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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-16 · Heft 50 (16.12.1898) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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591 Vielfach hat man sich darüber gewundert, daß die Antisemiten im Reichstag noch nicht die üblichen Initiativanträge gegen das Schächten und die Judeneinwandernng eingebracht haben. Man vergaß aber dabei, daß die deutsch-soziale Reformpartei gegenwärtig nur noch zehn Mitglieder besitzt und also keine selbständigen Anträge mehr einbringen kann. Me jetzt verlautet, haben sich so viele Abgeordnete behufs gegenseitiger Unterstützung an sie angelehnt, daß sie dem Seniorenkonvent gegenüber als vollgiltige Fraktion auftritt und Anspruch auf Vertretung in den Kommissionen hat. Auch der Hofprediger a. D. Stöcker soll, wie es heißt, in gleichem Sinn in Beziehungen zur deutsch-sozialen Reformpartei treten. Man darf also den beiden berühmten Daueranträgen mit Seelenruhe entgegensehen. * In Algier geht es wild her. Die Juden werden dort wie in Feindesland behandelt. Der antisemitische Stadtrath hatte auf Veranlassung des wackeren Bürgermeisters Max Regis sogar den Rabbinern den Besuch der Schlachthäuser untersagt; auch hatte er der Polizei Befehl gegeben, den Ruf: „Nieder mit den Juden!" einfach zu überhören; er gilt nun nicht mehr für aufrührerisch. Max Regis legte kürzlich seine Haltung den Juden und der Regierung gegenüber in öffentlicher Rede dar. Auf dem Velodrom zu Mustapha, wo sich an 10 000 Personen versammelt hatten, ward ihm eine große Huldigung zu Thcil; eine Abordnung von Damen aus Algier, Mustapha und Saint Eugene verehrte ihm eine dreifarbige Schärpe sowie seine und seines Bruders Büste; er dankte und fügte hinzu, daß er nicht rasten werde, bis er die antijüdische Fahne auf den Trümmern der jüdischen Bastillen aufgepflanzt habe; wenn die Regierung ihm nicht folgen wolle, so werde er sie dazu zwingen. Zugleich kritisirte er die Haltung des Generalgouverneurs Laferriere, der weder zu dem Feste gekommen sei noch sich habe entschuldigen laffen. Diese antisemitische Schreckensherrschaft in Algier ist schließlich der Gegenstand von Beschwerden geworden, die an das französische Kabinet gerichtet worden sind. Die Mitglieder des israelitischen Central-Konsistoriums wurden am 9. d. vom Ministerpräsidenten Dupuy empfangen und trugen die Besorgniß vor, die ihnen die Lage der Israeliten in Algerien, besonders in der Stadt und der Umgegend von Algier, schafft. Herr Dupuy erinnerte sie daran, daß das gegenwärtige Kabinet die Lage in Algerien bereits in Verwirrung vorgefunden habe; er sicherte den Israeliten die Wachsamkeit der Regierung zu und den Willen, allen Bürgern ohne Unterschied der Konfession Ordnung, Gewiffensfreiheit, Achtung vor- Leben und Gut zu garantiren. Der Generalgouverneur von Algier sei von denselben Gefühlen durchdrungen und werde, gestützt von der Regierung, nicht zögern, die Rechte, die ihm das Gesetz verleiht, anzuwenden, wenn die Umstände dies erfordern. Die Mitglieder des Konsistoriums drückten dem Ministerpräsidenten ihren Dank für die gegebenen Zusicherungen aus. Gleichzeitg kamen die Zustände in Algier auch in dem Senatsausschuß für das Amnestiegesetz zur Sprache. Dort verlangte man von Dupuy Aufklärung über die Amnestirung der antisemitischen Todtschläger und Plünderer in Algier. Dupuy erklärte, die Regierung habe die Maßregel auf Empfehlung des algerischen Generalgouverneurs Laferriöre beschlossen, und fügte unter allgemeinem Kopsschütteln des Ausschuffes hinzu, diese Amnestie werde der Regierung die Kraft geben, künftige Todtschläger und Plünderer um so schonungsloser zu behandeln. In der That scheint die französische Regierung Ernst machen zu wollen. Denn die Agence Havas meldet aus Algier: Der antisemitische Maire Max Regis wlrrde wegen einer am 9. dieses Monats gehaltenen Rede, in welcher er den General-Gouverneur von Algerien angriff, durch einen Erlaß des Präfekten seiner Funktionen enthoben. Ministerpräsident Dupuy erkannte auf eine dreimonatliche Suspendirung des Maire von Algier. Nach Bekannttverden dieser Nachricht veranstalteten die Antisemiten eine Kundgebung, durchzogen mehrere Straßen und griffen die Juden thätlich an. Die Kaufläden wurden geschlossen. Es fand kein ernster Zwischenfall statt. Max Rägis hat seine Stelle als Maire niedergelegt; er hielt vom Balkon des Rathhauses eine Ansprache an die Menge, in welcher er sie aufforderte, Ruhe zu beobachten. Wie es heißt, hat die Regierung den Belagerungszustand über Algier verhängt. Sie hat sich allerdings viel Zeit dazu gelassen. * Aus Rußland kommt wieder einmal mitten im Winter Frühlingsbotschaft. Es wird berichtet, daß der Zar mit den gegenwärtigen Zuständen nichts weniger als zufrieden sein soll. Die Hungersnoth in den — übrigens völlig „judenreinen" — Provinzen, die traurige Lage der Landwirthschaft, die trostlose Lage des Volksschulwesens, alle diese Dinge sollen den jungen Zaren tief verstimmt haben. Man glaubt in Petersburg bestimmt, daß sich der Kaiser mit freiheitlichen Reformen trage, obwohl bis jetzt eigentlich keine rechte Handhabe dafür vorliegt. Denn wenn in den Zeitungen der Ton auch um ein Weniges freier geworden ist, als er eS unter Alexander III. war, so ist die Willkür der Ober-Preßverwaltung noch immer an der Tagesordnung, und darin kann nur ein völliger System-, kein Personenwechsel Aenderung schaffen. Es wird auch versichert, daß Zar Nikolaus jetzt fest entschlossen sei, den Oberprokurator Pobjedonoszew zu entlassen, nachdem er schon im Sommer erwartet hatte, daß er von selbst gehen würde. Der kaiserliche Erlaß an Pobjedonoszew bei Gelegenheit der Denkmalsenthüllung in Moskau wurde schon als eine Art von Nachruf aufgefaßt. Der Kaiserin soll der hartnäckige Eiferer geradezu verhaßt sein, während er sich immer noch des Schutzes der Zarin-Mutter erfreut, auf die der Kaiser wohl allein Rücksicht genommen hat, wenn er den Minister immer noch behielt. Das Pikanteste an all diesen Nachrichten ist aber die Thatsache, daß sie von einem antisemitischen Blatt berichtet werden. Sie können aber trotzdem wahr sein. Anregungen. Von Hermann Willig. er Antisemitismus hat sich als einen Theil jener Kraft erwiesen, welche das Böse will, dabei aber das Gute schafft. Wir haben uns zusammengethan, um geschloffen so viel wie möglich den äußeren Feind abzuwehren. Allein, indem ich mir die Aufgabe stelle, meine Stimme zum Wohl des Judenthums zu erheben, — ich schalte hier ein, daß ich weder Theologe noch überhaupt Gelehrter, sondern nur ein schlichter Kaufmann bin, — möchte ich neben den bereits eingeschlagenen fruchtbaren Wegen noch einen anderen Weg andeuten, der, meiner Ansicht nach, am wirksamsten für das Heil des Judenthums wäre, nämlich den Weg zur Liebe und Begeisterung für die jüdische Religion, aus welcher heraus sich die Interessen des Judenthums von selbst ergeben. Wie steht es heute im Allgemeinen — wenige Ausnahmen abgerechnet — mit der Liebe zur Religion, also mit der Liebe zum Judenthum? Das jüngste und schon das jüngere Geschlecht hat fast

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