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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-09 · Heft 49 (9.12.1898) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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579 Versucht, seinen militärischen Pflichten zu entgehen, aufzufrischen. Dieser dummen Anklage ist schon tausendmal ihre Nichtigkeit nachgewiesen worden, und die offiziellen Ziffern liefern alljährlich neue Beweise hierzu. Im Jahre 1897 betrug die Zahl der jimgen Leute, welche ihr Loos gezogen, 969 792, darunter 50 4M Juden. Die Zahl der Eingezogenen betrug 280 828, darunter 15 934 Juden. Aus diesen Zahlen geht hervor, daß im Jahre 1897 die Juden im Verhältniß von 31,5 pro 100 eingezogen wurden, wogegen dies bei den Nichtjuden nur im Verhältniß von 28,81 Prozent geschah. Dieser Vorgang erneuert sich alle Jahr«; die den Juden feindliche Preffe übergeht denselben natürlich. Eine der Hauptveranlaffungen zu dieser unverhältnißmäßigen Zahl von jüdischen Rekruten ist übrigens der beklagenswerthe Zustand der Civilstandsregister. Es wurden dafür schon oft typische Beispiele geliefert. Ein in Berditschew von einem Korrespondenten des Kievskoi Slovo beobachteter Fall veranlaßt diese Zeitung zu folgenden Betrachtungen: „Die Munizipalbehörden von Berditschew glauben wahrscheinlich das Vorrecht zu besitzen, die Gesetze nicht beachten zu müssen. Anstatt alljährlich die Geburts- und Sterbelisten zu kontroliren, wenn es sich darum handelt, die Rekruten einzuziehen, und diese Verifikationsarbeit einen Monat vor der Abfassung der Konskriptionslisten zu beendigen, begnügen fie sich damit, auf die Auszüge der Civilstandslisten ganz willkürlich zu setzen, daß „die Genauigkeit der aufgezählten Familienmitglieder nicht garantirt werden könne". Folglich fälscht der Beamte selbst das abzuliefernde Dokument, welches zur Beurtheilung der Gründe, welche die jungen Leute zu ihrer Befreiung anführen, zur Basis dienen soll. Die Lage der jungen Leute ist wirklich beklagenswerth. Sie werden von der Polizei zum Bürgermeister hin und her gestoßen und bitten umsonst, daß ihr Famllienstand festgestellt werde. Nach unzähligen Bemühungen und Geldopfern ergeben sich die Jnteresfirten, die nur einen ungefähren Begriff ihrer Rechte haben, zumeist in ihr Schicksal." Bon besonderer Bedeutung ist die Nachricht, daß im russischen Ministerium des Innern wichtige Aktenstücke gesammelt wurden, zum Zweck der Abschaffung der jüdischen Steuern. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Frage einer baldigen Lösung entgegenginge. Der Mißbrauch, zu welchen täglich die Gelder der jüdischen Steuern Anlaß geben, ist so groß, daß er auch den Gleichgiltigsten auffällt. An dieser Stelle wurden des Oefteren einige Beispiele erwähnt. Die Behörden von Kiew weisen die dringende Nothwendigkeit einer Reform nach; man ist eben schon zu weit gegangen. Es ist bekannt, daß die Polizei in Kiew die dortigen Juden schon seit vielen Jahren verfolgt und immer Mittel und Wege findet, eine Anzahl derselben, die nicht genügend feststehende Rechte besitzen, die Stadt zu bewohnen, auszuweisen. Diese fürchterliche Jagd hat die Vergrößerung der Beamtenzahl zur Folge gehabt. Die Behörden sind sich nun klar geworden, daß dieser Zuwachs den Juden zuzuschreiben ist, folglich müffen diese auch die Mehrkosten für ihre Verfolger tragen!! Solche Ansprüche wären kaum ernst zu nehmen, indessen gehen sie hervor aus einer in den Zeitungen von Kiew erschienenen Notiz. Man kann da lesen: „In Anbetracht, daß diese Ausweifungsangelegenheiten die jüdische Bevölkerung direkt betreffen, daß Dmievka (die Vorstadt, wo die emsigste Jagd stattfindet) der Stadt Kiew untersteht, bezüglich der Kos chertaxe, hat der Gouverneur an den Bürgermeister einen Antrag auf Schadenersatz gestellt zu Gunsten des Kommissars im 5. Bezirk und für Supplementargelder, welche unter die ihn unterstützenden Beamten vertheilt^werden sollen." In Rußland ist wirklich auch das Unglaublichste noch möglich. Der entweihte Altar. Zum Lhanukahfeste. Von Rabbiner Dr. I. Kohn in Jnowrazlaw. m ersten Buche der Makkabäer, im vierten Kapitel, lesen wir wie folgt: „Judas aber und seine Brüder sprachen: Siehe, unsere Feinde sind geschlagen: lasset uns nun hinaufziehen, das Heiligthum zu reinigen und zu erneuern. Und sie reinigten das Heiligthum und trugen die Steine der Befleckung an einen unsauberen Ort. Er dachte auch an den Altar des Brandopfers, so entheiliget war, was man damit machen sollte. Da fiel ihnen ein guter Rath ein, daß sie ihn abbrechen, und sie brachen ihn ab. Und legten die Steine auf den Berg, darauf das Haus stund, an einen bequemen Ort, bis ein Prophet käme, der davon Bericht gäbe. Und sie nahmen ganze Steine nach dem Gesetze und bauten einen neuen Altar, wie der vorige gewesen war." Das ist die Geschichte unseres Festes in gedrängter Kürze Antiochus, der König von Syrien, hatte den Tempel zu Jerusalem, in unerhörter Weise entehrt und entheiligt, er hatte die Bildsäule des Zeus in das Heiligthum des Herrn gebracht, er hatte ein unreines Thier, im Angesichte des Volkes, auf dem Altar als Opfer dargebracht und mit dem Blut und Fett desselben die Wände des Heiligthums besprengt und besudelt. Nach erfochtenem Siege entstand nun die Frage, was soll mit diesem entweihten Altar geschehen! Das Zeusbild wurde zerstört und die Steine deffelben verworfen, der Altar wurde abgebrochen; aber die Steine des Altars wurden nicht wie die des Zeusbildes verworfen, sondern in eine Halle des Vorhofes hingelegt und aufbewahrt, bis der Prophet Elijahu kommen und sagen wird, was mit diesen Steinen geschehen soll. Merkwürdigerweise ist diese Erzählung vom entweihten Altar das einzige Moment aus der Chanukah-Geschichte, worüber auch in der jüdischen Litteratur, in Mischnah und Talmud (Midoth I. 6) etwas berichtet wird, sonst finden wir im hebräischen Schriftthum über die Geschichte dieses Festes fast gar nichts. Grund genug, die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Moment hinzulenken und dasselbe zum Gegenstand einer Erörterung zu machen. Also der entweihte Altar wurde abgebrochen und ein neuer, anderer an dessen Stelle gesetzt. Die einfache Ursache, warum dieser Altar abgebrochen und nicht mehr zum Opferdienst benutzt wurde, ist ja allerdings die, daß der so schändlich entweihte Altar nicht mehr rein und lauter, nicht mehr heilig und würdig genug war, als daß man sich seiner beim Gottesdienst, in der Stunde der Andacht, ohne Bedenken bedienen könnte oder dürfte. Die Steine waren ja, wie schon unsere Weisen bemerken, allerdings leblose, vernunftlose, und deshalb auch schuldlose Körper; aber gleichviel, der Altar bildete einen Theil des Gotteshauses, und das Gotteshaus muß unter allen Verhältnissen hoch und in Ehren gehalten werden. Ein Volk, das sein Gotteshaus nicht in Ehren zu halten versteht, steht auf der niedrigsten Stufe der Bildung und Gesittung und ist nicht mehr würdig, unter die gebildeten Völker gezählt zu werden. Deshalb mußte der alte, entweihte Altar abgebrochen und ein anderer, neuer an dessen Stelle gesetzt werden. Ich glaube aber, daß auch ein tieferer Grund die Beseitigung jenes Altars veranlaßt hat. Der Altar ist die Stätte der Versöhnung des Menschen mit seinem Gotte. Des Menschen, sage ich, und nicht des Israeliten allein, denn der Tempel zu Jerusalem war nicht für die Israeliten allein, sondern für die ganze Menschheit, für alle Völker und Nationen da. Opfer, von Heiden gespendet, wurden, wie die von Juden, gern angenommen und ihrem

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