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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-09 · Heft 49 (9.12.1898) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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- 584 -- kennt, — in den bisher in Stades A. T. Zeitschrift von ihm erschienenen Einzelabhandlungen ist hiervon noch nichts zu bemerken 4-, die mit einem Schlage gleich einem deus ex machina alle Räthsel löst. Die Wissenschaft wäre ihm jedenfalls dankbar. Nur möge er nicht durch seine Methode eine altmodische Apologetik rechtfertigen wollen. Nicht weniger verfehlt sind des Verfassers Angriff« gegsn die einzelnen Operationen der kritischen Methode. Er schreibt: „Me Bibelkritik beginnt mit der Kritik des Textes, schreitet zur Quellenkritik und ordnet dann in der litterarischen die gewonnenen Schriften, Dokumente und Fragmente nach einem bestimmten Plan, welcher aus einer gewissen (eie!) Absicht aufgestellt ist, wie der Entwnkelungsgang der biblischen Geschichte verlaufen sein muß. Auf dieser litterarischen Substruktion errichtet sie alsdann ein ganz neues Gebäude der Geschichte und Religion Israels." Es ist unrichtig, daß die litterarische Kritik der historischen Jets vorausgeht. Es ist ebenso häufig das Umgekehrte der Fall. Von einem „bestimmten Plane" kann schon deshalb keine Rede sein, weil jede folgende Thatsache die Probe für die Richtigkeit der ihr vorausgehenden Hypothese abgeben muß. Diese Hypothese aber ist kein bestimmter Plan, sondern nur ein psychisches Motiv, das zur Verknüpfung einzelner Ereignisse dient, damit wir eine Thatsache aus der anderen begreifen. Aus einer solchen Zusammensetzung von Einzelergebnissen, die das direkte Gegentheil einer Tendenzforschung ist, ergiebt sich Geschichte. Oder sollte es wirklich Jemand für möglich halten, daß man nur deshalb bestimmte Quellenschriften im Pentateuch annahm, um aller Welt zu verkünden, daß die Entwickelung des biblischen Alterthums zum Christenthum aufgipfelte? Das sollte seit Jahrhunderten das Bestreben aller Bibelkritiker, die stillschweigende Voraussetzung ihrer Forschung gewesen sein? Nur deshalb sollte das Deborahlied älter sein als der Pentateuch? Zum mindesten wäre es dann doch viel schlauer gewesen, das Judenthum, zwischen Volksreligion und israelitische zu stellen als zwischen israelitische und Christenthum, dann käme doch der „bestimmte Plan" viel besser zu seinem Recht. Es ist wohl möglich, die einzelnen Resultate von subjektiven Gesichtspunkten aus zu beurtheilen und bei einer systematischen Anordnung der einzelnen Ergebnisse diejenigen Thatsachen besonders zu betonen, die dem Geschmack des Forschers am meisten entspreche». So wird der Christ dem „Gesetz" nie seine Sympathien entgegenbringen. Solche Werthurtheile haben aber mit der - Wissenschaft selbst gar nichts zu thun; die Forschung selbst beschränkt sich einfach auf Feststellung und Begründung des Thatsächlichen; das ist ihr einziges, ausschließliches Geschäft. In Wirklichkeit aber ist die Objektivität der Bibelforschung bereits so weit gediehen, daß viele auf dogmatischen Voraussetzungen beruhende Urtheile aufgegeben werden. Es wird heute von jedem besonnenen Bibelforscher rückhaltlos anerkannt, daß der Universalismus der Propheten außer allem Zweifel steht, und daß schon in einzelnen Lehren der Propheten und Psalmen das ganze „Evangelium" enthalten sei. Ich verweise nur auf Wellhausen, Kuenen, Cornill, Smend u. A. Sogar dem „Gesetz" wird heute größeres Verstündniß zu Theil, wie dies aus Abr. Kuenens „Volks- und Weltreligion" klar genug hervorgeht. Diesen Fortschritt aber in der Würdigung des Judenthums erringen wir^ nur auf dem Boden. . gemeinsamer historisch-kritischer Forschung; nicht durch eine eigensinnige prinzipielle Ablehnung der allgemein anerkannten Methode.., Auf ähnlichen Voraussetzungen beruhen auch des Verfassers: weitere Ausführungen. Er schreibt: „Auf allen diesen Stufen, laufen die schwersten Täuschungen mit unter", als ob das nicht bei ' jeder anderen Forschung auch der Fall wäre. Folgt daraus aber die , prinzipielle Unzulänglichkeit der Methode überhaupt? Von der > Septuaginta behauptet er. sie sei eins der „elendesten" Uebersetzungswerke. Bisher war man gerade der entgegengesetzten Meinung; man erkannte in ihr eine hervorragende jüdische Geistesarbeit, und diese Ansicht wird auch in neuester Zeit von Deißmann, einem der bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiete, getheilt. — „Von der Konjekturalkritik gilt . . . zwei treffen, dreie äffen", als ob es nicht besser wäre, daß „zweie treffen", als wenn überhaupt nicht „getroffen" wird. Wie übrigens der Verfasser „eine vorsichtige, gut beglaubigte Textkritik, die ihm doch sogar in seinen weiteren Ausführungen als ein „geradezu gottgefälliges Werk" erscheint, ohne Konjekturalkritik treiben will, ist nicht einzusehen. — Die Quellenkritik stütze sich auf angebliche Widersprüche und Wiederholungen.. . Wie der Verfasser von „angeblichen Widersprüchen" sprechen kann, ist mir gleichfalls unverständlich. Die Widersprüche und Wiederholungen sind nicht angeblich, sondern wirklich; und wer das leugnet, der will nicht sehen. Man vergleiche übrigens zu diesen besprochenen Ausführungen eine andere Wendung des Verfassers, die dahin geht: „Hat der biblische Text Fehler — und er Hat ihrer zweifellos nicht wenige, denn die Bibel ist ein Buch, also hat sie die Schicksale eines Buches gehabt —, wohlan, so wollen wir sie uns verbessern lassen." Wenn der Verfasser seine eigenen Widersprüche nicht .merkt, dann ist es allerdings erklärlich, wie nach ihm von Widersprüchen in der Bibel keine Rede sein soll. Oder sollen vielleicht nach des Verfassers Ansicht „die Schicksale eines Buches" nur in Wortfehlern sich dokumentiren? Der verschiedene - Sprachgebrauch ist ihm eine „petitio principii“. Der Satz ist nur verständlich aus der nachfolgenden philosophischen Behauptung: „Geist hat überhaupt keine Entwickelung". Und nun macht der Verfasser folgenden logischen Sprung: „Schließlich steht sie nach aller Quellenscheidung auch noch auf dem alten Fleck, indem sie die Schwierigkeiten und Widersprüche in die Redaktion verlegt.^Als ob es nicht am Ende gleichgiltig ist, ob die Einheit erst in dem maßgebenden Sammler und bestimmungsgemäßen(?) Publikum oder schon in dem einen-Erzähler liegt." Für diesen Satz wird er nicht einmal bei einem Dogmatiker schlimmster Art Dank ernten. Wodurch entstehen denn die meisten Widersprüche? Doch gerade dadurch, daß wir bei der Untersuchung eines Textes von einem Verfasser ausgehen. Um nun diese Widersprüche und Wiederholungen zu verstehen, nehmen wir mehrere Verfasser an, unter denen der eine nichts vom anderen wußte. Diese verschiedenen Berichte wurden dann in einander gearbeitet, und so entsteht durch ein fortwährendes Sammeln und Ueberarbeiten allmälig ein einheitliches Werk. Dies ist meistens das „Schicksal eines jeden alten Buches". Jetzt sind nun die Widersprüche ausgeglichen. Da kommt nun der Herr Verfasser und behauptet: „Als ob das nicht einerlei wäre, ob die Einheit erst in dem ^maßgebenden Sammler ... oder schon in dem einen Erzähler liegt". Das ist ungefähr genau so, als ob es für die Astronomie gleichgiltig sei, ob die Erde um die Sonne oder die Sonne sich um die Erde drehe. „Die Litterarkritik", meint der Verfasser, „richte sich schon durch die zahllosen Widersprüche ihrer Vertreter. Kaum ein Professor stimmt völlig mit dem anderen über die Abfassung einer biblischen Schrift überein, und es ist fast ergötzlich, zu sehen, wie dasselbe Kapitel oft durch alle Epochen eines Jahrtausends gehetzt wird." Hier ist wieder eine unrichtige Thatsache mitgetheilt. Von den meisten Forschern wird heute die Entstehung des Deuteronomiums um das Jahr 621 angesetzt, von den meisten Forschern wird übereinstimmend der Priesterkodex als ein litterarisches Erzeugniß des Exils betrachtet, wird überhaupt der ganze Pentateuch als solcher als das Resultat prophetischer Entwickelung angesehen.

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