Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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/ 593 x es möglich wäre, daß sich beide Parteien im Interesse der Einigkeit und Einheit im Judenthum brüderlich die Hand reichen könnte». Auch ich ignorire nicht den Zug der Zeit. Wenn jemals die Worte Schillers: „Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben rc." Geltung hatten, so müssen sie nothgedrungen jetzt beherzigt werden, und da kann sich ein Jude heutzutage den Luxus der 'Orthodoxie wohl kaum erlauben. Man hört nun oft sagen, wenn man dieses nicht hält, so ist es ein Unsinn, das Andere zu beobachten. „Die Speisegesetze halten Sie nicht und zünden bei Beginn des Sabbaths dennoch Lichter an?" flötet eine hochweise jüdische Seele. „Lächerlich!" Ich aber sage: nach dieser Theorie gäbe es nur zweierlei, entweder so wie ein Rabbiner oder ganz heidnisch zu leben. Nein! Halte, was Du kannst, und wonach es Dich zieht; etwas ist immer besser als gar nichts; gar nichts ist eben gar nichts. Unter allen Umständen aber halte ich die Eltern, insbesondere aber die Mutter, als die eigentliche Erzieherin der Kinder, für geradezu verpflichtet, denselben Religiosität, ihnen die Liebe zum Judenthum beizubringen, damit sie einstmals stolz auf dasselbe sein können und fest daran halten. Etwas von mir selbst: Ich habe von Jugend an Religiosität in meinem Elternhause vor mir gesehen, stand und stehe noch heute im Kampfe des Lebens. So wenig ich und meine Frau nach den jüdischen Vorschriften leben konnten, haben wir, als unser Kind das dritte Jahr erreichte, eigens eine koschere Wirthschaft eingeführt und, was früher nicht geschah, so viel wie möglich ein religiöses Haus geführt, zwar nicht so wie ein Rabbiner, aber doch so viel, um unser Kind so viel wie möglich mit den jüdischen Gebräuchen bekannt zu machen. Wir hielten es eben für unsere Pflicht und zur Kindererziehung unerläßlich, schon in das zarte Kinderherz die Liebe zum Judenthum einzupflanzen, und haben heute die Genugthuung, daß unser Kind sich des Judenthums freut. Niemand kann seinen Kindern das Glück mitgeben, jeder Mensch hat den Kampf des Lebens durchzukämpfen; nur Wenige bleiben von Trübsal. Kummer, Sorgen und Herzensschmerz ganz verschont, und in solch ersteren Fällen, besonders wenn noch die Enttäuschung in Bezug auf die Menschheit hinzutritt, wird es Wenige geben, welche sich nicht zuletzt an Gott wenden, an den einzigen Anker, weil sie nirgends Hilfe und Erbarmen finden, weil ihnen außer Gott Niemand helfen kann. Kein Mensch ist so weise und hochgelehrt, daß er mit Gewißheit sagen kann, es giebt keinen Gott, und schon der Zweifel ist ein halbes Zugeständniß an dessen Existenz. Hier fällt mir gerade die erschütternde Tragik des vor Kurzem von der Pest dahingerafften Wiener Forschers Dr. Müller bei Empfang der Sterbesakramente ein. Wahrlich, dieser Mann war gewiß kein Frömmler, aber seine akademisch-philosophische Bildung konnte sich mit Gottesfurcht sehr gut vereinen. Der Indifferente oder der Spötter sollte auch nicht vergessen, daß er nur sein eigenes Selbst vertreten kann und darf, und er handelt, meiner Ansicht nach, sträflich, wenn er die Welt nach seiner Fayon umgemodelt wissen will. Sein eigen Fleisch und Blut, so viel Köpfe es auch zählen möge, alle haben sie ihre eigene Individualität, werden dereinst von ihrer eigenen Ansicht geleitet werden und ihre eigenen Wege wandeln, und da darf er ihre Erziehung nicht so leiten, daß sie von Religion nichts wissen sollen. Das Schicksal tritt an alle Kinder eines Vaters nicht gleich heran; eines hat eine glattere, das andere eine traurigere Lebensbahn zu durchwandern, die Gemüther sind bei jedem Kinde verschieden, und dasjenige, welches vom Schicksal Peitschenhiebe bis zur Verzweiflung empfängt, wird eS den Eltern wenig Dank wissen, wenn es sich an Niemand auf der Welt nach Trost zu wenden weiß, sondern in seiner Hoffnungslosigkeit dem Selbstmord zuwanken muß. Mehr als jede andere Glaubensgemeinde haben gerade die Juden, die so viele Bitternisse, Schmähungen, Demüthigungen, und wie alle diese bösen Dämonen heißen mögen, über sich ergehen lassen müssen, es nothwendig, sich an etwas zu klammern, an etwas aufzurichten, auf etwas ihre Hoffnung zu bauen, und was anderes kann dieses „Etwas" sein als der Gott ihrer Väter, der Schöpfer des Alls? Wofür, denken und sagen sich Unzählige, wofür, fragen schon Tausende mehr oder weniger laut, müssen wir dies alles erdulden? Die dank ihrer Erziehung zu solch ungeheuer großer Zahl angewachsenen Indifferenten, die nun fast die Mehrheit in Israel bilden, denen der religiöse Gedanke so fern liegt, und die nur noch ein dünner Faden mit dem Judenthum verbindet, finden die Opfer zu groß und die Ketten schwerer als Diejenigen, welche der religiöse Gedanke noch aufrecht erhält. Und beginnen sich nicht Zweifel selbst in gläubigeren Gemüthern zu regen? Und wo der Zweifel beginnt, hört bekanntlich der Glaube auf. Daher halte ich eine Aktion zur Aufraffung und Aneiferung für die religiöse Idee für unaufschiebbar, und da ich in der mir vor Augen gekommenen jüdischen Litteratur nicht einem Gedanken begegnet bin, welcher ein besseres Mittel zu diesem Zweck als das meine, oben angegebene, enthielt, so glaube ich, daß diese meine Anregung beherzigt werden sollte. Und nun zum Schluß möchte ich noch einen Punkt berühren: Ich lege meinen Finger auf eine Wunde der Judenheit, unbekümmert darum, daß auch ich mir wehe thue, wen» ich daran rühre. Den zahlreichen jüdischen „Antisemiten" könnte auch ich mich zugesellen, wenn ich einige Untugenden und Manieren bei einer großen Zahl unserer Glaubensgenossen bemerke, die abstoßend von' jedem anständigen Menschen empfunden werden. Befleißigen wir uns also stets der rechten Bescheidenheit, gepaart mit Würde und ohne jede Devotation. Ich habe das Gefühl, daß gerade die Bescheidenheit das beste und festeste Material zur Brücke zu den Gesellschaftskreisen unserer andersgläubigen Mitbürger wäre. Dem ehrlich religiösen, wahrhaft bescheidenen Juden wurde allezeit und wird stets mit mehr Achtung begegnet als dem protzigen, unbescheidenen lockeren Vogel, der sich einbildet, in seiner Werthschätzung zu gewinnen, wenn er sich aufbläht und sich seines Glaubens schämt. Sollten, wie ich hoffe, diese Anregungen nicht im Winde verhallen, sondern Früchte tragen, so wäre unser aufrichtig geliebtes, von Schlacken gereinigtes Judenthum die beste uud wirksamste Abwehr des Antisemitismus. Es giebt keine bessere. Ueber die Vorbildung des jüdischen Lehrers. Vom Mittelschullehrer Josef Feiner in Hamburg. rbeit und Schaffen an allen Orten und Enden. Ein frischer Luftzug geht durch das Reich der Pädagogik, der die Geister weckt und die Gedanken klärt. So Manchem wird es zu eng im alten Geleise, und er geht, sich neue Wege zu bahnen. Mag er auch dabei zuweilen in die Irre gerathen, das kann Dem die Freude nicht stören, der vor einem Jahrzehnt der Meinung war, die deutsche Pädagogik sei unrettbar dem Autoritätskultus verfallen, und der nun zu seiner Genugthuung gewahrt, daß sie gelernt hat, der eigenen Kraft zu vertrauen. Und doch schelten so Viele auf die Zeit. Die Stillen im Lande murren über die Unruhe, die sich erhoben; der Schulhandwerker seufzt, daß ihm neue Arbeit bereitet wird; wer nicht im Stande ist oder keine Lust empfindet, sich in die Bewegung