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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-09 · Heft 49 (9.12.1898) · p. Seite 585

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
Seite 585 (sequence 9)
Language
German
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Für den historisch geschulten Menschen ist dies die herrlichste Anschauung vom Ursprünge unserer Thora, welche für alle Zeiten das Fundament und die Quelle unseres religiösen Denkens und Lebens bleiben wird, da in ihr alle Wahrheiten zusammengefaßt sind, die im-Zeitälter des Prophetismus dem Volke Jsracl-Juda offenbart wurden. Wenn es jedoch nicht beim ersten Wurf gelingt, die Abfassungszeit einer biblischen Schrift richtig zu fixiren, so muß dieses Bestreben eben wie in anderen historischen Disziplinen so lange versucht werden, bis sich einwandsfteie Resultate erzielen lasten. Und nun gelangen wir zu den philosophischen Anschauungen des Verfaffers. Er schreibt: „Eine Geschichte, die auf solchen Voraussetzungen beruht, kann nicht zutreffend sein. Zumal, wenn ihr leitender Faden das, meines Erachtens, falsche Prinzip der Entwickelung ist, ein Prinzip, das der Naturwiflenschaft entlehnt ist. . . Sie verkennt die persönliche Eigenart der Dinge. Was in der Bibel vorliegt, ist etwas Einzigartiges — und was ist es schließlich nicht? — Das Individuelle wird immer zu eigensinnig bleiben, sich in die Uniform eines Schemas stecken oder unter das Lineal einer geradlinigen Entwickelung beugen zu lassen. Geist hat überhaupt keine Entwickelung." „Geist hat überhaupt keine Entwickelung." Also Sprache, Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, alles bleibt sich ewig konstant! Ein Kind, ein Wilder bewegen sich auf demselben geistigen Niveau wie ein Jesaias, ein Newton oder Kant. Der Verfaster spricht hier mit kühler Ruhe über alle Geisteswiffenschaften ein Todesurtheil aus. Denn so viel steht fest, daß es heute kein Gebiet der Geisteswiffenschaften giebt, auf dem nicht dem Entwickelungsgesetz Rechnung getragen würde. Man spricht doch heute allgemein von einer Entwickelung der psychischen, ethischen, logischen Funktionen des Kindes und der Raffe nicht minder wie von einer Entwickelung der religiösen und ästhetischen Anschauung. Oder ist das vielleicht keine Entwickelung des religiösen Bewußtseins, wenn wir das ins talionis, den Opfer- und Wunderglauben für die Religion des Judenthums als entbehrlich ansehen, ist die Unsterblichkeitslehre der jüdischen Religionsphilosophen, die Ausgestaltung der halachischen Grundsätze nicht abhängig von der Entwickelung? — Und wenn der Verfasier glaubt, daß das Individuelle immer zu eigensinnig bleibt, sich in die Uniform eines Schemas stecken zu lassen, so begeht er eben immer wieder denselben methodologischen Fehler, daß nämlich eine Hypothese ihre Berechtigung verlieren würde, so nicht alle Thatsachen insgesammt sich aus ihr erklären lassen. Wenn übrigens alles eigenartig ist, so sehe ich nicht ein, weshalb der Verfaffer gerade der Naturwissenschaft den Entwickelungsgedanken zubilligen will. So lange der Verfaffer keine gewichtigeren Gründe für die Abweisung des Entwickelungsgedankens bringt, so lange wird sich die Wissenschaft von des Verfaffers Metaphysik nicht einschüchtern kaffen. Es muß aber an dieser Stelle bemerkt werden, daß es zu allen Zeiten zu den Kampfesmitteln einer dogmatischen Pseudowiffenschaft gehörte, einem schrankenlosen Skeptizismus zu huldigen, um dadurch die Wiffenschaft zu entthronen. Nur müßten diese Dogmatiker konsequenterweise auch ihre eigenen Erzeugnifle diesem Skeptizismus preisgeben. Der Verfaffer fährt fort: „Also mag, so lange diese Detailuntersuchung nicht (sie) geführt ist, alles, die Textkritik, Litterarkritik, die Geschichtskritik und die Religionskritik noch diskutabel sein, aber, worauf es hier ankommt, mit der Tendenz, dem Geist und den Endabsichten können wir Juden uns nicht identifiziren." Der Verfasser gesteht also ruhig ein, daß er selbst „diese Detailuntersuchung noch nicht geführt hat". Was nun die gerügte Endabsicht betrifft, so wird sich ein objektiver Forscher mit keiner tendenziösen Endabsicht „identifiziren". Im Uebrigen lege ich nochmals Verwahrung dagegen ein, daß alle Bibelkritiker Tendenzforscher sind. Wo aber wirklich solche tendenziöse Bemerkungen Vorkommen, da sind sie so wenig aus der Tiefe gegriffen, daß sie unschwer bemerkt und beseitigt werden; man braucht sich nur streng an die historische Methode zu halten. Ebenso verfehlt scheinen auch des Verfassers Ansichten über das Wesen einer Wissenschaft überhaupt; er schreibt: „Verzichtet aber der Kritiker auf jede persönliche Stellungnahme, dann ist die Wiffenschaft nur (sie) noch Litteraturgeschichte, ein Aufarbeiten historischen Materials." „Ein Aufarbeiten historischen Materials" ist doch nicht ausschließlich „Litteraturgeschichte", sondern einfach Geschichte. Was soll denn die historische Wiffenschaft sonst? „Ja," meint der Verfaffer, „sie will Schicht machen, säuberlich rubriziren und in ein Fach ihres Alterthumsmuseums (sie) verschließen. Die Theologie wird zur Geologie, zum Studium einer verwitterten (?) Schicht des religiösen Lebens. Das Maximum eines persönlichen (sie) Antheils, den man daran nehmen kann, ist das des geschichtlichen Jntereffes, eine Befriedigung der Wißbegierde?" Also Befriedigung eines persönlichen (sie) Jntereffes ist dem Verfaffer ein Hauptzweck der Wiffenschaft. Er bedauert, daß das Maximum des persönlichen Antheils nur „das des geschichtlichen Jntereffes, eine Befriedigung der Wißbegierde" sei. Worin anders soll denn aber wiffenschaftliche Objektivität bestehen als einzig und allein in der Befriedigung der Wißbegierde. dem „Begreifen der Natur" aus ihren letzten Gründen? Ranke sprach es als Ideal aller Geschichtsforschung aus, „daß er sein eigenes Selbst auslöschen möchte, um die Dinge zu sehen, wie sie sind". Die Bibelwiffenschaft hat nur das Richtige festzustellen, was darüber hinausgeht, ist keine Wissenschaft mehr. Und wenn der Verfaffer verlangt, daß die Bibelwiffenschaft „nicht blos" das Richtige? feststelle, sondern auch „die Seele erquicke", „den Thoren weise mache", „nicht blos korrekt sei, sondern die Augen erleuchte" — so begeht er keinen geringeren Fehler, als Erbauungsbestrebungen mit wiffenschaftlichen zu verwechseln — ein Fehler, der schon am Beginn seines Vortrags lebhaft in die Augen springt. Nur unter dieser Voraussetzung sind des Verfaffers weitere Ausführungen zu verstehen, wenn er sagt: „Nur solche Forschung ist dem wahren Wesen der Bibel adäquat, und so ohne alle Seitenblicke (?) verstehen kann die Bibel weder die vorurtheilsvolle christliche Auffaffung, noch eine voraussetzungslose, rein verstandesgemäße Kritik (sie!), sondern nur der Jude!" Und nun gelangen wir zu des Verfaffers eigener Methode. Er schreibt: „Gilt es nun, diese jüdische Bibelforschung näher zu beschreiben, so kann nicht die Rede davon sein, daß sie in allem etwas Anderes sei. als die christliche (sie!)." Wozu dann die ganze Aufregung? „Da sie das Objekt gemeinsam haben, so ist auch alle Arbeit im Sachlichen gemeinsam." Als ob es in der Wiffenschaft noch etwas Anderes als „Sachliches" gäbe! Trotzdem sieht sich der Verfasser genöthigt, einen allgemeinen und zwei spezielle Unterschiede zu formuliren, die von der jüdischen Bibelforschung berücksichtigt werden müßten. Der allgemeine Unterschied bestände darin, „daß wir eine größere Pietät gegen die jüdische Tradition hegen, weil wir sie bester kennen ..." Was in der Wiffenschaft Pietät heißen soll, ist mir nicht ganz klar. Die Tradition ist eine geschichtlich überlieferte Annahme über die Entstehung und Abfassung eines Dokuments. Von der Prüfung dieser Annahme aber geht jede historische Forschung aus und trägt ihr so lange Rechnung, so lange sie nicht widerlegt ist. Dies thut sie aber nicht aus Gründen der „Pietät", sondern aus rein methodischen Erwägungen heraus. Wenn wir wirklich unserer Tradition größere Aufmerksamkeit widmen als "unsere Gegner, so geschieht dies nur deshalb, weil uns mehr daran gelegen ist, den kulturhistorischen Hintergrund dieser Tradition zu verstehen. Das hat

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