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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-02 · Heft 48 (2.12.1898) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 48 (2.12.1898)
Date
1898-12-02
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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576 hatte, theils sich mit Marie freuend, theils fürchtend, daß dieses Ereigniß seinen schönsten Hoffnungen ein Ende machen würde. Von Furcht und Erwartung geängstigt, folgte er dem Arzt in ein Seitengemach. wo ihn dieser mit folgenden Worten anredcte: „Es ist Zeit, mein wackerer Wilibald, daß ich Dir die Räthsel löse. Meiner Väter Gott hat mich gesegnet und meinen Wunsch erfüllt. Ich habe jetzt keinen mehr als den, die Deinigen zu krönen, und das wird auch gelingen. Doch zuvor höre: Mariens Vater ist jener Faust, derselbe Mann, dem die Wiffenden aller Nationen so viel verdanken, weil er das von Guttenberg gesäete Korn hegte, daß es kräftig aufschoß und gedieh. Aber zu jener Zeit, als es zu keimen begann, hatte der Mönche Neid eifrig gearbeitet, die Wurzel zu untergraben, damit die junge Pflanze verkümmere. Da verbanden sich dreißig wackere, in Künsten und Wiffenschaften wohlerfahrene Männer jedweden Standes und Glaubens zu eineni festen und geheimen Bunde, die edle Buchdruckerkunst trotz Klerisei und Neid nach allen Kräften zu befördern. Unter Jenen war auch ich, desien Streben vorzüglich dahin ging, durch den Druck der Schriften der Väter meines Glaubens auch unter meinem Volk jenes Unternehmen in die Höhe zu bringen. Meine Kenntnisse der geheimeren Kräfte der Natur hatten mir im Ausland einen größeren Ruf gemacht, als ich ihn je verdiente, und so ward ich bald darauf als Leibarzt zu Karl VII. nach Paris berufen. Auf meinen Rath folgte mir Faust kurz nachher dahin, wo er seine gedruckten Bibeln zu einem Preise verkaufte, der Erstaunen und da-7durch Neid und Haß erregte; und hier schlossen wir der Freundschaft heiligsten Bund. Während dieser Zeit starb seine geliebte Gattin, ihm Marie als einziges Unterpfand ihrer Liebe hinterlaffend. Jene Leute, die ihm seine Bibeln als Manuskripte abgekauft hatten und, als sie erfahren, daß sie das Werk einer neuen Erfindung, von neidischen Mönchen aufgehetzt, unzufrieden mit dem Preise waren, verfolgten ihn, und er mußte sich durch eilige Flucht retten. Unbekannt, wie jeder Sterbliche, mit dem, was das Schicksal über ihn verhänge, übergab er mir Marie, sie zu erziehen bis in -ihr achtzehntes Jahr, denn bei mir suchte man Fausts Tochter, die Christin, nicht. Wenn ich dann einen Mann gefunden, der ihrer würdig sei, gelehrt und kräftig, das begonnene Werk zu unterstützen, einen Mann, der sie liebe und von ihr geliebt werde, solle ich sie ihm zur ehelichen Hausfrau geben und mit ihr seine ganze Hinterlaffenschast, falls ihn, den Vater, der Allmächtige zu sich gerufen. Gottlob, er lebt noch und mag jetzt selbst entscheiden, ob ich würdige Aussaat bringe für die dreimal Zehn." „Er hat entschieden," sagte Faust, mit Marie eintretend: „mein erstes Werk sei, meiner Tochter Glück zu gründen, daß es fest stehe auf Erden. Nimm sie hin und komm' an meine Brust, mein herzlieber Eidam!" Und Wilibald that, wie ihm geheißen ward. An des Vaters Brust ruhten Sohn und Tochter. Der treue Freund stand gerührt zur Seite. „Jetzt wirst Du mir wohl alle Täuschung vergeben," sagte Jbn Wakar." So wie meine Reise nach Spanien, war auch der Bannfluch erdichtet. Obgleich Mardochai Jaffe im zelotischen Eifer mich ausgestoßen sehen wollte, ließen doch der Gemeinde Häupter nicht von mir, als ich ihnen die Beweggründe meiner Handlungsweise klar darlegte. Ich mußte Dich streng prüfen, aber Du bestandest." „Verdiene ich denn ein solches Glück!" rief Wilibald freudetrunken aus. „Wohl verdienst Du es," erwiederte Jbn Wakar. „Du glaubtest an das Gute und thatest es. Glauben und Streben nach dem Guten aber verbindet alle wahren Menschen; denn es kommt von einem Gott, der der Eine, Große bleiht und seinen Tempel hat in ihren Herzen, gleichviel, ob sie den Altar nach Osten oder Westen richten." Die Juden in Wien. Anläßlich der Parlaments-Debatte über die pestfälle in Wien. giebt es wirklich kein Entrinnen Aus dieser ganzen Qual und Noth? Sind alle Menschen denn von Sinnen? Harrt unser auch der schwarze Tod? „Tod allem Edlen, allem Schönen", So lautet jetzt das Feldgeschrei, Ein jeder Bube darf uns höhnen. Der Jude ist ja vogelfrei! Wir sehen Euch voll Angst erschauern Bor jener schwarzen Riesenfaust, Bedenkt doch, daß in unfern Mauern, Längst eine böse Krankheit haust. Vor der man nicht so leicht sich flüchtet. Und die uns nicht so rasch entläßt. Sie heißt —- Ihr selbst habt fie gezüchtet Verleumderische Beulenpest. Sie trägt der Hölle düstere Farben Auf ihrem sieggewohnten Lauf, Drückt blut'ge Maale, tiefe Narben Dem scheidenden Jahrhundert auf. Mit Staunen sieht man sich erneuen Den mittelalterlichen Spuk, Doch nicht der Leib braucht ihn zu scheuen. Wir seufzen unter geistigem Druck. Man schleifet durch den Koth der Gassen, Der Geistessürsten Hermelin, Bist du so ganz vernunftverlassen. Mein sonst so aufgeklärtes Wien? Doch, wer kann dem die Macht entreißen. Der mit gemeinen Waffen ficht? Wird es bei uns denn niemals heißen Wie in Paris — „Es werde Licht"? 0. K. 0 Von einem Freunde unseres Blattes geht uns das obige Gedicht zu, welches eine den besten jüdischen Kreisen in Wien angehörende Dame zur Verfasserin hat. Die Red. Fitterarische Mittheilungen. --Zur Aufführung in jüdischen Vereinen, zu Schulvorträgen re. wärmstens empfohlen sei das soeben im Verlage der Adolf Mottek'schen Buchhandlung in Schneidemühl erschienene „Festspiel" „Israels Sendung". Handelnde Personen: „Klio", die Muse der Geschichte, Israels Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In schöner, schwungvoller Sprache fließen die Verse der Dichtung. Die ganze gewaltige Geschichte unseres Volkes zieht in ihren Hauptphasen an unserem Geiste vorüber und frohe Verheißung bietet die „Zukunft". Das schmucke Büchlein ist auch als kleines Gelegenheitsgeschenk und Schulprämie wohl geeignet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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