Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228307--55099-3291297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 586 aber mit der eigentlichen Bedeutung der Tradition für das Verständniß der Urkunde selbst gar nichts zu thun. Unsere „Pietät" für die Tradition erschöpft sich im Allgemeinen vollständig in dem Werth, den die Tradition für die richtige Erklärung einer Urkunde hat. Im Uebrigen aber treten nun in des Verfaffers Ausführungen die größten Widersprüche hervor. „ Es kann keine jüdische Archäologie und Geographie der Bibel geben. Ferner die Voraussetzungslosigkeit und absolute Freiheit des Forschens bei der Ermittelung des Sachlichen (?), Litterarischen und Historischen muß auch ihr Grundsatz sein, wenn anders sie den Namen Wissenschaft verdienen soll. In diesem reinen Wahrheitsstreben bleibt die jüdische Bibelforschung die Schwester, wen» man will die Tochter (?) der christlichen." Es ist wirklich rührend, zu erkennen, wie schnell der Verfafler sich von seiner früheren Meinung bekehrt hat, denn nur einige Zeilen vorher kann er, wie wir bereits gezeigt haben, nicht scharf genug die „reine, verstandesmäßige Kritik", „das Aufarbeiten historischen Materials", die zur „Geologie" auswachsende „Theologie" bekämpfen. Allein, er scheint diese Anwandlung schnell wieder bereut zu haben, denn bald darauf schreibt er: „Würde mit unausweichlicher Gewißheit (sie!) erwiesen, daß der Pentateuch nicht von Mose, die Psalmen nicht von David sind . Also die unausweichliche Gewißheit für solche Annahmen ist dem Verfasser noch nicht erbracht. Es ist ihm noch nicht einmal eine „unausweichliche Gewißheit", daß „die Psalmen nicht von David sind". Ich möchte doch gern erfahren, was der Verfasser unter „unausweichlicher Gewißheit" versteht? Und nun folgen die speziellen „fundamentalen" Abweichungen der jüdischen Bibclforschung von der christlichen. 1. „Nicht Kritik hot ihre Aufgabe zu sein, sondern Exegese; wir wollen die Bibel verstehen, nicht richten, Was wollen die Bibelkritiker anders, als die Bibel „verstehen?" Weil sie aber die Bibel nach der Tradition nicht verstehen können, deshalb „richten" sie — nicht die Bibel, aber die Tradition. Im Uebrigen scheint der Verfasser mit dem Worte „Kritik" Begriffe wie Nörgeln, Opposition, Verurtheilung u. A. zu verknüpfen. Dann wäre allerdings nicht mehr mit ihm zu streiten. Um so interessanter sind auch diese Ausführungen, als er bald darauf selbst schreibt: „Diese Exegese ist mit dem umfassenden Apparat zu betreiben, den die allgemeine Wissenschaft geschaffen hat." 2. Der zweite fundamentale Unterschied ist: „Nicht Geschichte, Literaturgeschichte, Volksgeschichte oder Religionsgeschichte hat sie zu sein, sondern Theologie, Kunde des Göttlichen (sie), wie es in der Bibel zu Worte kommt, damit wir dann uns nach ihr, nicht sie nach uns korrigiren." Die ganze Theorie giebt sich in dem Satz zu erkennen: „Damit wir dann uns nach ihr, nicht sie nach uns korrigiren." Wer in die Wissenschaft solche persönliche Zwecke hineinträgt, der hat, mögen diese Zwecke noch so ideal sein, das Recht auf Anerkennung seitens der Wissenschaft verwirkt, der treibt Erbauung und Belehrung, aber keine Wissenschaft. Die Wissenschaft hat es einzig und allein damit zu thun, einen verwickelten Erscheinungskomplex auf möglichst einfache Thatsachen zurückzuführen, mögen für uns welche Resultate auch immer herauskommen, alles andere ist Dogmatik und keine Wissenschaft. Wie übrigens die vom Verfasser abgelehnte Religionsgeschichte etwas anderes sein soll als „Kunde des Göttlichen", wie es sich in Israel geoffenbart, ist mir unverständlich. Daß dieses Gebiet (die Religionsgeschichte) wiederum aber von jeder Bibelforschung objektiv behandelt werden kann, ist klar; man hat mithin auch in dieser Hinsicht keine jüdische Forschung nöthig. Ein sonderbarer Standpunkt giebt sich noch in folgenden Ausführungen des Verfassers zu erkennen. .Er geht davon aus, „daß nur die unzähligen Vorurtheile, die unsere außerbiblische Atmosphäre erfüllen, uns das Verständniß (der Bibel) so sehr erschweren." „Es ist daher," meint er, „eine wichtige Aufgabe, diese Vorurtheile in uns und anderen zu zerstören. Und diese polemische und apologetische Aufgabe der jüdischen Bibelforschung wird uns sehr erleichtert durch den Antagonismus der dogmatischen und kritischen Schule. Wir brauchen sie darin nur sich selbst aufreiben zu lassen, indem wir die Kritik in ihrer Widerlegung der christlichen Auffassung unterstützen, und dieser in ihrem Kampf gegen die Tendenzen der Kritik Beihilfe leisten, im Uebrigen aber unsere eigenen Wege gehen. . ." Ich halte mich für verpflichtet zu erklären, daß diese Ansicht nur eine rein subjektive Aeußerung des Verfaffers ist und mit den Gepflogenheiten und Anschauungen, wie sie in jüdischen Gelehrtenkreiseu herrschen, absolut nichts gemein hat. Denn mit aller Entschiedenheit würden die Besten von ihnen es ablehnen, ein solches diplomatisches Raffinement in die Wissenschaft hineinzutragen. Solche Aeußerungen des Verfassers zeigen aufs deutlichste, welche Ansichten eine Tendenzforschung zeitigen kann. Eines zeigte uns der Vortrag wiederum aufs neue: Wissenschaftlich läßt sich die moderne Bibelforschung im Prinzip nicht widerlegen, möge dieses Unternehmen aus dogmatischen oder aus anderen tendenziösen Gründen unternommen werden, und es ist gut, daß wir von den hervorragendsten Vertretern der Wissenschaft des Judenthums gelernt haben, in ihr für unsere Lehren und Einrichtungen keine Gefahr zu sehen. Es ist wohl begreiflich, wenn gegnerische Bestrebungen bei einem buchstaben- und inspirationsgläubigen Publikum einen fruchtbaren Boden finden, das beweist aber für den wahren Gehalt solcher Ausführungen nicht das Mindeste. Derjenige jedoch, der seinen Glauben nicht auf litterarhistorische Annahmen, sondern in erster Reihe auf die ewige Wahrheit der religiösen Ideen, auf die Weisheit und den religiösen Werth der Einrichtungen stützt, der vor keiner Thatsache der Erfahrung, vor keiner Wissenschaft zurückschreckt, der will keine polemischen Ergüsse sehen, sondern in erster Reihe unerschütterliche Objektivität. EUILLETON Pit Mose von Saron. Line Erzählung. XXIV. t flpuf den Abhängen des Oelberges ruhen die Sterne und der sanfte, zitternde Mond. Ihre Strahlen schimmern zwischen <J den Blättern der Oelbäume durch, als wollten sie sich verbergen — und die Luft streicht durch eine verlassene Hütte, deren Thür und Fenster geöffnet und zerschlagen sind. Um diese Hütte ragen die Oelbäume mit ihrer Blätterpracht, rauschen hinein in die Fenster, aber drinnen ist's still, traurig, einsam. Diese zerstörte Hütte macht einen trüben Eindruck. — Ringsum ist die Nacht so schön, sind die Bäume so still, glänzen die Sterne so lieblich. Nur die Hütte ist zerstört, einsam, häßlich! Die Nacht waltet schon lange — der Mond steht hoch — Mitternacht ist nahe. Aus den Gebüschen, am Gethsemane wälzt sich ein seltsamer Gegenstand auf einen freieren Platz. Dieser Gegenstand scheint ein Mensch zu sein, welcher vorsichtig und niedergebückt vorwärts kriecht.