Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 bäude eine Versammlung unter Vorsitz des Herrn Gustav Tuch ab. Der Zweck der Versammlung war die Gründung einer Ortsgruppe des „Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands". Der Vorsitzende bemerkte einleitend, es handle sich darum, weitere Kreise für die so eminent wichtigen Bestrebungen zu interefsiren. Auf den von der Centrale Berlin versandten Aufruf hin seien bereits Mitglieder mit einem jährlichen Beitrage von insgesammt ca. 5000 M. beigetreten. In der nun folgenden Diskussion traten verschiedene Redner dafür ein, ein Cirkular an die hiesigen Glaubensgenossen zu versenden, um deren Zutritt zur Ortsgruppe zu erreichen. Herr Dr. Toeplitz machte darauf aufmerksam, daß in Berlin ein Verein bestehe, der die Verbreitung des Handwerks und Ackerbaues unter den Juden bezwecke, dieser Verein bestehe bereits seit 100 Jahren und verfüge über bedeutende Kapitalien. Herr Tuch erwiederte, daß dem Vorstand die Existenz dieses Vereins bekannt sei, derselbe befasse sich jedoch nur mit der Förderung des Handwerks; .unter den heutigen Verhältnissen, wo in allen Erwerbszweigen eine Nothlage vorhanden, sei es doppelt geboten, den Juden ein neues Arbeitsfeld zu eröffnen, auf welchem sie sich mit Erfolg zu bethätigen in der Lage seien; ein solches Gebiet sei die Landwirthschaft. Hierauf wird an die Konstituirung der Ortsgruppe geschritten und ein geschäftsführender Ausschuß gewählt. Düsseldorf, 25. November. Der Jahresbericht des Vereins zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden für die Zeit vom 1. April 1897 bis 31. März 1898 zeigt, daß der Verein auch im 18. Jahr seines Wirkens eine gedeihliche Thätigkeit entfaltet hat. Im Jahre 1897/98 sind 28 Lehrlinge neu ausgenommen worden, und zwar nahmen Düsseldorf 14, Köln 12 und Aachen 2 neu an. Davon im Pensionshause zu Düsseldorf 6, im Lehrlingsheim zu Köln 7 und auswärts 15. Es schieden nach beendeter Lehrzeit 24 Lehrlinge aus, und zwar von Düsseldorf 13, von Köln 11. Davon waren: Klempner 3, Schlosser 4, Tapezierer 2, Dekorationsmaler 1, Schneider 4, Buchbinder 3, Schuhmacher 3, Mechaniker 1, Kupferschmied 1, Bäcker 1, Modelleur 1. Im Ganzen hatte der Verein im Jahre 1897/98 unter seiner Obhut 93: Düsseldorf 46, Köln 41, Aachen 6, wovon am Schluß des Berichtsjahres im Düsseldorfer Lehrlingsheim 23, im Kölner Lehrlingsheim 17 und 28 auswärts untergebracht waren. In den Vorstand kooptirt wurde im laufenden Jahre Herr Regierungsbaumeister Wolfen, Vorsteher der Eisenbahnbetriebswerkstätte in Oberhausen. Die nach dem Statut ausscheidenden Vorstandsmitglieder, die Herren Gustav Herzseld- Düsseldorf, Rabbiner Dr. Jaulus-Aachen, Jos. Levison-Düsseldorf, Rechtsanwalt Dr. H. Levison-Düsseldorf und Hartwig Ruthenburg- Düsseldorf wurden durch Akklamation wiedergewählt. Der Bericht der Abtheilung Köln giebt ein erfreuliches Bild der dortigen erfolgreichen Thätigkeit des Vorstandes der Abtheilung und der opferwilligen Wohlthätigkeit der Kölner Mitglieder. Auch in Aachen haben sich die Thätigkeit für den Verein und die Beiträge für denselben in erfreulicher Weise gehoben. In den anderen rheinischen Städten und namentlich in Westfalen findet der Verein bei seinen bisherigen Mitgliedern treue Unterstützung. 0. Mannheim, 30. November. Verspätet, aber doch nicht zp spät, wollen wir dem am 26. v. Mts. hier verstorbenen Oberrath Simon Bensheim einige Worte ehrenden Angedenkens widmen. Am 14. Oktober 1823 in Mannheim geboren, entfaltete er nicht nur auf dem Gebiete praktischer Berufsthätigkeit, sondern auch auf dem idealen Gemeinsinns alle die Gaben, welche die Zuneigung und Werthschätzung der Mitmenschen zur nothwendigen Folge haben. Sein Herz, durchglüht von opferfreudiger Menschenliebe, geadelt durch Zartsinn und Treue, begeistert, wie für alles Hohe und Wahre, so auch für des Judenthums Lehre und Sendung —, gewann, eroberte alle Herzen. Erhebend bekundete fich dies durch die seinerzeit nahezu einstimmig auf ihn gefallene Wahl zum Synagogenrath, der nach einigen Jahren seine Wahl zum Vorsteher folgte. Mit klarem Verständniß und warmem Interesse betheiligte er sich stets an den Berathungen des Oberraths und förderte fle durch viele schätzbare Anregungen. Insbesondere begrüßte er Bestrebungen, die sich auf philanthropische Schöpfungen bezogen oder auf Veranstaltungen behufs wirthschaftlicher und kultureller Hebung der Glaubensgenossen abzielten. Der Großherzog hatte den Entschlafenen durch Verleihung des Zähringer Löwenordens 2. Klasse und mehrfach durch huldvolle Audienzen ausgezeichnet. Für die tiefen und aufrichtigen Sympathien aber, deren sich der Verewigte in allen Schichten der Bevölkerung erfreute, legten bei seiner Beisetzung die mannigfaltigsten Trauerkundgebungen ergreifendes Zeugniß ab. Der Großherzogliche Oberrath war durch mehrere seiner Mitglieder vertreten, und die Synode hatte eine Abordnung mit den beiden Präsidenten an der Spitze entsandt. Stadt- und Konferenzrabbiner Dr. Steckelmacher, der mit dem Heimgegangenen auch durch persönliche Freundschaft verbunden war, brachte in seiner erhebenden Trauerrede zum Ausdruck, wie der Entschlafene vornehmlich durch seine dem Idealen zugewandte, auf das allgemeine Wohl gerichtete Gesinnung zu der Bedeutung emporgewachsen sei, die er im öffentlichen Leben einnahm. Am Grabe sprachen noch im Namen des großherzoglichen Oberraths der Israeliten Regierungsrath Dr. Mayer und im Namen des Synagogenraths Mannheim Oberrath Dr. Staadecker. Das Andenken des Edlen sei gesegnet! Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 5. Dezember. Das Kaiserjubiläum ist vorüber. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hat eine Huldigungsadresse im eigenen sowie im Namen der niederösterreichischen Kultusgemeinden in der Kabinetskanzlei des Kaisers überreicht. Die Adresse hebt hervor, die vom Kaiser gespendete Verfassung habe den Juden Oesterreichs die Möglichkeit geboten, sich auch auf den Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, des Staats- und öffentlichen Dienstes zu bethätigen. Hocherhaben über beklagenswerthe Strömungen, habe der Kaiser den Juden immerdar seine Huld bewahrt. Darum lebe in den Herzen der jüdischen Unterthanen ehrfurchtsvolle und treue Dankbarkeit für den Kaiser und sein gesummtes Haus; opferwillig für das Gesammtwohl, seien die Juden Oesterreichs gleich ihren für die schwarz-gelbe Fahne gefallenen Glaubensbrüdern jederzeit bereit, Gut und Blut für Kaiser und Reich zu geben! Die Adresse schließt mit dem Gelöbnisse unverbrüchlicher Treue und mit einem Segenswunsch für das Heil des Kaisers und des Kaiserhauses. Am 1. dieses Monats um 10 Uhr Vormittags nahm der Vorstand die feierliche Grundsteinlegung des neu zu erbauenden Siechenhauses im IX. Bezirk, Seegasse 9, vor. Ein Präludium und Chor von Sulzer, vorgetragen von den beiden Oberkantoren Singer und Goldstein und dem vereinigten Chorpersonal, eröffnete die Feier. Hierauf hielt der Architekt Baurath Stiaßny eine Ansprache an den Präsidenten der Kultusgemeinde, kaiserlichen Rath Klinger. Dieser erwiederte, die Feier entspreche dem Wunsch des Kaisers, daß das Jubeljahr durch Werke der Menschenliebe begangen werde. Dann wies er daraus hin, daß die Banfläche eine altehrwürdige Stätte sei, die einzige, die den Juden vor 228 Jahren bei ihrer Auswanderung erhalten blieb. Redner dankte den Spendern, insbesondere der Baronin Hirsch, und sprach die Erwartung aus, daß das Werk weitere Förderung erhalten werde. Beim Akte der Grundsteinlegung hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann eine Ansprache, in der er von dem biblischen Wort ausging: „Ein Zeugniß ist dieser Stein". In sämmtlichen Gotteshäusern der Gemeinde wurden am 2. dieses Monats feierliche Gottesdienste abgehalten. — Eine besonders schöne Kaiserhuldigung hat das alte Karlsbad veranstaltet. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde beschloß nämlich in seiner letzten Sitzung unter Vorsitz des Präsidenten Ludwig Moser, anläßlich des Regierungsjubiläums ein Hospiz unter dem Namen „Kaiser Franz Joseph-Regierungs-Jubiläums- Hospiz" zu erbauen. Es spendeten hierzu bisher: Baronin Hirsch 40 000 fl., Freiherr von Rothschild 40 000 fl., Gebrüder v. Gutmann 10 000 fl., Herr Goldschmidt in Paris 10 000 fl. und Baron Max Springer 5000 fl. — Die Wahlen in den Borstand unserer Gemeinde sind auch vorüber. Aber die Betheiligung war noch geringer als das letzte Mal. Es wurden 600 Stimmen weniger abgegeben (2246), während die Anzahl der Wähler 11 528 beträgt. Ein jämmerliches Resultat! Gewählt wurden die Herren: Baurath Theodor Ritter von Goldschmidt; Dr.med. Josef Grünfeld, Universitäts-Dozent; kaiserlicher Rath Moriz Hirsch; Emil Horner, Prokurist des Hauses Rothschild; Oberingenieur Arthur Edler von Mises; Fabrikbesitzer Julius Reitlinger; Dr. Marcus Spitzer, Hof- und Gerichtsadvokat; Baurath Wilhelm Stiaßny; Oberfinanzrath Dr. Benno Rappaport; Bürgerschuldirektor David Simon. — Unter den zahlreichen Auszeichnungen finden wir auch eine stattliche Zahl, die an Israeliten verliehen wurden. Es wurden ernannt zum Regierungsrath: Dr. Robert Gersuny, Dr. H. Glogau und Professor Mauthner in Wien. Den Titel