Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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A. Schreiber wurde zu einer Geldstrafe verurtheilt, weil er eine Berichtigung des Rudolfsspitals, das in dem Blättchen angegriffen und verleumdet wurde, nicht rechtzeitig veröffentlichte. — In der jüngsthin abgehaltenen Ausschußsitzung des Zweitältesten und größten hiesigen Humanitätsvereins „Wvhlthätigkeit aus Pietät" wurde auf Antrag des Präsidenten B. Kanitz einstimmig die Kreirung einer Kaiserin Elisabeth-Stiftung im Betrage von 2000 Kronen mit der Bestimmung beschlossen, daß alljährlich am Todestage der Kaiserin verarmte Vereinsmitglieder mit dem Zinfenerträgnisse der Stiftung betheilt werden. Die von der „Oesterreichisch-israelitischen Union" veranstaltete Enquete über die Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens ist nunmehr abgeschlossen. Es wurden theils mündlich, theils schriftlich 43 Gutachten abgegeben. Die Enquete hat ein überaus reichhaltiges und werthvolles Material ergeben, welches die Oesterreichisch-israelitische Union nicht nur in Memoranden an die Regierung und an den galizischen Landesausschuß, sondern auch in einer für die große Oeffentlichteit bestimmten Publikation verwerthen wird. — Das türkische Amtsblatt „Stambuli" meldet, daß der Sultan die Herren Mathias M. Russo, Sohn des Präsidenten der türkisch-israelitischen Gemeinde, Herrn Marcus M. Russo, und Abraham Canetti, und zwar Ersteren durch Verleihung des Osmanie-Ordens, den Letzteren durch Verleihung des Medschidje-Ordens III. Klasse ausgezeichnet hat. — In Cfurgo wurde Dr. I. Melles, in Szegszärd Religionslehrer Dr. A. Mandl aus Maag-Neustadtl zum Rabbiner gewählt. Großbritannien. A Bradford, 17. November. Eine interessante Doppelfeier fand am Sabbath den 12. November in der hiesigen jüdischen Gemeinde statt. Es waren 25 Jahre, daß der Rabbiner und Prediger derselben, Dr. Joseph Strauß, seine Antrittspredigt hielt. Zu gleicher Zeit war es auch ein Vierteljahrhundert, daß eine religiöse Gemeinschaft der hiesigen Israeliten begründet wurde. Es lebte zwar eine Anzahl deutscher Juden schon vor mehr als vierzig Jahren hier, aber die Zahl war nicht groß genug, um eine Gemeinde zu bilden. Erst nachdem mehrere junge Geschäftsmänner sich aus Deutschland ihre Frauen geholt, wurde das Bedürfniß rege, auch für die Religion etwas zu thun. Es kam bald zu einer Organisation. Ein junger Rabbiner wurde aus Deutschland geholt. Dieser ging mit dem Muth eines seinem väterlichen Glauben enthusiastisch ergebenen Mannes ans Werk, und obwohl der Schwierigkeiten viele waren, die sich bei der Neubegründung einer jüdischen Gemeinde ihm entgegenstellten, so überwand er doch alle, und heute, nach 25 Jahren, ist es eine zahlreiche Gemeinde, an deren Spitze er steht. Ein schönes Gotteshaus wurde schon nach siebenjähriger Wirksamkeit desselben errichtet. Die Religionsschule wurde gleich von Anfang an als organischer Bestandtheil der Gemeinde eingeführt und ein jüdischer Begräbnißplatz von der Stadt erworben. Seit drei Jahren existirt hier auch ein Verein für das Studium der jüdischen Geschichte und Litteratur, dessen großartiger Erfolg seinem Begründer, dem Herrn Dr. Strauß, Ehre macht. Zu den Vorträgen, die in demselben von hervorragenden Männern aus London, Birmingham, Manchester und Bradford gehalten werden, findet sich immer eine große Zahl von Israeliten ein. Es ist Dr. Strauß gelungen, durch diesen Verein einen Mittel- und Versammlungspunkt für Juden, sowohl fortschrittlicher alsauch orthodoxer Richtung, zu schaffen. Am letzten Sabbath hielt der Kollege unseres Rabbiners, Herr Rev. L. M. Simmons aus Manchester, auf dessen Einladung die Festpredigt in der Synagoge. Vor dem Beschluß des Gottesdienstes schickte Herr Dr. Strauß ein inniges Dankgebet zum Himmel für die Gnade, die der Herr ihm und der Gemeinde erwiesen während der 25 Jahre seiner Wirksamkeit hier. — Nach dem Gottesdienst verfügte sich eine Deputation des Gemeindevorstandes in die Behausung des jugendlichen Jubilars und dankte demselben für seinen Eifer und seine Ausdauer, die er während der Zeit seines Aufenthalts hier bewiesen. Tags zuvor schon hatte man dem Jubilar ein Geschenk in der Form eines Checks überreicht. Am Sonnabend und Sonntag Nachmittag war im Hause des Herrn Dr. Strauß großer Empfang fast aller Gemeindemitglieder und einer großen Anzahl von christlichen Geistlichen und Einwohnern Bradfords verschiedener Konfessionen. Geschenke und Glückwunschtelegramme liefen von Bradford und auswärts ein. — Wir schließen mit dem besten Wunsche für den Jubilar und seine fernere Wirksamkeit! Mtn. 1 J) Jerusalem, 20. November. Dem Bericht Über den Empfang des Kaisers in Jerusalem haben wir noch ergänzend hinzuzufügen, daß sowohl die Zöglinge des deutsch-jüdischen Waisenhauses als der Lämmelschule, welche beide unter der Leitung des in Frankfurt a. M. domizilirenden „Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" (Vorsitzender Rabbiner Dr. Horovitz) stehen, am Triumphbogen der Juden Spalier bildeten und bei der Ankunft Ihrer Majestäten hebräisch, bei der Abfahrt derselben aber deutsch l„Heil Dir im Siegerkranz") sangen. Don Nah und Fern. ----- Die Massenverbreitung antisemitischer Weihnachtsflugblätter mit der Aufforderung, in jüdischen Geschäften keine Weihnachtseinkäufe zu machen, hat bereits begonnen. Die Vororte Charlottenburg- Schöneberg, Friedenau-Wilmersdorf und der Westen Berlins bis zur Friedrichstraße sind mit solchen Flugblättern, von denen 200 000 zur Vertheilung kommen sollen, belegt worden. — In Königsberg i. P. ist Dr. Felix Perles aus München zum Hilfsprediger und Religionslehrer gewählt worden. — In Breslau hat Prof. Dr. G. Born den Rothen Adlerorden IV. Kl. erhalten. — In Elbing ist einer der gea achtetsten Aerzte, Dr. F. Arnheim, gestorben. Derselbe war viele Jahre s hindurch Repräsentant und zuletzt Vorsitzender des Vorstandes der dor 5 tigen Gemeinde. — Kantor Badrian in Rügenwalde ist nach Stolp, 3 Kantor Gabbe in Jacobshagen nach Körlin a. Pers. berufen. — In Gleiwitz ist im Alter von 75 Jahren nach längerem ' Leiden der emeritirte Lehrer Baruch Bobrecker am 18. d. Mts. gestorben. Derselbe erfreute sich allgemeiner Werthschätzung. — In. Frankfurt a. M. wird am 1. Dezember eine Palästina-Ausstellung seitens der Berliner Jmportgesellschaft eröffnet. Das dortige Komitee besteht aus den Herren Ch. Hallgarten, R.-A. Plotke, H. und I. Wisloch, Dr. Walter, R. Ettlinger, I. Goldschmidt. — Klerikale Blätter kündigen < die Errichtung eines Antisemiten klubs in Brüssel an, der wöchentlich eine Zeitung herausgeben wird! Die liberale Presse spricht ihre tiefe Entrüstung über diese neue Belgien bedrohende „Pest" aus. — In der Gemeinde Horodyszeze Cetnarski überfiel eine Anzahl Bauern das Ortswirthshaus, zertrümmerte * Fenster, Thüren und Möbel und raubte Branntwein und einen Geldl betrag von 80 Gulden. Dann drangen die Bauern auf fünf Juden ein < und schlugen sie. Die Gendarmerie stellte die Ordnung wieder her und j verhaftete acht Bauern. — Die französische Akademie hat in ihrer letzten Sitzung den Preis von 1000 Frs. aus der Saintour-Stiftung 5 dem Universitätsprofessor Leon Brunschwieg für sein Werk über Blaise Pascal verliehen. — Für die neu zu errichtenden vier jüdischen * Konsistorien in Algier sind im Budget der Regierung 40000 Frs., also 1 12 000 Frs. mehr als bisher, ausgeworfen worden. — Am 16 v. M. 1 ist in R o m einer der letzten italienischen Veteranen aus dem Krimkriege, } L. M. Segre gestorben, der als Major der Infanterie unter Karl Albert gedient hat. — In der Liste der neu ernannten italienischen Senatoren befindet sich auch Ulderico Levi, dessen Wahl zum Präsidenten des Provinzialraths von Reggio Emilio wir erst kürzlich gemeldet haben. 1 — Frau Baronin Hirsch hat für den Barr eines Hospitals in Jaffa! 3000 Pfd. St. mit der Bedingung gegeben, daß die andere Hälfte der I Summe durch Gaben Anderer aufgebracht werden. — Der englische Ge-; sandte in Konstantinopel hat einen energischen Protest dagegen erhoben, daß englischen Juden bei der Landung in Jaffa Schwierigkeiten , gemacht werde. Die Pforte hat hierauf den Gouverneur von Jerusalem angewiesen, alle derartigen Maßregeln zu verbieten. — Die Zahl der jüdischen Soldaten im letzten amerikanischen Kriege übersteigt noch die Zahl von 4000. Unter den amerikanischen Freiwilligen, , die bei dem Sturm auf Manila fielen, war ein Jude, Sergeant Maui riee Sueth, vom ersten Kalifornischen Freiwilligen - Regiment, das erste Opfer. — In den Südstaaten von Amerika befinden sich auch einige jüdische Neger. Einer darunter, Salomon Williams aus Reading, war kürzlich in New-Uork. Es sind dies Nachkommen von Negern, die in der Sklavenzeit in jüdischen Familien lebten und deren Kinder dann in der jüdischen Religion erzogen wurden. Druck und Verlag von Ruvolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.