Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Gemeindebehörden in ihrer letzten Sitzung einen Antrag des Vorstandsmitgliedes Herrn Bankier Louis Oppler einstimmig angenommen, in den Etat pro 1899/1900 einen Betrag von mehreren Hundert Mark zur Gründung eines Penstonsfonds für die Kultusbeamten einzusetzen. Dieser Betrag soll demnächst durch andere vorhandene Fonds verstärkt werden. Die hiesige Gemeindevertretung will in dieser Angelegenheit mit dem Provinzialverband bezw. mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund, falls seitens dieser Verbände die Gründung einer Penstonskasse in Aussicht genommen wird, in Verbindung treten. Führen diese Verhandlungen zu keinem befriedigenden Resultat, so sollen, wie dies bei den Kommunalbeamten bereits der Fall ist, die jedesmaligen Stelleninhaber entweder bei einer Verbandskasse oder aber bei einer Lebensverficherungsgesellfchaft versichert werden. Unzweifelhaft verdient dieses Bestreben der hiesigen Gemeindeverwaltung die vollste Anerkennung und ist durchaus geeignet, andere Gemeinden zu gleichem Borgehen anzuspornen, auf daß man in Zukunft nicht mehr die die Gemeinden wie die Beamten gleicherweise bloßstellenden „Aufrufe", „Hilferufe" rc. für emeritirte jüdische Beamte oder für Beamtenwittwen und -Waisen in den jüdischen Blättern lese. a. Rawitsch, 28. November. Am 25. d. Mts. verstarb hierselbst im ehrenvollen Alter von fast 79 Jahren die verwittwete Frau Pauline Sternberg, geborene Eckmann, eine echt jüdische, wahrhaft fromme Frau, welche sich durch ihre Wohlthätigkeit weit und breit einen Namen erworben hatte. Die große Menge Derer, welche dem Leichenzuge folgten, bewies am besten, welchen Verlust die Gemeinde erlitten, und mit Recht konnte Herr Rabbiner Dr. Cohn in seiner zu Herzen gehenden Grabrede sagen, daß durch den Heimgang der Frau Sternberg nicht nur in ihrer Familie, sondern auch in der Gemeinde eine große Lücke entstanden ist. Sie betrachtete das Wohlthun als ihre eigentliche Lebensaufgabe, sie war auf allen Gebieten humanitärer Bestrebungen thätig, und sie sorgte dafür, daß auch ihre wohlhabenden Kinder sich mit Herz und voller Hand dem Werke der Nächstenliebe widmen. Möge ihr die Erde leicht sein! N. Breslau, 16. November. Neben der jüdischen Lesehalle, deren bevorstehende Eröffnung wir bereits gemeldet haben, wird noch ein anderes, vielversprechendes Unternehmen zur Hebung und Belebung des Interesses für hebräische Sprache und Litteratur in unserer Stadt geplant. Angesehene Männer der verschiedensten Berufsstände und Richtungen haben sich an die hiesigen Gemeindemitglieder in einem Aufruf gewandt und Männer und Frauen zur Theilnahme an hebräischen Sprachkursen aufgefordert. Dieselben sollen unentgeltlich nach modernen Lehranschauungen von bewährten Kräften ertheilt werden. Glogau, 28. November. In aller Eile theile ich Ihnen heute kurz mit, daß unser verehrter, weit über seinen Wirkungskreis hinaus bekannter Rabbiner Dr. Benjamin Rippner in der Nacht zum Montag nach kurzem Krankenlager, aber nach langem Leiden, im 56. Lebensjahre gestorben ist. Anfangs dieses Jahres feierte er das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner seelsorgerischen Thätigkeit, bei welcher Gelegenheit ihm seitens der städtischen Behörden und der Bürgerschaft besondere Ehrungen zu Theil wurden. Die Trauerfeier findet am 30. d. M. Nachmittags 2 Uhr in der Synagoge statt. Ein ausführlicher Bericht folgt in der nächsten Nummer. Die Trauer in der hiesigen Gemeinde wie in der Stadt ist eine allgemeine. Das Andenken an den innig verehrten Mann wird hier fortleben. Möge ihm die Erde leicht sein! W. Nordhausen, 27. November. Die Fürsorge für geistig zurückgebliebene Kinder ist eine in diesem Blatte oft erhobene Forderung unserer Gemeinschaft. Ein geistig zurückgebliebenes Kind ist für seine Eltern ein Gegenstand größter Sorge. Diese unglücklichen Kinder find einzutheilen in bildungsunfähige oder idiotische Kinder und in solche Kinder, die durch geeigneten Unterricht und eine entsprechende Erziehung noch zu brauchbaren Gliedern der menschlichen Gesellschaft auszubilden sind. Für die bildungsunfähigen Kinder giebt es in Deutschland etwa 50 Jdiotenanstalten, in denen die Insassen eventuell bis an ihr Lebensende verpflegt werden. Noch viel wichtiger als die Pflege idiotischer Kinder ist aber sicher die Ausbildung derjenigen geistig zurückgebliebenen Kinder, die noch zum Eintritt in das öffentliche Leben zu gewinnen sind. Diese Kinder haben aber leider bisher fast allgemein keine geeignete Erziehung erhalten, sie sind infolgedessen dauernd ihren Familien oder den Kommunen zur Last gefallen. Mit geistig zurückgebliebenen, aber noch bildungsfähigen Kindern find nur dann gute 3 -- Resultate zu erzielen, wenn sie Erziehungsanstalten zugeführt werden, die speziell für die Erziehung solcher Kinder eingerichtet find, und die ihre Zöglinge zu einem Lebensberufe vorbereiten. Es giebt in Deutschland vier derartige Anstalten. Wir Israeliten haben nur für eine solche Anstalt Interesse, in der dafür gesorgt wird, daß jüdische Zöglinge in jeder Beziehung wie die christlichen Zöglinge geachtet und behandelt werden. In der in Nordhausen bestehenden B. Wildt'schen Erziehungsanstalt ist dies der Fall. Es befinden sich daselbst gegenwärtig drei jüdische Kinder. Die Angehörigen dieser Kinder sind mit den Einrichtungen, den Erziehungs- und Unterrichts-Resultaten der B. Wildt'schen Anstalt sehr zufrieden. Wer darum in der unglücklichen Lage ist, ein geistig zurückgebliebenes Kind zu besitzen, dem ist zu rathen, fich mit dem Jnftitutsvorsteher B. Wildt in Nordhausen in Verbindung zu setzen und sich von ihm zunächst einen Prospekt seiner Anstalt senden und die Adressen der Eltern seiner jüdischen Zöglinge — welchen letzteren auch von dem Religionslehrer und Kantor der Synagogen-Gemeinde, Herrn D. B. Warenheim, in freundschaftlicher Beziehung zur Direktion ein warmes Interesse zu Theil wird — fich mittheilen zu lassen. L. Hannover, 29. November. Anläßlich des Jubiläums des hiesigen Lehrerseminars erhielt Herr Seminardirektor Dr. Kn oller den Kronenorden 4. Klaffe. Der Orden wurde, wie man jetzt erfährt, von der vorgefetzten Behörde zu dem 7. November, dem Jubiläumstage, erwartet, hat sich aber infolge der Orientreise des Kaisers verspätet. Die Auszeichnung, die dem Herrn Seminardirektor und dem Seminar zu Theil wurde, erregt in der Gemeinde lebhafte Freude. — Die Direktion des hiesigen Lehrerseminars hat auf Anregung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, der seinerseits die Anregung von Herrn Kirchenrath Dr. Kroner-Stuttgart erhielt, beschlossen, den Seminarabiturienten im religiösen Vortrage, theoretisch und praktisch, Ausbildung zu Theil werden zu lassen. Die theoretischen Anweisungen erhalten die Schüler der 1. Klasse von dem Herrn Direktor Dr. Knoller; praktisch verwerthen können sie dieselben in dem von dem Herrn Seminarlehrer Gottlieb geleiteten Jugendgottesdienste. Zu diesem Gottesdienste versammeln fich in einem Raume der Religionsfchule allsabbathlich die Schüler und Schülerinnen, die durch den Schulunterricht am Synagogenbesuche verhindert find. Das Amt eines Vorbeters, das eines Synagogendieners, ja selbst das eines Vorstehers wird von Knaben in vorzüglicher Weise versehen. Die Oberaufsicht führt Herr Seminarlehrer Gottlieb, der dafür sorgt, daß in dieser Kinderfynagoge eine wahrhaft musterhafte Ordnung herrscht, und ein wirklich herzerhebender Gottesdienst abgehalten wird. Jetzt hören die Kleinen, wie oben erwähnt, auch einen religiösen Bortrag, dem sie mit Verständniß folgen. — Ein anderer von dem Gemeindebunde dem Seminar gemachter Vorschlag, einen Nachkursus für Kantoren einzurichten, mußte abgelehnt werden, weil erstens ein solcher Kursus nicht in den Rahmen eines Lehrerseminars hineingehört, und zweitens die jungen, eben in das Amt eingetretenen Lehrer, durch solch einen Kursus in der Vorbereitung für die zweite Lehrerprüfung, die unbedingt erforderlich ist, gestört würden. Vielleicht nehmen fich Herr Oberkantor Linhart und Herr Chordirigent Rose der Sache an und richten hier einen Nachkursus für junge Lehrer ein, die schon ihre 2. Prüfung absolvirt haben, und der event. in die Ferien fallen könnte. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 28. November. Der Rektor der Universität, Hofrath Wiesner, hat sich infolge der jüngsten Exzesse zwischen Jüdisch- und Deutsch-Nationalen veranlaßt gesehen, den Bummel zu verbieten; den Libanonen wurde untersagt, in der Aula die blauen Mützen zu tragen, was eigentlich den Grund zu den Schlägereien geliefert hatte. (Allerdings ein gewichtiger Grund, sich gegenseitig durchzuprügeln.) In der abgelaufenen Woche gab's im Parlament erregte Debatten über den Ausnahmezustand in Galizien; ein schönes Wort hat dabei der Ministerpräsident Graf Thun gefunden; ein sozialistischer Abgeordneter wollte diese Maßregel durchaus nicht gerechtfertigt finden, worauf Graf Thun ihm u. a. sehr bestimmt erwiederte. (Bergl. die Woche.) In glänzender Rede, in der er auch dem Ministervräfidenten für seine erhebenden Worte dankte, entwickelte der Abgeordnete Dr. Byk die Geschichte der antisemitischen Exzesse, ihre Entstehung, ihre Ursachen und ihren Verlauf, denen das Standrecht noch glücklicherweise rechtzeitig ein Ende machte. — Der Redakteur des „Deutschen Volksblattes",