Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-16 · Heft 50 (16.12.1898) · p. Seite 592

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228308--55110-3291309
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

592 gar keine Ahnung davon, welche HerzenSerquickung und Wohlthaten das Judenthum in sich birgt, weiß gar nicht zu würdigen die tiefe Moral, die erhabene Sittlichkeit, die Herzcnsreinheit und Güte, dos glückliche Familienleben, die Wohlthätigkeit allen Menschen und Geschöpfen gegenüber, die Zuneigung zu unserem Stamm, die unsere Religion lehrt, die aber nur Wenige lernen. Viele freuen sich, wenn ihr Aussehen ein solches ist, daß man sie für Juden nicht halten kann, sie verleugnen ihr Judenthum theils aus Scham, theils aus Geschäftsrücksichten. Ich will hier nur einen 'Fall zur Sprache bringen: Ich zähle zu meinen Nachbarn ein schon älteres, intelligentes jüdisches Ehepaar, das sich viel darauf einbildet und sich kindisch freut, daß man ihm die jüdische Abstammung nicht anmerke — was ich, nebenbei gesagt, gar nicht finde —, und um nur ja nicht für Juden gehalten zu werden, meldete es sich polizeilich als konfessionslos an. Diese Leutchen sind eifrig bestrebt, sowohl ihren Chambregarnisten als Dienstboten ihr Judenthunr geradezu zu verbergen. besuchen dabei aber gar nicht selten die Synagoge. Auf mein mißbilligendes Verhalten bei derartigen Erörterungen antworteten sie mir, daß sie diese Vorsicht seit der Zeit gebrauchen, seit man in ihrem vorigen Domizil ihren Hund „Judenhund" geschimpft hat. Dieser Fall ist typisch für viele, viele andere Fälle, lind es ändert auch wenig daran, wenn derartigen Fällen Männer wie Montefiore und Baron Hirsch, die sich des Judenthums nicht nur nicht schämten, sondern stolz auf daffelbe waren, demselben große Opfer brachten und an Werthschätzung wegen des offenen Bekenntnisses ihres Glaubens durchaus nichts einbüßten, gegenüber gestellt werden. Welche Entrüstung würde sich eines Christen bemächtigen, wenn ein Andersgläubiger es wagen würde, ihn seines Glaubens wegen zu schmähen! Wie verletzt wäre sein religiöses Gefühl, wenn seine Religion nur andeutungsweise angetastet werden würde! Und dieser Gegensatz bei uns! — Geschieht es bei uns doch nicht gar so selten, daß Einer das religiöse Gefühl Andersdenkender durch Spott und Hohn verletzt und sich sehr viel zu gute zu thun wähnt, wenn er sich mit seiner „Freigeisterei" brüsten kann! Und warum und bei wem ist es so? Weil' Vielen die aufrichtige Liebe zur Religion fehlt, weil sie kein Berständniß für diese haben, da sie ihnen eben fremd ist. Erst dann fühlen die Eltern ihr Judenthum erwachen, wenn ihr Kind daffelbe mit dem Christenthum wie einen Rock mit dem anderen vertauscht, also das Judenthnm verleugnet, von dem es allerdings, Dank der Erziehung, nur die Bitternisse, nicht aber auch dessen Herrlichkeiten kannte. Die Behaglichkeit, in welcher solch Abtrünniger in seiner neuen Glaubensgemeinschaft lebt, ist ihm auch zu gönnen. Gemieden von dieser und ausgestoßen vom Judenthum, stets die Blicke und Finger auf sich gerichtet und selbst bei Weib und Kindern sich fremd fühlend, schleppt er sich sein Leben lang hin, seine Vergangenheit verfluchend und ihrer nie vergeffend. Den Urenkeln wird aus vergilbten Dokumenten, sie höhnend und begeifernd, ihre Abstammung nachgewiesen und ihnen der Fluch auf ihren Urahn auf ihre Lippen gepreßt. Hören Sie, was mich schon seit Jahren bewegt, und woran ich fest glaube: Unsere religiösen Einrichtungen haben, im Gegensatz zu anderen Religionen, eine Lücke, die unbedingt ausgefüllt werden muß, nämlich, daß nian sowohl bei der Religionslehre als beim Gottesdienst dem männlichen Geschlecht mehr als dem weiblichen Beachtung schenkt; ich wiederhole: im Gegensatz zu anderen Religionen. Sehen Sie das andersgläubige weibliche Geschlecht, wie gerade dieses für seine Religion begeistert ist, und wie diese Begeisterung und Schwärmerei, womit ihr religiöses Gefühl gesättigt ist, in allem ihrem Thun, besonders aber in ihrem Hause und namentlich bei der Erziehung der Kinder Ausdruck findet. Ich behaupte, daß die Liebe zur Religion nur dann dauernd sein kann, weint diese schon in die zarten Kinderhcrzen cingepflanzt wird, und wenn die Kinder schon beim Keimen ihres Verstandes Religiosität vor sich sehen. Deshalb hat es Keiner so sehr in der Macht, eine Religion erstarken zu machen, die Liebe und Begeisterung für dieselbe wachzurufen und wachzuhalten, wie das Weib, die Mutter. Ich komme nun dazu, das Mittel anzugeben, welches solche Frauen und Mütter schafft, die das Heilen und Erstarken des religiösen Gefühls sich zur Aufgabe machen sollen. Von den jetzigen Frauen und Müttern ist wenig zu hoffen, aber man muß an die jüdischen Jungfrauen herantreten und ihnen den Weg zeigen, auf welchem sie sich zuerst selbst für die Religion begeistern können, und dieser Weg wäre folgender: Wieder muß ich mir die Andersgläubigen zum Muster nehmen und betonen, daß gerade von oben herab, von der höchsten Spitze der Gesellschaft, mit dem wirksamsten Beispiel in der Religiosität vorangegangen wird, was theils zur Aneiferung für die unteren Stände, größtentheils aber aus vollem Herzen geschieht, und so glaube ich, daß, wenn aus den höchsten Kreisen unserer Glaubensgenoffen junge Mädchen sich zusammenfinden würden, Einladungen an viele, viele ihrer Mitschwestern aus allen Ständen ergehen ließen — hier müßten selbstredend dje sozialen Unterschiede zurücktreten —, Konventikel in allen Stadttheilen veranstalten und geloben möchten, fest zum Judenthum zu halten, wenn in solchen Versammlungen von geistvollen, redegewandten und glaubenseifrigen Frauen und Männern Reden und Belehrungen gehalten würden, die von Herzen kommen und in die Herzen dringen, wenn die jungen Mädchen viel eifriger als jetzt den Gottesdiensten beiwohnen würden, * was, wenn eben die besten Stände mit gutem Beispiel vorangingen, allgemeine Nachahmung fände, so könnte es nicht fehlen, daß sich das eingeschlummerte Interesse fürs Judenthum nach und nach in Liebe und Begeisterung für die religiöse Idee verwandeln würde. Wie gesagt: tonangebende Kreise müssen sich dieser Idee bemächtigen und diese sozusagen zur Mode erheben, die Schritt für Schritt Wurzel faßt und das Herz ergreift, und dieses jüdische Herz, deß bin ich überzeugt, wird dann für das Weitere sorgen. Ist es doch bei uns Juden schon so weit gekommen, daß Viele gar nicht wiffen, was dieser oder jener Gebrauch bedeutet. Ja, was Weihnachtsbäume, Christkindbescheerung rc. bedeutet, wiffen Viele und freuen sich gleich ihren arischen Mitbürgern schon monatelang auf die Freude der herzigen Kleinen, wenn sie am Weihnachtsabend ihre Bescheerungen am Christbaum entdecken werden. Manche jüdischen Germanen wollen cs als Brauch der alten Deutschen betrachten, andere wieder sprechen von Assimilirung. — Jüdische Feste und Erinnerungen an große Begebenheiten in Israel werden dagegen vollständig ignorirt. — Von solchen Frauen und Müttern, die der Religion näher gebracht sind, die ihr wahrhaft anhängen, die nunmehr ein jüdisches Haus zu führen verstehen und gern führen wollen, die die altjüdischen lieben Gebräuche, nach welchen sich so Mancher vergebens zurücksehnt, ohne sie irgendwo zu finden, und an welchen sich jedes jüdische Herz erquickt, in ihrem Hause, wenn auch nur zum Theil, hegen und pflegen, die, statt wie jetzt sich mit ihrer „Freigeisterei" zu brüsten, stolz auf ihren Glauben sind, von solchen Frauen und Müttern erwarte ich ein Geschlecht, welches sich mit Stolz als Jude fühlt, und dem nichts in der Welt begehrenswerth ist, wenn es auf Kosten seiner Religion erkauft werden soll. Wer da glaubt, daß ich das orthodoxe Judenthum predigen will, befindet sich sehr im Jrrthum. Ich leugne gar nicht, daß ich zur Orthodoxie mehr als zur liberalen Richtung Hinneige; allein angesichts der sich befehdenden Extreme, wobei erstere immer mehr die Kosten zu zahlen hat, nehme ich diejenige Richtung ein, in welcher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.