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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-09 · Heft 49 (9.12.1898) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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587 Zuweilen erhebt er den Kopf, und zwei funkelnde Augen sprühen durch die dämmernde Nacht. Um diese Stunde streifen die wilden Thiere aus ihren Höhlen hervor und suchen nach Beute. Um diese Stunde bellen die Schakale von den Bergen nieder, und die Hyänen schleichen mit heiserm Ruf den Gräbern der Menschen zu. Der gebückte Mann, welcher aus den Gebüschen am Gethsemane hervorkriecht, nähert sich der Hütte Zeruhas wie ein schleichender Schakal. Seine Bewegungen flößen Besorgniß und Angst ein — was späht er durch die Nacht, wenn die Schakale und Hyänen streifen? Der gebückte Mann erreicht eine freie Stelle und richtet sich plötzlich auf. Sein Blick trifft zuerst die nahe Hütte, dann späht er lange und eifrig in das Thal hinab, den Bach Kidron entlang hinüber nach Jerusalem. Dieser Mann hat eine wenig hohe, dürre Gestalt mit heimtückischen Zügen und funkelnden Augen, welche gern die weiße Umgebung zeigen. Sein Haupt ist von einem Tulbende umwunden, von seiner Seite hängt ein halblanger Dolch nieder. Dieser Mann steht eine lange Pause hindurch ruhig da und späht nach allen Seiten umher. Dann legt er eine Hand an die Lippen und stößt plötzlich das durchdringende Geheul des Schakals aus mit täuschender, fast schauerlicher Nachahmung. Hierauf wird es eine Weile still, während der Mann in horchender Stellung mit vorgebogenem Leibe dasteht. Dann heult ein Schakal von der Höhe des Berges herab ~ dann einer aus dem Garten Gethsemane — dann rasch nacheinander mehrere aus allen Gegenden des Berges — ein greuliches Konzert, mit einer gewissen seltsamen Regelmäßigkeit ausgeführt. Der Mann hört diesen Tönen aufmerksam zu und nickt mit dem Kopfe. Dann lächelt er, als freue ihn die Nähe der eben gehörten Bestien. Er murmelt in ägyptischer Sprache vor sich hin: „Wenn es auch nicht die Meinen allein waren — wenn auch etliche natürliche Bestien mitheulten — was thuts? — Wir haben Waffen, und die kleinen Thierlein haben Angst vor der menschlichen Gewalt." Der seltsame Mann wirft sich plötzlich nieder und kriecht eilig den Berg hinan, unter dessen Gebüschen er verschwindet. Die Schakale heulen nicht mehr. Die Nacht ist wieder still, duftig und lieblich. In die Fenster der zerstörten Hütte rauschen die Oelbäume herein, aber auch der Mond flimmert in die öden Räume. Es ist ziemlich hell in dem zweiten Gemach. Man bemerkt in einer der Ecken einen ruhenden menschlichen Körper. Da aber das Licht des Mondes nicht hell genug leuchtet, so kann man die Züge dieser ruhenden Menschengestalt nicht erkennen. Bei dem erwähnten Geheul, welches aus verschiedenen Gegenden des Berges erklingt, erhebt sich diese Menschengestalt langsam, tritt aus dem Schatten hervor und in das Licht des Mondes. Es ist eine Frau, diese Menschengestalt, eine hohe, abgehärmte Frau in langen dunkeln Gewändern. Ihre Haare sind schlecht geordnet und unbedeckt, aber so viel die Nacht erkennen läßt, von schwarzer, glänzender Farbe. Die Frau streicht ihre Haare aus der Stirn, blickt mit etwas verwirrten Augen um sich und horcht den entsetzlichen Tönen, welche durch die Nacht klingen. „Schon wieder dies fürchterliche Geheul," murmelte sie vor sich hin in der Sprache Edoms, „und ich darf diese Hütte nicht verlaffen. Nimmer mehr — bis er kommt — oder ich gestorben bin!" Die Frau seufzte tief und setzte sich auf eine der zerbrochenen Bänke, welche noch herumstanden. Die Nacht blieb still, die Thränen der Frau flössen, und ihre Lippen klagten mit leisen Worten. Sie auch war eine Tochter Edoms — die arme, alte Zeruha! und der Fluch, der über ihrer Heimath war, lagerte auch über ihr. Also klagte die Edomiterin: „Bor vielen Jahren ward ich meines einzigen Kindes beraubt, und ach, nur ein Blättchen konnte ich an sein Herz legen, worin ich's mahnte, wenn es einst groß geworden, die Mutter unter den Zelten Sabas zu suchen. Seitdem sind viele, viele Jahre verflossen, und ich bin zurückgekehrt nach Israel, hoffend, auf dem Boden meines Jammers ein trostvolles Wiedersehen zu feiern. Weh mir, baß ich hier weilen und vergebens den verlorenen Sohn erwarten muß!" Die Edomiterin schwieg, ihrer Brust entrangen sich aber tiefe, schmerzliche Seufzer. Niemand hörte die leisen Klagen der Edomiterin, auf den Bergen streiften ja blos Schakale, unvernünftige, blutgierige Bestien- Zeruha fuhr fort zu klagen: „Hier, unter diesen fürchterlichen Thieren muß ich bleiben, denn wo sollte mein verlorenes Kind mich finden, wenn es jenes Blatt gelesen hat und gen Saba zieht? Die Königin wird es nach Gethsemane weisen, aber wenn mein Kind herbeikommt und findet die zerstörte Hütte und die abgehärmte Mutter nicht, dann wird mein Kind von dannen pilgern, wird die Betrüger verspotten, und Zeruha wird ihr Kind nie, nie Wiedersehen! — O ihr Gefilde Edoms und Du milde Göttin, Mutter aller Erschaffungen! Laßt mich zurückkehren, wo eure Schönheit und eure Milde athmet! Führet mein verlornes Kind auf die Spuren Zeruhas! Führet es nach Gethsemane, eh' ich sterbe! O, Du gütige, sanfte Isis! Löse den Fluch, der auf den Bergen Seir liegt! Laßt uns wieder glücklich werden, die unglücklichen Stammgenoffen Edoms!" Die Frau warf sich in hoher Aufregung in die Mitte des Gemaches auf die Knie hin und hob ihr thränenübergossenes Angesicht zu den sanften Strahlen des Mondes empor. „Und meine Naomi," fuhr sie in.klagenden Tönen fort, „meines Edoms gesunkener, schöner Stern! Ach, laß ihn wieder sein holdes Haupt erheben über den Bergen Serr! Vereine uns wieder, Mutter Isis! Vereine uns wieder, die unglücklichen Stammgenoffen Edoms!" Die Frau senkte ihr Haupt in die Hände und schluchzte tief und unterbrochen. Da zerriß ein ferner Schrei eines Schakals die stille Luft, doch die Frau wurde nicht aufmerksam. Dem ersten Schrei erwiderte ein zweiter, näherer, und dann schlich es wieder aus den Gebüschen um Gethsemane auf allen Vieren hervor und spähte hinab in das Thal mit funkelnden Augen. Und auf der anderen Seite kroch es ebenfalls hervor auf allen Vieren mit haarigem Rücken und funkelnden Augen, und glotzte den Ersten an, und rieb sich am langen Grase und wimmerte vor Hunger und feiger Wuth. Vom Kidron schritt ein hoher Mann herüber und stieg gen Gethsemane empor. In diesem Augenblick bemerkte der Erste, welcher hervorgekrochen, das Ungeheuer, welches ihm gegenüber kauerte und wimmerte und die Augen verdrehte. Der Mensch stieß einen Ausruf hervor, als er die gefährliche Nachbarschaft gewahrte, und war mit einem Ruck im Gebüsch verschwunden. Der Schakal blickte dem Heraufsteigenden mit grünem, funkelndem Auge entgegen und duckte sich unter das Gebüsch. Der Ankömmling stieg langsam zur Hütte der Edomiterin empor. (Forts, folgt.)

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