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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-09 · Heft 49 (9.12.1898) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
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—— 582 —■— Stelle im diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten zu verschossen. Respektable Gemeinden werden ebenso wenig einen Ausländer engagiren, als heutzutage Berlin oder Frankfurt sich einen Jakob Joschua aus Lemberg kommen ließen, wie dies vor hundert bis hundertfünfzig Jahren so ziemlich die Regel war. Kohuts Berufung war der letzte Fall dieser Art, und in Gemeinden, wo vor sieben Jahren, als ich ins Land kam, ein Ausländer noch möglich war, ist heute die Aussicht auch schon geschwunden. Eine Gemeinde, welche 1200 Dollars, ein hier zu Lande äußerst bescheidenes Einkommen, bezahlt, verlangt ein tadelloses td, und wenn ^>as auch zu erzielen wäre, bliebe ihr da? Faktum doch unbequem, daß ihr Rabbiner ein koreigner ist, da der Jude fühlt, daß Hebrew, wie man den „mosaischen Mitbürger" hier zu Lande schonend nennt, für den Durchschnittsamerikaner mit foreigner identisch ist. Auch sonst sind leider die Erwerbsverhältnisie nicht sehr günstige. Die Wohlthätigkeitsvereine sind überall gezwungen, die äußersten Anstrengungen zu machen, um den dringendsten Bedürfnissen zu genügen, und, wo sich eine kleine Stelle darbietet, die nur den dürftigsten Ansprüchen genügt, finden sich zehn Bewerber für einen. Ich will es diesen ungünstigen Verhältnissen zuschreiben, daß unsere jüdischen Gemeinden durchaus nicht in dem Maße Fortschritte machen, in welchem die Bevölkerung zugenommen hat, wovon noch später die Rede sein wird, da ich zunächst zu einer weiteren Darstellung der Berathungen übergehen will. Zacharias Frankei in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. XII. och bevor etwas von der Absendung des Briefes an Eichhorn bekannt werden konnte, schrieb Frankel (am 8. Februar 1843) an Muhr: „Geehrter Herr und Freund! Es giebt Verhältnisse, die zu einer großen Kraftanstrengung uns auffordern und gebieterisch sagen: mxnKl VrTN“) tfb lö*6l T3i6“IÖlKn i?T Xb V53 MSI *V3n tfb ')• Ich habe einen entscheidenden Schritt gethan, einen Schritt, den ich mir erst nach Tagen schwerer Kämpfe abrang, auf den ich aber nun stolz bin, als auf eine der schönsten Unternehmungen meines Lebens. Ich habe an den Minister Eichhorn geschrieben und ihm offen gesagt, was ich von den Verhältnissen der Synagoge in Preußen denke, und welches meine Ansichten von dem bisherigen Verfahren sind. Ich habe mit der offenen Darlegung meiner Ueberzeugung nicht zurückgehalten; dies hielt ich, wie ich ihm mittheilte, für Pflicht, damit er erkenne, ob der Staat diese Ueberzeugungen billige, und im entgegengesetzten Falle die Bestätigung zu verweigern habe. So habe ich mir genügt und bin als freier, redlicher Mann aufgetreten, und diesen Weg habe ich bis jetzt noch immer als den besten erkannt. Aber weil ich frei und offen bin, darum habe ich auch eine Abschrift des Briefes an Herrn Salomon Meyer, als den Vorsitzenden des Vorstandes, eingeschickt, damit er dessen Inhalt den Mitgliedern des Vorstandes mittheile, und diese, was sich auch immer ereignen mag, nicht unvorbereitet beim Minister erscheinen. Außer dem Vorstand kann dieses Schreiben verschwiegen bleiben, und selbst wenn der Vorstand zum Minister gerufen wird, braucht er nicht die Bekanntschaft mit dem Briefe zu zeigen. Die Würfel sind nun geworfen: entweder ich trete mit der vollen, des Mannes würdigen Selbständigkeit bei Ihnen ein, oder ich bleibe ganz zurück. Herr Meyer wird Ihnen hoffentlich das Schreiben sogleich überschicken, und Sie werden daraus ersehen, daß mit Gottes 1) Der von seinem Vater und von seiner Mutter sprach: „ich sah sie nicht; der seine Brüder nicht erkannte und von seinen Söhnen nichts wissen wollte" (5. Buch Mosis 33, 9). *»Hier haben diese Worte den Sinn: Um der guten Sache willen rücksichtslos sein. Hilfe, mag die Sache sich wenden, wie sie will, dieser Akt nicht ganz spurlos vorübergehen wird. In unserer Zeit hat jede Kundgebung ihren Werth; und bin ich auch nur ein unbeachteter „Judenrabbiner", so fühle ich doch in mir den Muth, hinzutreten vor die Großen ohne Furcht. Denn die Verordnung, der königliche Wunsch, daß die Feier der Judenmissionsgesellschaft in der Landeskirche begangen werde, verdiente eine Zurückweisung. Meine Stimme wird verhallen, aber nicht ganz lautlos: wenigstens fühlte ich in mir die Kraft, meine Ansicht auszusprechen. Doch keinen Kommentar! Sie werden lesen und hoffentlich noch mehr finden, als ich ausgesprochen. Es wird dieser Schritt Sie schmerzen, wie er mich beim Abfassen des Briefesgeschmerzt; aber wenn Sie diesen in sich ausgenommen haben, werden Sie hoffentlich das Wahr* hafte in ihm erkennen." Am 13. Februar schrieb Frankel über denselben Gegenstand nochmals: „Mein Schreiben an den Minister Eichhorn war der Ausfluß eines fest gefaßten, reiflich erwogenen Entschlusses, wie ihn mir der Eifer für unsere gute Sache, mit einer besonnenen Resolution verbunden, eingab. Wenn man nicht ansteht, 200 OOO Unterthanen auf solche Weise nahezutreten, wenn die Phantasmagorie so weit getrieben, die Religion bis auf solchen schwindlichen Punkt zum Prunk gebraucht und der Glaube Anderer so schonungslos beeinträchtigt wird, so muß Jeder, der noch nicht für seinen Glauben und seinen Stamm ganz abgestorben ist, sich aufs Tiefste beleidigt fühlen und mit der Sprache, so viel in seinen Kräften ist, hervortreten. Was soll ich mir versprechen, welche Unterstützung wird uns von der Seite kommen, wo man es für eine gottgefällige That hält, uns von unserem Glauben abzuwenden? Mich wundert es wahrlich, wie Sie Ihr so offenes Auge verschließen kön.nen oder gar wollen und noch immer der Hoffnung Raum geben, daß man auf der anderen Seite mit offenen Armen jede von uns ausgegangene Maßregel aufnehmen und für die Läuterung unseres Kultus u. s. w. sich hilfreich zeigen werde, da doch deutlich genug ausgesprochen wird, wohin man uns bringen will? — Wären unsere Unterhandlungen so weit gediehen, so würde freilich nichts in der Welt mich haben bewegen können, nach jener . . . zu gehen; doch habe ich nun einmal mein Wort gegeben, darum will mir wenigstens ein freies Feld schaffen und mit meiner Gesinnung im Voraus hervortreten, um es nicht, wenn es zu spät sein wird, thun zu müssen. Sie können daher leicht ermessen, daß ich vor dem Minister Eichhorn in meinem Schreiben noch nicht den tausendsten Theil meiner Gefühle ausgesprochen, daß mein Unwille grenzenlos ist, und ich ihn in jenes enge Bett nur mit Mühe einzwängen konnte. Sie werden aber auch erkennen, daß mir im Grunde gar wenig daran gelegen ist, daß dieser Brief ein Geheimniß bleibe — denn da sie mit ihrem Vorhaben gegen uns öffentlich hervortreten, so hatte ich das Recht, auch öffentlich meine Stimme dagegen zu erheben. Ich brauche nicht im Verborgenen zu schleichen und kann vor aller Welt von meinem Schritt Rechenschaft ablegen. Ich schweige aber, um theils den Schein einer Prahlerei von mir abzuwenden, theils wieder, weil ich erst abwarten will, wie die Antwort erfolgen wird. Ich hielt es aber doch für meine Pflicht, dem verehrten Vorstand die Abschrift einzusenden, damit man mir nicht vorwerfe, daß ich mit List umgehe. Meine Schritte sind alle off6n, ich kenne keine krummen Wege. Daher, geehrter Freund, frage ich Sie, was soll ich nun zu Ihren in dem Schreiben vom vorigen Sonntag ausgedrückten Wünschen sagen? Sie wollen, daß ich Ihnen ein neues Schreiben schicke, als wäre die Abschrift darin eingefchlossen und an Sie gerichtet. Aber da weiche ich doch in den Augen der anderen Kollegen, wenn das Schreiben einst zum Vorschein kommt, oder die Bestätigung auf den Grund dieses Schreibens ausbleibt, dem Vorwurf des hinterlistigen Schweigens nicht aus? Zudem frage ich Sie: entweder — oder; haben Sie die Kraft und die Macht, jenes Schreiben an Herrn Salomon Meyer ungiltig zu machen, das heißt, Ihren Herren Kollegen zu verschweigen, daß ein solches einging, nun, so brauche ich nicht einen neuen Brief zu schreiben; thun Sie, was Ihnen gut dünkt; in Ihre inneren Verwaltungssachen werde ich nie eingreifen. Bedürfen Sie aber erst einer neuen Vollmacht von meiner Seite hierzu, so müßte mein zweites Schreiben als ein förmlicher Widerruf des ersten betrachtet werden, diesem könnte ich aber *) Bergl. Koheleth 10, 16.

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