Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
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590 Ausbildung ihrer Söhne als Handwerker oder Techniker keine genügende Gewähr für ihr späteres Fortkommen bestehe, sei es, daß es denselben an dem nöthigen Betriebskapital fehlen werde, sei es, daß sie nicht leicht lohnende Beschäftigung finden und dadurch in eine kritische Lage gerathen könnten. Die gleichen Umstände stehen dem Zugang zur Landwirthschaft im Wege. Außerdeni aber kommt hier noch der Mangel an passender Gelegenheit zur Ausbildung in Betracht. Die einzige israelitische Acker- und Gartenbauschule in Deutschland, die Anstalt zu Ahlem bei Hannover, hat bis jetzt 21 Gärtnergehilfen ausgebildet. Alle diese Hinderniffe müssen aus dem Wege geräumt werden. Es sind Anstalten zu errichten, in welchen Knaben schon vom 10. oder spätestens 12. Lebensjahre au Aufnahme finden, um methodisch auf den gewerblichen oder landwirthschaftlichen Beruf vorbereitet zu werden. Diese Vorbereitungsanstalten würden zugleich für die in die Lehre übergehenden Jünglinge als Lehrlingsheime dienen, und von ihnen aus könnte auch der Besuch der vorzüglichen, von israelitischen Jünglingen leider noch viel zu wenig benützten staatlichen Fachschulen, wie Baugewerkschule. Kunstgewerbeschule, Obstbauschule u. s. w. stattfinden. Ferner muß eine kapitalkräftige Vereinigung vorhanden sein, welche unbemittelten jungen Handwerkern und Landwirthen das erforderliche Betriebskapital unverzinslich oder gegen billigen Zins gewährt, für Kredit sorgt, in kritischen Zeiten — bei Landwirthen namentlich auch nach schlechten Ernten — helfend eingreift und so nach jeder Richtung einen starken und zuverlässigen Rückhalt gewährt. Aber auch denjenigen Familien, deren Haupt nicht niehr zu einem anderen Beruf übergehen kann, soll mit Rath und That beigestanden und in unverschuldeten Rothfällen geholfen werden. Jeder wisse, daß der Beistand der Gesammtheit auch für ihn da ist. Durch die centralisirten Wohlfahrtseinrichtungen soll aber nicht nur der Verarmung vorgebeugt, sondern auch die zersplitterte Armenfllrsorge zweckmäßiger gestaltet werden. Der Wanderbettel in jeder Form, dieser Krebsschaden einer rationellen Wohlfahrtspflege, soll nachdrücklich bekämpft und, soweit eS sich um von außerhalb Landes zugereiste Personen handelt, auf drei oder vier an der Landesgrenze einzurichtende und mit Kassen auszustattende Verpflegungsstationen beschränkt werden, die in der Lage sind, die Verhältnisse der Bittsteller genau zu prüfen und nur den Würdigen Geldunterstützung zuzuweisen. Auch das zur Landplage gewordene Hausirerthum wird durch vernünftige Umbildung des Wohlthuns wieder verschwinden. Wir konimen nun zu dem Finanzplan, der von dem badischen Oberrath zur Sanirung dieser Verhältnisse entworfen wurde. Er besteht kurz darin, daß ein Landeshilfsverein der Israeliten Badens gegründet wird, zu welchem jede israelitische Familie täglich zehn Pfennig beisteuert. Jede Familie erhält eine vom Landesverein zu liefernde Sammelbüchse, in welche täglich der Betrag von 10 Pfennig einzulegen ist. Die Sorge dafür, daß dies mit Regelmäßigkeit geschieht, soll namentlich den Frauen und Kindern obliegen. Bei den Letzteren soll dadurch der Wohlthätigkeits- und Gemeinsinn geweckt und auf die richtigen Ziele hingelenkt werden, die Einrichtung soll also auch in hervorragendem Maße erziehlich wirken. Die Ausführbarkeit des Unternehmens hängt davon ab, daß alle israelitischen Familien des Landes mit Ausnahme der notorisch Armen sich anschließen. Gewiß wird dies für die Allermeisten keine Kleinigkeit, sondern ein recht empfindliches Opfer sein. Allein die Fürsorge für die Zukunft der Familie ist so nothwendig wie das tägliche Brod, und der hierfür zu entrichtende Versicherungsbeitrag — denn darum handelt es sich eigentlich — muß, wenn es nicht anders geht, am Munde abgespart werden. Auch Diejenigen, welche für sich selbst den Landes-Hilfsverein nicht nöthig zu haben glauben — in die Zukunft schauen kann übrigens Keiner, und Niemand hat die Sicherheit, daß es seinen Kindern und Kindeskindern dauernd wohl ergehen wird —. haben ein Jntereffe daran, daß ein solcher Verein besteht, denn in jeder Familie giebt es Mitglieder, die sich in bedrängter Lage befinden, und' denen der Einzelne oft sehr schwer aufhelfen kann. Wenn die Sache so aufgefaßt und durchgeführt wird, darf bei einer Gesammtzahl von etwa 5000 israelitischen Familien Badens auf eine jährliche Gesammteinnahme von wenigstens 150000 Mark gerechnet werden, also auf einen Betrag, der dem jährlichen Zinserträgniß eines Kapitals von 4 Millionen entspricht und, wenn namentlich im Anfang jährliche Rücklagen zur Ansammlung eines großen Reservefonds gemacht werden, vollständig ausreichen wird, die ins Auge gefaßten großen Aufgaben, wenn auch nicht alle zu gleicher Zeit, in großartiger Weise zu lösen. Daneben würden die vermögenderen Israeliten, insbesondere diejenigen in den Städten, die Beiträge, welche sie für die bestehenden Einzelvereine seither geleistet haben, auch fernerhin entrichten. Soweit der Vorschlag des Herrn Regierungsraths Mayer. Auf der Synode war derselbe Gegenstand eingehender Besprechung. Das Resultat war zunächst die Gründung einer Gartenbauschule in Karlsruhe, die zugleich durch Handfertigkeitsunterricht die Heranbildung von Handwerkern erleichtert, als Lehrlingsheim dienen und den Besuch von Werkmeisterschulen ermöglichen soll. Das ist gewiß ein löbliches Unternehmen, aber sicher keine Erledigung der Frage, wie dem jüdischen Mittelstände geholfen werden soll. Sodann wurde eine Kommission gewählt, der das weitere Studium der Materie und die vorberathenden Schritte zur Verwirklichung der oben angedeuteten Pläne anheimfallen soll. Der Plan des Herrn Regierungsraths Mayer scheint uns sehr der Beachtung und Diskussion, nicht nur für badische Verhältnisse allein, werth zu sein. Me Woche. Berlin, 14. Dezember. in schönes Wort hat in der großen Gesammtsitzung der Deutschen Kolonialgesellschaft, der bekanntlich auch viele unserer Glaubensgenoffen angehören, der Präsident, Herzog Johann Albrecht, Regent von Mecklenburg-Schwerin, gesprochen. Es gelangte nämlich ein Antrag der Abtheilung Stetlin zur Berathung, dahingehend: „Der Vorstand wolle zum Bau der evangelischen Kirche in Dar-es-Salaanf einen Beitrag bewilligen, damit mit dem Bau baldigst begonnen werden könne, und der Kirchennoth der Evangelischen in Dar-es-Salaam ein Ende gemacht werde." Der Berichterstatter, Geheimer Bergrath v. Amnion, erklärte es für bedenklich, sich auf das konfessionelle und Seelsorgegebiet zu begeben. Auf diesen Gebieten müsse Selbsthilfe eintreten. Der Präsident, Herzogregent Johann Albrecht, warnte ebenfalls davor, konfessionelle Erörterungen in die Gesellschaft hineinzulaffen. „Wir kennen keine Konfession und keine politische Partei. Wir heißen Jeden willkommen, der an unseren vaterländischen Aufgaben mithelfen will. Wir würden sonst den sicheren Verfall der Gesellschaft befördern. Kein Kampf ist gefährlicher und häßlicher als der konfessionelle." Ein solches Wort verdient registrirt und aufbewahrt zu werden. *