Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 50. AiV'tfrt Vt Berlin. 16. Aezemüer 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Br- Ludwig Philippson-Konri. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhltll. Leitartikel: Der Mittelstand. — Die Woche. — Anregungen. Von Hermann Willig. — Ueber die Vorbildung des jüdischen Lehrers. Bon Josef Feiner. — Zacharias Frankel in Berlin. XIII. Von Dr. S. Bernfeld. — Das amerikanische Israel. Von Prof. Dr. G. Deutsch. (Forts.) — Fettilletonr Die Rose von Saron. XXV. — Litterarische Mitthälungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Insterburg, Gr. Glogau, Hannover, Köln, Frankfurt a. M., Wien. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. Der Mittelstand. Berlin, 12. Dezember. berechtigtem Stolz dürfen die Israeliten Badens auf qjJQIA die segensreichen Schöpfungen sozialer Natur Hinweisen, ' die im Lauf des letzten Jahrzehnts aus ihrem Gemeinsinn und ihrer Opferbereitschaft für alle wahrhaft humanen Zwecke hervorgegangen sind: Landes-Waisenverein, Handwerksbeförderungs-Vereine, Asylverein. Aber noch ein weit größeres Ziel haben sich die Männer gesteckt, die dort das Führeramt übernommen: Die Hebung der wirthschaftlichen und sozialen Lage der großen Mehrzahl der badischen Israeliten! Einem ausgezeichneten Expose des verdienstvollen und unermüdlich wirkenden Regierungsraths Dr. Mayer entnehmen wir das Wichtigste über diesen Plan, der nicht nur für Baden, sondern für ganz Deutschland von eminenter Bedeutung ist. Denn nicht nur in den Landorten, sondern auch in den Städten ist der jüdische Mittelstand fast überall in seiner Existenz bedroht. Auf dem Lande ist — darüber giebt man sich längst keiner Täuschung mehr hin — der den Israeliten Jahrhunderte hindurch aufgedrängte Zwischenhandel dem Untergang geweiht. Soweit er noch besteht, ist er zum Lebensunterhalt kaum ausreichend und dabei mit Gefahren und Erniedrigungen aller Art verknüpft. Wenn trotzdem manche Eltern ihre Söhne diesem Beruf noch zuführen, thun sie es nur, weil sie keinen anderen Ausweg wissen. Aber auch das kaufmännische Gewerbe, welchem seit Jahrzehnten so überaus viele israelitische Jünglinge zuströmen, ist in Stadt und Land — verhältnißmäßig wenige Ausnahmen abgerechnet — in bedrängter Lage, denn es leidet nicht nur unter der übermäßigen Konkurrenz der Kleinkaufleute, sondern in neuerer Zeit fast eben so sehr unter dem Druck der großkapitalistischen Geschäfte (Bazare, Versandgeschäfte und dergleichen). Deshalb ist es auch für die jungen Kaufleute so schwer, sich selbständig zu machen. Die gelehrten Berufsarten können überhaupt nur für Wenige in Betracht kommen. Uebrigens ist bekannt, daß dieselbe» überfüllt find und durchaus nicht immer eine ausreichende, geschweige denn eine glänzende Versorgung bieten. Niemand ist' unglückseliger, als ein Arzt oder Anwalt, der seine beste Kraft an sein Studium gesetzt hat und nach Beendigung desselben, beim besten Willen nicht die genügende Praxis findet, um seine Kenntnisse zu verwerthen. Der Hauptfehler liegt darin, daß einerseits die körperliche Arbeitskraft weder genügend geschätzt, noch in der richtigen Weise ausgenützt, und daß andererseits dem Kapitalvermögen ein viel zu großer Werth beigemessen wird. Welches aber ist die Wirkling für die Gesammtheit? Die Zahl der Ledigbleibenden steigt, die der Heirathenden nimmt ab, und ganz entschieden zurückgegangen ist die Zahl der Geburten unter den deutschen Juden, sowohl im Ganzen, als im Durchschnitt der einzelnen Familien. Nimmt man noch die starke Auswanderung hierzn, so hat man die Erklärung für den bedeutenden Rückgang der jüdischen Bevölkerung, welche im Gegensatz zu der stetigen Zunahme der Gesammtbevölkerung Badens allein von 27104 im Jahre 1885 auf 25 903 im Jahre 1895 gesunken ist und in anderen Ländern ein noch schlimmeres Verhältniß aufweist. Diese Verhältnisse gründlich zu bessern, ist eine große, aber keine unlösbare Aufgabe. Es handelt sich darum, weite Kreise unserer Glaubensgenossen Nahrungszweigen zuzuführen, die eine solide und geachtete Existenz gewähren, ohne großes Kapitalvermögen zu erfordern. Als solche Berufsart bieten sich die Bodenkultur (Acker- und Gartenbau) einschließlich der Viehzucht, sowie die Handwerks- und technischen Gewerbe dar, sofern sie in moderner, rationeller Weise betrieben werden. Es sind dies die Erwerbszweige, die namentlich in neuerer Zeit von Regierung und Volksvertretung in jeder Weise und mit reichen Mitteln gefördert werden. In der gleichen Richtung wirken bereits die drei Vereine zur Beförderung des Handwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogthums Baden und vielen anderen Staaten Deutschlands. Dieselben haben trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens und der Beschränktheit ihrer Mittel schon sehr schöne Erfolge aufzuweisen, und die Eltern, welche ihre Söhne und Töchter der Fürsorge dieser Vereine anvertrauten, werden es gewiß nicht bereuen. Warum ist nun aber der Zugang an Lehrlingen nicht ein weit größerer? Das liegt vornehmlich an zwei Ursachen: 1. Die Söhne bleiben zu lange in der Umgebung der Eltern und Bekannten, wo sie nur von Handelsgeschäften, aber nichts vom Handwerk hören und keine Gelegenheit zu Hantirungen haben, durch die sie Lust und Liebe für einen späteren technischen Beruf gewinnen könnten. Wenn dann der Junge mit 14 Jahren aus der Schule entlassen wird, hat er natürlich mehr Sinn für den der väterlichen Geschäftsthätigkeit näher liegenden kaufmännischen Beruf, als für daS ihm schwieriger erscheinende Handwerk. 2. Viele Eltern sagen sich nicht mit Unrecht, daß nach erfolgter