Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-09 · Heft 49 (9.12.1898) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228307--55102-3291300
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

62. Jahrgang. Ar. 49. 4^1 Leriin, 9. Ve^emüer 1898. Weikcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8£g Berlin, 7. Dezember. Das Resultat der Repräsentantenwahlen der jüdischen Gemeinde ist gestern Abend publizirt worden. Das Zählungsgeschäft war diesmal so umfangreich und zeitraubend wie noch niemals zuvor. Das Endergebniß besteht in einem Siege der liberalen Partei. Es wurden gewählt die Herren Moritz Manheimer (5945), Stadtverordneter Louis Sachs (5855), Leonhard Sachs (4435), Stadtrath Dr. M. Weigert (3408), Professor Dr. Geiger (3403), Oberlehrer Dr. Blafchke (3401), Verlagsbuchhändler Rudolf Mosse (3376), Syndikus Dr. Minden (3368), Landgerichtsrath E. Löwe (3337), Kommerzienrath Julius Martin Friedländer (3306), A. PH. Meyer (3265) als Repräsentanten und als Stellvertreter die Herren Willibald Loewenthal (3260), Rechtsanwalt Dr. Herm. Beit Simon (3243), Benas Levy (3193), Adolph Mayer (3140), Prof. Dr. Landau (2752), Landschaftsmaler Julius Bodenstein (2713), Berthold Israel (2707), Direktor Jstdor Sachs (2700), Oscar Berlin (2685), Sanitätsrath Dr. Moritz I astrowitz (2664). Nur die letzten sechs Stellvertreter gehören der konservativen Partei an. Bei dieser Wahl haben drei Parteien um den Sieg gekämpft, die konservative, die liberale Partei und die Anhänger des Sonntagsgottesdienstes. In der Reihenfolge, wie wir ste genannt, haben die Parteien etwa an Stimmen zusammengebracht: 2750 resp. 1750 resp. 1450. Die beiden Kandidaten, welche von allen drei Parteien aufgestellt waren, haben etwa 5950 Stimmen auf stch vereinigt. Der eine Kandidat, welchen die konservative und liberale Partei auf ihr Schild erhoben hatten, erhielt etwa 4450 Stimmen. Die 12 Kandidaten (Nr. 4—15), welche sowohl aus der Liste der Liberalen wie auf der der Anhänger des Sonntagsgottesdienstes standen, erzielten zwischen 3100— 3400 Stimmen. Ohne die Verwirrung, die durch die zweite Liste hervorgerufen wurde, hätte die liberale Partei ohne Zweifel ihre fämmtlichen Kandidaten durchgebracht. Mit Genugthuung konstatiren wir dieses Resultat. Wir bedauern nur, daß eben durch jene Liste drei Männer aus der Repräsentantenversammlung scheiden (Hermann Landsberger, Geheimrath Marcuse und Justizrath Tiktin), ehrenfeste, bewährte und tüchtige Männer, die man dort oft und schmerzlich vermissen wird. §2 Berlin, 4.Dezember. Der Sache der jüdischen Gemeinde- Schullehrerinnen hat sich jetzt hier die öffentliche Meinung bemächtigt. Und das ist gut. Die erste Protestkundgebung der Berliner Bürgerschaft veranstaltete der Bezirksverein Alexanderplatz. Nach einem einleitenden Referat des Vorsitzenden, Rechtsanwalt Galland, und einer längeren Debatte wurde folgende Resolution angenommen: „Der Bezirksverein Alexanderplatz erblickt in dem Vorgehen gegen die jüdischen Lehrerinnen einen sichtlich in keiner Weise motivirten Versuch, die gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung praktisch in Frage zu stellen. Da dieser Versuch nicht nur für die Betroffenen allein von schwerwiegender Bedeutung ist und auch über den Rahmen einer lokalen Verfügung hinaustritt, weil er ohne Zweifel von den Ortsfchulbehörden im ganzen preußischen Staat als eine autoritative Empfehlung zu gleichem Borgehen angesehen würde, so drückt die Versammlung ihr Bedauern darüber aus, daß der- Magistrat in seiner Entgegnung an das Provinzial-Schulkollegium nicht mit genügender Energie die mit dessen Verfügung verbundene eklatante Rechtsverletzung zurückgewiesen hat." Ebenso nahm der Verein „Frauenwohl" in seiner letzten Sitzung folgende Resolution an: „Die in der Aula des Falk-Realgymnafiums tagende Versammlung des Vereins „Frauenwohl" hat mit Staunen und Unwillen Kenntniß genommen von der kränkenden Beeinträchtigung der im städtischen Gemeindefchuldienst angestellten jüdischen Lehrerinnen in ihrer erziehlichen Thätigkeit. Sie hält die Entziehung des Ordinariats, die eine Anzahl von jüdischen Lehrerinnen erfahren mußte, und die einer größeren Zahl noch bevorsteht, für die Verletzung eines durch alten Gebrauch geheiligten Rechtes. Bisher war es weder bei den städtischen noch bei den königlichen Behörden gestattet, eine Beamtin anders als aus dem Wege des Disziplinarverfahrens in ihrer bis dahin ausgeübten amtlichen Thätigkeit zu beschränken. Die Versammlung glaubt, daß durch die Maßnahmen der königlichen Schulbehörde gegen die jüdischen Lehrerinnen der Geist der Nächstenliebe und Friedfertigkeit, der in der Schule gepflegt werden soll, arg beeinträchtigt werden muß. Sie beklagt das gegen die jüdischen Lehrerinnen geübte Verfahren auf das Tiefste, nicht nur aus Mitgefühl mit den in ihrer Berufsarbeit geschädigten verdienten Frauen, sondern auch im Namen der Gerechtigkeit und des konfessionellen Friedens, und erhofft von der Einsicht der zuständigen Behörden eine Zurücknahme der betreffenden Verfügungen." Dagegen hat der antisemitische „BürgervereinFriedrichshain" geglaubt, ein Lebenszeichen von sich geben zu müssen, indem er eine Resolution gegen die jüdischen Lehrerinnen angenommen hat. Für christliche Kinder christliche Lehrkräfte, für jüdische Kinder Judenschulen, so fordert der Bürgerverein Friedrichshain. Mehr vorläufig nicht. 8. Berlin, 6. Dezember. Am letzten Sonntag fand im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde eine Abschiedsfeier für die langjährige Vorsitzende des Ehrendamen-Kollegiums, Frau Julie Gerson- Liebermann, statt, welche 21 Jahre der Verwaltung dieses Institutes angehörte und aus Gesundheitsrücksichten dieses Ehrenamt niedergelegt hat. Vorstand, Ehrendamen und die Herren Aerzte der Anstalt waren vollzählig erschienen. Der Vorsitzende,Herr Stadtverordneter Louis Sachs, hielt eine längere Ansprache, in welcher er die großen Verdienste der Frau Julie Gerson hervorhob und ihre menschenfreundliche Hingebung für die armen Kranken besonders rühmlich erwähnte. Hierauf wurde von Herrn Moritz Manheimer die kunstvoll ausgestattete Adresse verlesen, mrt welcher der scheidenden Ehrendame die „Immerwährende Mitgliedschaft des Ehrendamen-Kollegiums im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde" ausgesprochen worden ist. Sichtlich tief bewegt, dankte Frau Julie Gerson für die ihr erwiesene Anerkennung, betonte, wie schwer ihr dieser Entschluß geworden, und versicherte, gern der Verwaltung als immerwährendes Mitglied ferner angehören zu wollen. Die zeitige Stellvertreterin, Frau Dr. Frankl, drückte Namens ihrer Kolleginnen der scheidenden Kollegin und Vorsitzenden den Dank für ihre bisherige Wirksamkeit aus, während zum Schluß der Delegirte des Gemeindevorstandes die Leistungen der Frau Julie Gerson auf allen Gebieten jüdischer Wohlthätigkeit hervorhob und dieselbe besonders als Mitbegründerin des „Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen" feierte, einer Institution, welche bisher noch nicht existirte und — wie die Erfahrung gelehrt habe — einem dringenden Bedürfniß entsprochen habe. Der Sessel und der Platz der Frau Julie Gerson war mit Blumen festlich geschmückt, die Feier wird allen Theilnehmern sicher unvergeßlich bleiben. 8. Berlin, 30. November. Heute Abend fand die ordentliche Generalversammlung des Vereins „Mädchenhaus Pankow" im Sitzungssaal Oranienburgerstraße 29 unter nur schwacher Betheiligung der Mitglieder statt. Der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Breslauer, gab zu Punkt 1 der Tagesordnung zunächst einen Bericht über den Neubau, dessen Einzelheiten unseren Lesern bereits in der vorigen Nummer mitgetheilt worden sind. Er führte alsdann in klarer und anschaulicher Weise aus, daß stch im Laufe der Jahre das Grundprinzip der Anstalt als richtig herausgestellt habe, was man daraus ersehen könne, daß zwei Drittel der Mädchen in dienstlichen Stellungen verblieben seien. Ein Drittel der Mädchen pflege zu den Eltern zurückzukehren, um im eigenen Hause das Gelernte anzuwenden. Im Berichtsjahre sei nur über drei Mädchen Klage geführt worden, davon sei noch ein Fall unbedenklich zu Gunsten des Mädchens zu entscheiden. Ob die Ausführung des Grundprinzips eine richtige gewesen, sei noch die Frage. In der Aufnahme der Mädchen sei die Verwaltung viel strenger geworden. Genaueste Informationen über Leistungsfähigkeit und den körperlichen Gesundheitszustand der Mädchen würden jetzt vor der Auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.