Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWMWWWW WW 583 umso weniger willfahren, als ein solcher Widerruf von meiner Seite die größte Beleidigung für Ihre Mitkollegen wäre und auf mich nur ein sehr schlechtes Licht werfen würde. Kurz, wenn Sie auf Verschwiegenheit nicht rechnen können, so ist dies sehr zu bedauern; aber ich muß schmerzlich gestehen, daß ich. Sie mögen es mir verzeihen, von meiner Seite dem nicht abhelfen kann. Handeln Sie somit nach Belieben; ich werde sonst an Niemanden nach Berlin schreiben noch mit Jemand davon sprechen, und so ist von meiner Seite alles gethan, daß Verschwiegenheit über diesen Punkt herrsche. Sollte von Seiten des Ministers Eichhorn etwas an mich ergehen, so werde ich Sie unfehlbar und unverzüglich davon in Kenntniß sehen." Am 14. April schrieb Frankel wiederum an Muhr, der sich noch immer nicht über den von Ersterem unternommenen Schritt trösten konnte: „Ihre werthen Schreiben vom 11. und vom 12. dieses Monats habe ich erhalten, und es freute mich, von Ihnen ein Wort der Liebe und der Freundschaft zu vernehmen. Ich bin, wie jeder Rabbiner in diesen Tagen fvor dem Passahfest^, sehr beschäftigt und befinde mich dazu etwas, mitunter bedeutend, unwohl. Daher werden Sie mein kurzes Schreiben verzeihen, und ich will nur auf folgende Punkte eingehen. Bor allem, wie geht es Ihnen? Sie schreiben mir, daß Sie seit vierzehn Jahren nicht das Zimmer verlassen haben; dies thut mir sehr leid, und wünsche ich, bald Besseres zu vernehmen. Was meinen Brief an Minister Eichhorn anbelangt, so schreiben Sie mir auch jetzt, daß Sie an die anderen Vorsteher nichts mitgetheilt haben. Ich glaube, mein Freund, es wäre das Gegentheil besser gewesen, und gerade weil der Brief so offen war, durfte und sollte ihn Jeder kennen. Uebrigens wurden mir schon von Berlin Mittheilungen gemacht, und ein Fremder, der diese Woche hier durchreiste, sagte mir, man erzähle sich in Berlin von einem kühnen Brief, den ich an Minister Eichhorn geschrieben. Das Gesuch um das Staatsbürgerrecht wird künftige Woche, aber in etwas veränderter Form, von hier abgehen. Denn da der Minister Eichhorn mir bis jetzt noch nicht geantwortet, ich also nicht wissen kann, was er über mich denkt, so kann ich nur bedingungsweise um das Staatsbürgerrecht einkommen; in der Voraussetzung nämlich, daß der Herr Minister auf die ihm von mir mitgetheilten Punkte eingehl, suche ich um das Staatsbürgerrecht an. Anders, geht es nicht, da ich bei jenen Bedingungen beharrlich verbleibe. Nur werde ich natürlich in dem Gesuch nicht die Punkte aufführen, sondern nur aus das Schreiben vom 6. Februar an Minister Eichhorn Hinweisen." Bibel und Wissenschaft. Von Dr. Benzion Kellermann. #err Rabbiner Dr. Jacob hat sich in seinem, in diesem Blatt abgedruckten Vortrag veranlaßt gefühlt, einen Weckruf ergehen zu lasten wegen des angeblichen Verlustes unserer Bibel. „Das schlechthin Einziges?), was Israel an unvergänglichen, weltbeglückendcn Gütern hervorgebracht hat, die Grundlage seines Glaubens... ist ihm entrissen." „Unsere Bibel ist nicht mehr unsere Bibel... Das Judenthum aber ohne Bibel ist dem Tode verfallen. Wenn wir die Quelle unserer Religion „verschütten" oder „abgraben" lassen, dann müssen früher oder später für uns die Master des Lebens versiegen. Da aber die moderne, christliche Bibelwissenschaft die Quellen des Judenthums „verschüttet" oder „abgräbt", so muß ihr eine jüdische Bibelwistenschaft entgegengestellt werden. — Ich möchte doch zuerst den Herrn Verfasser fragen, ob er jüdische Bibelkritiker wie Zunz, Geiger und Grätz gleichfalls zu Denen rechnet, die die Grundlagen „unseres Glaubens" „verschütten" oder „abgraben" wollten? Ich möchte ferner den Herrn Verfaffer fragen, mit welchem Rechte er seinen eigenen Glauben als „unseren" bezeichnet. Die Grundlage unseres Glaubens und der eines jeden wissenschaftlich denkenden Menschen liegt zu allererst in der Wahrheit der religiösen Ideen selbst und nicht in den Dokumenten, die nur die Gefäße dieser Ideen sind. Und wenn der Verfaffer der „christlichen" Bibelforschung eine jüdische entgegengestellt wissen will, so begeht er doch offenbar dasselbe Unrecht, das er soeben bekämpft. Wir kennen keine christliche und keine jüdische Bibelforschung, sondern eine rein wissenschaftlich objektive, und es ist uns Jeder willkommen, der an diesem Geschäft theilnehmen will, sei es Jude oder Christ. Die Behauptung, die Bibel sei „das schlechthin Einzige", was Israel an weltbeglückenden Gütern hervorgebracht, klingt geradezu karäisch. Die Gedanken und Ideale unserer großen Gesetzeslehrer, eines Hillel und Akiba u. A., sind mindestens ebenso werthvoll als die im Buche Esther und Kohelet. Die Tendenz der heutigen Forschung käme nach des Verfassers Ansicht in der Anwendung einer völlig verkehrten Methode zum Ausdruck: „Es ist lediglich die sich immer von Neuem bestätigende Ueberzeugung von der positiven Fehlerhaftigkeit der Methode, also auch dem Resultat ihrer Kritik." „Kein falscher Respekt vor berühmten Namen... darf uns hindern, es in aller Bestimmtheit auszusprechen: daß die heutige Methode dieser Wissenschaft auf einer unzureichenden Grundlage beruht, daß sie in den schwersten Jrrthümern und Vorurtheilen befangen und ein Tummelplatz der größten Willkür ist. Die Bibel leidet (sie) unter ihr noch schwerer als unter der christlichdogmatischen Auffassung, und für das Judenthum wäre ihre bedingungslose Anerkennung der reine Selbstmord?)" — Wenn der Verfaffer behauptet, daß die Bibel unter der Kritik schlimmer leidet als bei der christlich-dogmatischen Auffassung, so ist dies ebenso unrichtig wie der nachfolgende Satz, daß ihre bedingungslose Anerkennung für das Judenthum der reine Selbstmord wäre. Gerade das Gegentheil ist der Fall: Während nach der Jnspirationslehre die Israeliten nur der empfangende Theil sind, so wird aus dieser historischen Auffassung klar erwiesen, wie das Judenthum durch eigene Arbeit sich seine Ideale selbst erstritten und erkämpft hat. Es wird ferner gezeigt, daß gerade in Zeiten, die man früher als ein Stadium des Rückganges bezeichnet hat, wie die des zweiten Tempels, die wichtigsten Institutionen geschaffen worden, und wichtige Theile der Bibel entstanden sind. Was die Methode selbst betrifft, so ist es ja dieselbe Methode, die von den hervorragendsten Philologen und Historikern auf allen anderen Gebieten der Geisteswissenschaft gehandhabt wird, in unzähligen Fällen durch die geschichtlichen Thatsachen bestätigt wurde und schon längst ihre psychologische und erkenntnißtheoretische Rechtfertigung erfahren hat. Wenn nach eben derselben Methode in einem Dokument verschiedene Quellenschriften erkannt und rekonstruirt werden, diese Quellenschriften aber thatsächlich später entdeckt wurden, dann darf doch einigermaßen von der Exaktheit historischer Forschung gesprochen werden. Es giebt keine Forschung, welche den Glanz der Ideen unserer Propheten, der Thora und der Psalmen verdunkeln könnte, und ihr Werth ist unabhängig von litteraturgeschichtlichen Annahmen. Der leistet unserer Lehre einen schlechten Dienst, welcher die Meinung verbreitet, daß ihre Grundlagen so leicht zu erschüttern sind. Es ist selbstverständlich, daß mit Hilfe dieser Methode noch nicht alle Probleme gelöst werden; damit ist aber nicht bewiesen, daß diese Methode überhaupt verfehlt ist. Es ergiebt sich eben aus dieser Thatsache nur die Aufgabe, diese Methode allmälig so zu verfeinern, daß ihre Resultate immer mehr dem wissenschaftlichen Ideal entsprechen. Es müßte denn sein, daß der Verfaffer eine ganz besondere Methode ff Der Verfasser spricht also von einem „falschen Respekt" gegenüber den modernen Bibelforschern. Es wär« doch erst zu erweisen, inwiefern dieser Respekt „falsch" sei.