Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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y'LM'UW 580 Zweck zugeführt, ja, am Laubhüttenfest wurden siebzig Opfer zur Sühne der siebzig Völker und Nationen dargebracht. Ueber diesem Altar schwebte der Geist des Friedens, der Liebe, der Einheit aller Menschen. Hätten aber jene Steine des entweihten Altars uns nicht unwillkürlich und immer von Neuem an die Verfolgung und Bedrückung, an die Rohheit und Unduldsamkeit, an die Härte und Grausamkeit der Syrer, der Griechen erinnert? Hätte diese Erinnerung nicht unwillkürlich die Flamme des Hasses, des Zornes, nicht das unauslöschliche Feuer der Rache, der Wiedervergeltung in unserer Brust entfachen und entzünden können? Ich frage nun aber, dürfen in der Stunde der Andacht, wo wir in Ehrfurcht und Demuth vor Gott stehen, solche böse, häßliche Leidenschaften in unserem Herzen toben und wüthen. Zorn, Haß, Rache! Muß nicht Friede, Liebe, Versöhnung in jener Stunde unser Herz füllen, unsere Seele schmücken?! Deshalb mußten diese Steine, die jene Leidenschaften in uns wecken konnten, beseitigt, entfernt und ein neuer Llltar, der Liebe und Frieden athmete, an seine Stelle gesetzt werden. Auch wir besitzen ein Heiligthum Gottes, ein ideales, in unserem Herzen, auch wir besitzen einen Altar, voll Dank und Freudenopfer für Gott, in unserem Innern. Auch an diesem idealen Altar unseres Herzens werden die Steine gar oft entweiht und entheiligt, durch die Hand von Menschen, die nicht weniger ruchlos, nicht weniger ehrlos, als es Antiochus Hör zwei Jahrtausenden gewesen. Wenn unsere Gegner und Widersacher uns, ohne jede Ursache und bei jeder Gelegenheit, kränken und beleidigen, unsere Religion schmähen und lästern, unsere heiligsten Gefühle und Empfindungen verletzen und mißachten, unsere Interessen bedrohen und gefährden, unser geheiligtes Menschenrecht, den Boden unseres Rechtes unterwühlen und untergraben, muß da nicht heiliger Zorn in unserer Brust entbrennen? Müssen nicht Groll, Haß, Verbitterung immer mehr und mehr die Räume unseres Herzens füllen? Und bedeutet Haß und Zorn nicht eine Entweihung des menschlichen Herzens? Giebt>s eine größere Entweihung, als wenn Haß und Zorn, diese bösen Leidenschaften, uns beherrschen und regieren, und Lieblosigkeit und Gehässigkeit den Frieden und die Reinheit unserer Seele trüben?! Und doch, wie oft wird in unseren Tagen dieser innere Altar in dieser Weise entweiht und entheiligt! Was soll nun mit diesem entweihten Altar geschehen? Wir müssen, unseren Vorfahren gleich, den entweihten Altar abbrechen, die entweihten Steine entfernen, d. h. die Steine des Hasses, der Lieblosigkeit, der Verbitterung aus unserem Herzen reißen und die Edelsteine der Liebe, des Friedens, der Eintracht, der Versöhnung und Verbrüderung an ihre Stelle setzen. Wir wollen trotz aller Unbill, die wir im Leben erfahren, in Frieden und Eintracht mit unseren Nebenmenschen leben, welcher Religion sie auch angehören mögen, wir wollen Wohlthätigkeit und Nächstenliebe gegen alle Menschen üben, zu welchem Glauben sie sich auch bekennen mögen! Wir wollen das Heiligthum unseres Herzens Gott, dem Allvater, dem Schöpfer und Vater aller Menschen, weihen und widmen und den goldenen Leuchter der Nächstenliebe mit seinen himmlischen Lichtern in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit in unserer Mitte erglänzen und erstrahlen lassen. Ja, das Licht der' Nächstenliebe soll im Heiligthum unseres Herzens leuchten und! strahlen, die heilige Flamme der Bruderliebe auf dem Altar des! Judenthums nie erlöschen, auf daß die Menschen sehen, daß, wie vor! Jahrtausenden, heute noch der Name Gottes auf dem uralten SBolfj Israel ruht. j Die Steine des Altars, sagt aber unser Bericht, wurden nicht, wie die des Zeusbildes verworfen, sondern voll Ehrfurcht und Pietät' in die Halle des Vorhofes gelegt und aufbewahrt, bis der Prophet Elijahu kommen und sagen wird, was mit diesen Steinen geschehen soll. . . Wie groß und weise war diese Handlungsweise der Makkabäer! Gebührte jenen Steinen nicht Ehrfurcht und Pietät? Haben diese entweihten Steine nicht die Flamme der Begeisterung für Gott, und Wahrheit im Herzen Israels entfacht und entzündet? Hat Israel beim Anblick dieser Steine nicht Treue und Hingebung, unverbrüchliche Treue und Hingebung Gott dem Herrn gegelobet? Hat der Anblick dieser Schändung des göttlichen Heiligthums Israel nicht mit Löwenmuth und Riesenstärke erfüllt? Ist nicht im Angesicht dieser Steine aus dem kleinen, ohnmächtigen Häuflein Israeliten eine unbezwingbare, unbesiegbare Heeresmacht geworden? Uud haben denn jene Steine nur damals im Augenblick , haben sie nicht durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende weckend, ermuthigend, begeisternd auf das jüdische Volk gewirkt?! War die Erinnerung an jene entweihten Steine nicht die Quelle, aus der das so hart geprüfte Volk immer Muth, Hoffnung, Vertrauen, Kraft und Ausdauer in allen Fährnissen, und Verhältnissen des Lebens geschöpft? Der Prophet Elijahu ist die Verkörperung der Zukunft, das Symbol der kommenden Jahrhunderte und Jahrtausende, und hören wir nicht, wie dieser Prophet heute nach zwei Jahrtausenden sagt und verkündet, welch unermeßlichen Werth jene Steine für die Erhaltung und Fortdauer Israels besessen. Sie hatten Recht, die Makkabäer, daß sie den entweihten Steinen so viel Ehrfurcht und Pietät angedeihen ließen. Und so wollen ' auch wir als Nachfolger der Makkabäer handeln! Je größer die Entweihung unseres Heiligthums von Seiten unserer Gegner, desto werthvoller und kostbarer soll es uns gelten. Je größer die Verfolgung von Seiten unserer Widersacher, desto treuer stehen wir zu unserem Gotte, desto glühender lieben wir unseren Glauben, desto unbeugsamer verharren wir in unserer Ueberzeugung, desto fester und höher halten wir die Fahne des Judenthums. Nur nicht verzagen! Nur nicht den Muth sinken lassen! Die Fahneninschrift der Makkabäer lautete: „Wer ist wie Du unter den Mächtigen, o, Ewiger!" 'Und das sei auch unser Wahlspruch, unser Schlachtenruf im Kampfe des Lebens, „Wer ist unter den Mächtigen wie Du, o, Ewiger!" und wir gehen siegreich und ruhmgekrünt aus dem Kampfe hervor. Das walte Gott! Aas amerikanische Israel. Dargestellt an der Land von Berichten über die Rabbiner- Uonferenz in Atlantic City. Bon Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati, O. 4. propagandistische Litteratur und die Stellung der Rabbiner. ine bessere Aussicht als der Katechismus dürfte die Anregung zur Schaffung einer populären Litteratur haben. Leicht ist die Sache auch nicht. Der Amerikaner im Allgemeinen ist kein Bücherleser. Die Unmasse von Zeitungen, deren Sonntagsblätter einen Durchschnittsmenschen auf eine Woche hinaus mit Lesestoff versehen können, die große Anzahl belletristischer und populärwissenschaftlicher Journale, welche im Gegensatz zu der : sensationellen Tagespreise belehrend und bildend wirken, absorbiren das Interesse der Leserkreise fast völlig. Unseren Juden ist jener sittliche Ernst so ziemlich abhanden gekommen, der unsere Väter zur Bibel mit Mendelsohns Uebersetzung und Kommentar hinleitete oder sie auf Aboabs „Leuchtende Lampe" oder Azariahs Piccios Predigtsammlung „Binah la-ittim" aufmerksam machte. Der