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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-09 · Heft 49 (9.12.1898) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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581 moderne Mensch will, wie Hilleis Heide, die ganze Thora lernen, während er auf einem Fuß steht. Die große Zahl der hier zu Lande bestehenden jüdischen Zeitungen ist kein Beweis des Gegentheils. Ihre Existenz verdanken sie der Ausdehnung des Reklamewesens lind wohl auch dein politischen Leben, welches uns zweimal des Jahres Wahlen bescheert und aus dem Füllhorn des Kampagnefonds auch auf die jüdische Preffe Gaben herabströmen läßt. Endlich, soweit diese Blätter gelesen werden, dienen sie zu einem großen Theil dem gesellschaftlichen Bedürfniß, denn sie enthalten nicht nur Familienereignifse, sondern alles Wissenswerthe über Ankunft und Abgang fremder Gäste, über Abreise und Heimkehr der Einwohner. Ein sprechendes Beispiel wird meine Behauptung illustriren: In einer hiesigen Pension — oder wie sollte man boarding house ins Deutsche übersetzen? — lesen alle Bewohner den „America» Israelite“. Ich hatte einen Artikel darin veröffentlicht, und auf meine Umfrage erfuhr ich, daß nicht ein Einziger meinen Artikel bemerkt hatte. Sie überschlagen den litterarischen Theil gewohnheitsmäßig, denn für sie haben nur die gesellschaftlichen Neuigkeiten Interesse. Auch der blühende Zustand der jüdischen Litteraturgesellschaft, welche 5000 Mitglieder zählt, beweist nicht viel, trotz der immerhin bedeutsamen Thatsache, daß ein Mann von der achtunggebietenden Stellung des Richters Mayer Sulzberger an der Spitze des Vereins steht, und ein Mann wie der Philanthrop Jakob H. Schiff direkt nach Philadelphia fährt, um sich an der Jahresversammlung zu betheiligen. Viele Mitglieder lesen die Bücher nicht und zahlen den Beitrag von drei Dollars jährlich, wie man ein gutes Werk fördert, etwa ein Loos von einer Synagogenbaulotterie kauft. Die Rabbinerkonferenz dürfte vielleicht mehr Glück in dieser Richtung haben, denn, wie mir der Obmann des Litteraturkomitees, Herr Rabbiner Dr. Stolz in Chicago, mittheilt, beabsichtigt daffelbe, kurze Broschüren über jüdische Zeitfragen zu veröffentlichen. Solche Hefte werden noch gelesen. Wenigstens ist mir ein Fall bekannt, wo ein Kandidat um einen Rabbinerposten eine von Krauskopf vorempfundene und unglücklicherweise auch schon „vor"gedruckte Predigt hielt und von einem schlichten Kaufmann in der Zuhörerschaft ertappt wurde. Einen wesentlichen Umstand hat der Präsident noch in seiner Jahresbotschaft berührt und als Verdienst des Rabbinerverbandes in Anspruch genommen. Er sagte, daß vor der Bildung des Verbandes Niemand die Berechtigung der Rabbiner- und Doktortitel fungirender Prediger prüfen konnte. Von Anfang sei es bei der Bildung des Verbandes nothwendig gewesen, allen fungirenden Rabbinern die Aufnahme cum beneficio inventarii zu gewähren, seit der Gründung des Verbandes sei aber den Gemeinden eine Gewähr für die Befähigung ihrer Prediger gegeben, und der Umstand, daß der Verband über ein Vermögen von einigen Tausend Dollars verfüge, sichere demselben eine dauernde Bedeutung, indem er seinen Mitgliedern materielle und moralische Stütze verleihe, Ich will bei dieser Gelegenheit die Zustände des amerikanischen Rabbinats kurz beleuchten. Dilettantismus in Amerika hat nicht das Odiose, welches dem Worte im europäischen Sprachgebrauche zukommen mag. Der selk made man ist hier nicht nur auf kommerziellem, sondern auch auf intellektuellem Gebiete ein Ehrenname. Abraham Lincoln hat so gut wie gar keine Schulbildung genoffen und ist nicht nur ein bedeutender Staatsmann, sondern auch ein bedeutender politischer Redner und Schriftsteller geworden. So haben wir denn auch im rabbinischen Amt achtungswerthe seit made meu, Männer, deren amtliche Fähigkeit und persönliche Würdigkeit höher steht als die mancher ihrer europäischen Kollegen, welche nach dem Rezepte König Davids (Berachoth 3 b), weil sie „Pärnoffe" brauchten, sich zu Rabbinern promovirten und zu Doktoren Promoviren ließen. Daneben giebt es aber auch hier zu Lande noch immer viele Leute, deren Berufung zum rabbinischen Amt in ihrer Unfähigkeit zu irgend etwas Anderem begründet ist. Es ist aber sehr beachtenswerth, daß hier, wo es kein rabbinisches Staatsexamen, keinen offiziellen Nachweis allgemeiner Bildung u. dgl. giebt, die Gemeinden von selbst ordentlich vorgebildete Männer verlangen. Die Tage des deutschen Lehrers und des intelligenten Chasan, der sich zum Prediger emporarbeitete, sind gezählt wie die des Ausländers überhaupt. Das „th“, über ^dessen Aussprache der geneigte Leser sich aus dem Touffaint-Langenscheidt instruiren wolle, ist eine stärkere Barriere gegen. Ausländer als das preußische Gesetz von 1847. Darum wiederhole ich meine Warnung an einwanderungslnstige Rabbiner, wie ich das schon oft in Privatbriefen gethan habe. Noch giebt es wohl kleine Gemeinden, die sich zur Noth mit einem Fremdgeborenen begnügen, aber ihre Zahl ist in steter Abnahme, während die Zahl der Kandidaten amerikanischer Herkunft und mit englischer Muttersprache in steter Zunahme begriffen ist. Von diesen kleinen Gemeinden aber muß man sich eine Vorstellung machen, gegenüber welcher die Zustände der kleinen böhmischen Dorfgemeinden paradiesische sind. Jedes Mitglied, welches ein bis zwei Dollars monatlich als Beitrag bezahlt, ist ein absoluter Herrscher. Die Wahl eines Rabbiners, welche selbst in den größten Gemeinden nur auf fünf bis zehn Jahre erfolgt und allerlei persönliche Agitation voraussetzt, ist in diesen kleinen Gemeinden nur eine einjährige. Die Mitglieder solcher Gemeinden, zumeist aus süd- und westdeutschen Dörfern stammend, Leute von geringer Bildung und alles gesellschaftlichen Taktes baar, betrachten es als ihr Privilegium, ja als einen der Vortheile, welchen die Zugehörigkeit zur Gemeinde bringt, daß sie dem Rabbiner das Leben möglichst sauer machen können. Ein Rabbiner z. B. hat sich in der Religionsschule, deren Unterrichtsstunden dem Sabbathgottesdienst vorangehen, verspätet. Er tritt in die Synagoge; der Vorsteher hält ihm die Uhr entgegen. Wissen Sie, daß es schon vier Minuten nach zehn Uhr ist? In einem anderen Falle sagt der Vorsteher nach der Predigt: Ich habe Ihnen doch wiederholt gesagt, daß Sie nicht mehr als zwanzig Minuten predigen sollen, und Sie haben wieder fünfundzwanzig Minuten gesprochen. In einem dritten Falle erzählt mir ein Rabbiner — und ich bin überzeugt, daß er die Wahrheit erzählte —, daß er sich die Feindschaft des Herrn „Barnes" und weiterhin den Verlust seines Amtes dadurch zugezogen habe, daß seine Frau es sich verbat, daß der Herr Präsident sich ihr gegenüber Freiheiten herausnehme, welche man sich sonst nur gegenüber dem weiblichen Dienstpersonal in gewiffen Bierwirthschaften gestattet. Begreiflicherweise ist ein solches Verhältniß auch nur dadurch möglich, daß in dem rabbinischen Amte sich eine ganze Anzahl von Existenzen befindet, welche, in dem fremden Lande ziellos herumschlendernd, das erste beste Mittel ergriffen, um ihr Brod zu erwerben. Leute mit ordentlicher Vorbildung, welche sich von ihrer Jugend an auf diesen Beruf vorbereitet hatten, wie man sich auf einen anderen gelehrten Beruf vorbereitet, erzwingen sich eine beffere Stellung, jedoch nicht ausnahmslos. Ich kenne schon jetzt einzelne amerikanisch geborene und gebildete Rabbiner, die ihre Stellen verloren haben, ohne daß man sie eines moralischen oder intellektuellen Gebrechens anklagen konnte. Ich muß nun meine Warnung an Einwanderer, die sich hier dem Rabbinerstande widmen wollen, wiederholen, weil erst neulich ein hervorragender europäischer Orientalist an mich geschrieben hat, ich Möchte einem seiner Schüler eine Predigerstelle hier verschaffen. Er hätte gerade so gut mich ersuchen können, dem jungen Mann eine

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