Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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$2 Berlin, 29. November. Die Miethsunterstützungsanstatt der jüdischen Gemeinde (Chebrath Ohel Jeschar im) versendet den folgenden Aufruf: Im Jahre 1798 wurde in der hiesigen jüdischen Gemeinde „die Wohlthätigkeitsanstalt zur Beihilfe der Wohnungsmiethe für arme Mitglieder derselben" (Chebrath Ohel Jescharim) errichtet. Seit dieser Zeit hat die Anstalt ihre schwierige Aufgabe mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nach Möglichkeit erfüllt und darf mit Genugthuung darauf Hinweisen, daß dank der opferwilligen Theilnahme ihrer Freunde und Gönner viel Noth und Elend gemildert werden konnte. Das 100jährige Bestehen der Anstalt, zu dessen Jubelfeier wir am 15. Januar dieses Jahres eine geistliche Mustkaufführung in der Synagoge Lindenstraße veranstalteten, veranlaßt uns nun von Neuem, die dringende und herzliche Bitte an den stets bewährten Wohlthätigkeitsstnn unserer Glaubensgenossen zu richten: „Gewährt uns weitere Mittel, damit wir auch im zweiten Jahrhundert des Bestehens der Anstalt die Aufgaben erfüllen können, welche unserer warten." Mit dem stetig zunehmenden Wachsthum unserer Gemeinde steigert sich auch die Zahl der Hilfsbedürftigen in einer Weise, daß wir den heutigen Ansprüchen nur zum kleinen Theil genügen können. Gehört doch zu den nothwendigsten Lebensbedürfnissen das schützende Dach, die Wohnung! Und wie oft ist es den Armen bei den größten Anstrengungen und Entbehrungen nicht möglich, die fällige Miethe zu beschaffen! „Helfet uns zu neuem Wohlthun!" Berlin, November 1898. Das Kuratorium der Miethsunterstützungsanstalt für hilfsbedürftige Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde (Chebrath Ohel Jescharim) besteht aus den Herren: Gustav Löwenberg, Moritz Heilmann, Oscar Rathenau, Siegfried Sachs, Herrmann Lehmann, Martin Lesser, Emil Pincus. Dem Aufruf ist der beste Erfolg im Interesse der guten Sache zu wünschen, für die er plädirt. R. Berlin, 29. November. Die wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin hält am 3. Dezember ihre Generalversammlung im Vereinslokal, Wittners Restaurant, Königstr. 29 I, ab. Nach Erledigung des geschäftlichen Theils hält das Bereinsmitglied Herr Dr. Warschauer, einen Vortrag über: „die Wunder der Bibel in unterrichtlicher Behandlung". —- Gäste sind von 9 Uhr an willkommen. £2 Berlin, 28. November. Am 25. d. M. ist hier im 88. Lebensjahr der Schulvorsteher a. D. I. Holländer gestorben. Mit ihm ist eine hochinteressante Persönlichkeit aus dem Leben geschieden. 88 Jahre alt, besuchte er noch im letzten Sommer Kollegien in der Universität und folgte den Vorträgen auch im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur mit regem Eifer. Seine Geistesfrische war bewundernswerth, ebenso seine körperliche Rüstigkeit, die ihn noch in diesem Jahre befähigte, allein nach England zu reisen. Seine neun Kinder — zu denen der Dirigent des Cäcilienvereins und die Wittwe des verstorbenen Präsidenten Geheimrath Paul Kayfer gehören — haben sämmtlich Vornamen, die mit „Al" anfangen, was ihm den scherzhaften Beinamen „Allvater" eintrug. Ein philosophischer Denker, ein herzensguter Mensch und ein hilfsbereiter Freund und Förderer junger Talente ist mit ihm ins Grab gesunken. Den ganzen Mann charakteristrt ein Erlebniß, das er vor etwa fünf Jahren hatte. Gewöhnt, auch im Dunkeln durch den Thiergarten zu wandern — er wohnte in der Händelstraße —, fand er sich eines Abends zwei Strolchen gegenüber, die gebieterisch seinen Pelz forderten. „Gebt mir Eure Jugend, dann sollt Ihr meinen Pelz haben", war die unerschrockene Antwort, welche die Strolche zu der Erwiederung veranlaßte,: „Ach was, mit dem ollen Mann ist nischt anzufangen" — und sie ließen ihn in Frieden. Der Verstorbene war Schulvorsteher in Ratibor. Das Leichenbegängniß fand heute in Weißenfee statt. K. Aus Westpreutzen, im November. Eine politische Wahl im deutschen Osten dürfte für Ihre werthen Leser von Interesse sein. Zum Landtagsabgeordneten für die Kreise Pr. Stargard-Dirschau- Behrent, wo es sich nur um deutsch oder.polnisch gehandelt, ist mit Hilfe der Freisinnigen, die sämmtlich für ihn eingetreten, der „ gemeinsame deutsche Kandidat, der frühere Reichstagsabgeordnete Herr Staatsminister a. D. Ho brecht gewählt, dem, zur nationalliberalen Partei gehörig, in Bezug auf seine politische Gesinnung viel Gutes nachgerühmt wird, weshalb in allen drei Städten alle unsere Glaubensgenossen gern für ihn eingetreten sind. Der Erwähnung werth ist folgende Aeußeruug des Herrn Hobrecht, die er in einer Wählerversammlung in Dirschan gethan: „Wir, meine Herren, können von dem hochbegabten jüdischen Polte, welches mit großer Zähigkeit an oenl Erbe der Väter festgehalten und tapfer kämpften, während die Römer draußen vor den Thoren Jerusalems lagen, viel lernen; seien wir einig, und Allen, welcher politischen Richtung oder Konfession auch, soll ihr Recht zu Theil werden." Mit dieser Wahl ist den Polen ein lange innegehabtes Mandat entrissen. Sein Kollege für diese Kreise, ein Gutsbesitzer aus der Umgegend, der sich sreikonservativ nennt, dem Vernehmen nach aber dem Bund der Landwirthe näher steht, ist mit in den Kauf genommen, nachdem derselbe in einer öffentlichen Wählerversammlung auf eine an ihn gerichtete Frage seitens eines Freisinnigen erklärte, für die Rechte und Freiheiten aller Staatsbürger eintreten zu wollen. — Der in guten Bermögensverhältnissen lebende Kaufmann Davidfohn in Brüssel, ein geborener Straßburger (Westpreußen), hat den Armen dieser Stadt eine Zuwendung von 100 Mark jährlich in Aussicht gestellt. Bon den ersten 100 Mark, die in diesen Tagen eingegangen, wurde für einige Arme Heizmaterial beschafft, einige erhielten kleine Geldunterstützungen. — Dr. med. Blum in Königsberg ist der Titel Sanitätsrath verliehen worden. — In Bütow sind die Herren Gerbereibesitzer Pommeranz und Färbereibesttzer Jul. Lewin und in Stolp der Kaufmann M. Aron zu Stadtverordneten gewählt worden. Lp. Aus der Provinz Posen, im November. Der Kaufmann und Beigeordnete Samuel Krause in W ollste in ist zum Mitglied des Kreistages für den Kreis Bomst gewählt worden. — Rabbiner Braun in Schneidemühl beging kürzlich seinen 84. Geburtstag. Der greise Herr, der sich in voller Rüstigkeit befindet, beabsichtigt, bis zu seinem Lebensende im Amte zu verbleiben. — In Ostrowo ist Kaufmann Jacob Krauskopf als Stadtverordneter neugewählt worden. — Kaufmann Adolf Baer in Ostrowo hat anläßlich seiner Uebersiedelung nach Breslau dem Magistrat daselbst 100 M. zur Bertheilung an christliche Arme und einen gleichen Betrag an den Synagogenvorstand für israelitische Arme überwiesen. — In sämmtlichen Kreisen des Regierungsbezirkes Posen werden gegenwärtig auf Veranlassung der Regierung zu Posen Erhebungen über den Religionsunterricht jüdischer Kinder angestellt. — Auch die Gehaltsverhältnisse der privatim in den jüdischen Gemeinden angestellten Religionslehrer werden hierbei in Betracht gezogen. Bermuthlich sollen die statistischen Nachweisungen als Grundlage zur Regelung des jüdischen Religionsunterrichtes dienen. — Der Vorstand des Holzvertheilungsvereins. in Posen hat an Stelle des verstorbenen Herrn Krombach den Kaufmann Sally Oelsner als Vorstandsmitglied kooptirt. Die Ausgaben des Vereins im letzten Jahre betrugen 1600 M. — Kaufmann und Genossenschafts-Verbandsrevisor Isidor Lewinsohn in Rakel ist zum Stadtverordneten daselbst gewählt worden. H. Pleschen, 16. November. Nachdem in einer Versammlung von hiesigen Gemeindemitgliedern vom 25. v. Mts. die Gründung eines „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" im Prinzip beschlossen war, fand am 29. v. Mts. die erste Generalversammlung des neugegründeten Vereins statt. In derselben wurde u. a. der von der Kommission ausgearbeitete Statutenentwurf mit geringen Aenderungen angenommen, der Jahresbeitrag auf drei Mark pro Jahr festgesetzt und für den Wanderrednerfonds ein Beitrag bewilligt. Für die zu gründende Vereinsbibliothek wurden in den beiden Versammlungen an freiwilligen Beiträgen ca. 200 Mark gespendet. Bis jetzt find dem Verein 76 Gemeindemitglieder beigetreten. In den Vorstand wurden folgende Herren gewählt: Rabbiner Dr. Königsberger zum Vorsitzenden, Kaufmann Isaak Schybilski zum stellvertretenden Vorsitzenden, Lehrer Happ zum Bibliothekar, Büreauvorsteher Schmul zum Schriftführer und Kaufmann G. Galewski zum Schatzmeister. Heute Abend hielt der Vorsitzende vor einer äußerst zahlreichen Versammlung einen sehr interessanten Bortrag über das Thema: „Profelyten im Judenthum". Für das Winterhalbjahr sind außer den Diskussionsabenden noch fünf Borträge in Aussicht genommen. — In richtiger Würdigung des einmal nicht wegzuleugnenden Uebelstandes, daß die jüdischen Kultusbeamten weder auf Pension noch auf Reliktenversorgung irgendwelchen rechtlichen Anspruch haben, so daß dieselben in ihrem Alter bezw. ihre Hinterbliebenen vielfach der öffentlichen Unterstützung bedürfen (es trifft dies selbstredend nur für die qu. Beamten der kleinen und Mittelgemeinden zu), haben die hiesigen