragen der Gegenwart, die ich in Hamburg 1896 nicht zuerst gewonnen habe, wurde ja, wie es Ihnen allen bekannt ist, bei Gelegenheit der Enquete des „Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" leider wieder bestärkt. Wenn von 1000 Lehrern, denen Fragebogen zugestellt werden, nur 500 sich bemüßigt sehen. Auskunft über ihre soziale Lage zu geben, dann muß man sich doch fragen, was mehr zu bedauern sei, der Mangel an sozialem Empfinden oder der Mangel an Kollegialität. Denn diese Enquete hat doch nur den Zweck, durch Klarlegung der überaus traurigen Lage der jüdischen Lehrer den betheiligten Gemeindeorganen zu Gemüthe zu führen, daß es ein Werk von eminent sozialer Bedeutung sei, den Männern, denen sie das geistige und sittliche Heil ihrer Kinder anvertrauen, auf deren gedeihlichem Wirken die Zukunft des Heranwachsenden Geschlechtes beruht, ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen. Mit tiefstem Bedauern muß man darum an den Jdeengang Jener denken, die diese Fragen als Ausfluß der Neugierde, noch dazu Fernstehender, ansehen oder gar bezeichneten. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, in dieser Arbeit mit Offenheit Mißstände aufzudecken, die so Mancher von uns als solche empfindet, aber nicht die 'Gelegenheit hatte, sie zu rügen. Und darum fühle ich mich gedrängt, bei der Abhandlung des vorliegenden Themas, das ja zum Ziele hat, einen befferen Lehrerstand heranbilden zu helfen, das bekannte Wort an die Spitze zu stellen: „Soll es besser werden, dann müffen wir bester werden", dann müffen wir dafür sorgen, daß jenes Sichselbstgenügen, jene verderbliche Zufriedenheit, Examen bestanden und Stelle erlangt zu haben, schwinden. Denn welcher Sinn läge darin, für die kommenden Lehrer-Generationen eine andere, bessere Vorbildung und, was innig damit zusammenhängt, eine bestere soziale Stellung zu verlangen, wenn die jetzigen Lehrer mit dem Erlangten vollauf zufrieden sind. Trotz allem hoffe ich, daß die jüdischen Lehrer Deutschlands sich jener Bewegung anschließen werden, die durch die trefflichen Ausführungen Profeffor Reins auf dem deutschen Lehrertag in Breslau in Fluß gekommen ist, und die nicht eher zur Ruhe kommt, das ist meine feste Ueberzeugung, bis, um zunächst mit dem wichtigsten Punkt zu beginnen, bis der seminaristisch gebildete Lehrer nicht mehr von dem akademisch gebildeten durch eine weite Kluft geschieden ist, bis „daß er geistig und, was die nothwendige Folge sein wird, gesellschaftlich so gestellt wird, daß er über dem Manne des Volkes stehe an Kenntniffen, Urtheil und sittlichem Gehalt, und die Frage, ob er zu den Gebildeten gehöre, eine müßige werde". Ich brauche Ihnen die Misere des Lehrerlebens in den weitaus meisten Gemeinden unseres Vaterlandes nicht zu schildern, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welches Dasein so mancher mit kärglichem Gehalt, aber reichlicher Arbeit und Verantwortung bedachte Kollege in der Gemeinde führt. Sie alle wiffen es entweder aus eigener Erfahrung oder aus Erzählungen, daß der jüdische Lehrer das Stiefkind unter seinen Brüdern geblieben ist, vielfach geduldet, nur wenig geliebt, vielfach geschmäht, nur wenig gewürdigt in feiner Abhängigkeit von jedem einzelnen Gemeindcmitglied, ein Zwittergebilde vorstellend, das zum Herrschen berufen und zum Dienen erniedrigt worden ist.

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