Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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575 „Warum?" murmelte der Edomiter, von diesem Gedanken niedergedrückt. „Es ist eine thörichte Empfindung, es trieb mich der Schmerz hierher, aber nicht davon will ich sprechen. Edoms Angstschrei trieb mich her, ach Nasmi, Edom forscht weinend nach seinem gesunkenen Stern!" Das Mädchen zitterte und blickte den Krieger mit zweifelhaften Augen an, während seine Wangen wieder erbleichten. Seine Lippen murmelten Worte, aber Reson hörte sie nicht. „Siehe, Tochter Edoms," fuhr der Edomiter gramvoll fort, „ein ungerechtes Schicksal hat Dich in die Hände Salomos gegeben, aber wenn Du unglücklich bist, so will ich herführen ganz Edom, und alle Kinder Deines Landes werden Deinen Kerker brechen und Dich den Händen Salomos entreißen." „Mich den Händen Salomos entreißen?" stammelte Sulamith und wich zurück. Der Edomiter gewahrte diese Bewegung. Er wußte sie zu deuten. Sein Herz, seine Zunge verlor die Kraft, weiter zu sprechen. Er trat zurück und verhüllte sein Angesicht. Das Mädchen blickte ihn mit einer gewiffen Angst an. Dann mischte sich Verlegenheit, Scham, Mitleid mit jener Empfindung. „Was willst Du von mir?" fragte sie endlich mit sanfter Stimme. Der Edomiter wandte sich zu ihr und blickte sie mit leidenschaftlichen, traurigen Augen an. „Siehe, Edom hat seinen Stern verloren!" sagte er klagend und leise. „Auf den Bergen Serr und an den Küsten des Meeres klagen sie ob seinem Niedergang! Wir meinten, Edom frei zu machen und seinen Stern zu erheben, daß er die Sonne von Zion überstrahle. Er ist untergegangen, und die Töchter Edoms klagen um ihn. Nasmi heißt Sulamith und hat Edom vergessen! Und wir werden immerdar klagen an den Küsten des Meeres!" Aus den Augen des Mädchens stürzte ein Thränenstrom. Sie rang angstvoll und leidenschaftlich die Hände. „Was soll ich thun für Edom?" rief sie traurig. Die Augen Resons blitzten voll Hoffnung empor. „Flieh mit mir aus diesen Gärten, aus dieser Stadt! Komm nach Edom! Stern meines Volkes, Nasmi, mein holder, geliebter Stern! Ach, laß uns fliehen! Fort von Salomo und den Kindern Israels!" „Fort von Salomo!" rief das Mädchen, und seine Thränen stockten augenblicklich, während seine Wangen von dunkler Glutb überflogen wurden. Dann trat sie zurück und blickte Reson mit fast zornigem Ausdruck der Augen an. „Du willst hier bleiben?" sagte dieser leise und traurig. „Ich liebe Salomo, und Salomo liebt mich, und Sulamith ist glücklich!" Das Mädchen druckte beide Hände auf den Busen und blickte mit Zügen voll strahlenden, dankbaren Glückes zum Himmel empor, als wolle sie mit so schwärmerischer Empfinduug den mächtigen Geber des Glückes ehren. Der Edomiter sah dies Angesicht und wandte sich ab. Es folgte eine lange und tiefe Pause. „Leb wohl!" sagte Reson plötzlich und wandte sich, zu gehen. Das Mädchen erbebte. „Reson zürnt mir?" fragte sie sanft und mit zitternder Stimme. Die Seele ResonS ging über in Mitleid, Liebe und unsäglichem Schmerz. „Nein, Stern von Edom!" rief er leidenschaftlich. „Wer dürfte Dir zürnen?" Denn Deine Seele ist rein und voll rührender Unschuld. Aber dies brachte uns ein unglückliches Geschick! O, bleibe glücklich, träume sorglos unter den Palmen Salomos, Du hast keine Schuld, daß Edom unter bett. Tritten des Siegers wimmert! Ach, es ist meine Heimath, und darum wohl brennt dieser Schmerz in meiner Brust. Du sähest fröhliche, sorglose Jahre im fremden Land, Du hast Edom nicht lieben gelernt! Meine Heimath! Meine verlassene, verrathene Heimath! Bleibe glücklich, gefallener Stern! Weh' mir, daß meine Thränen fließen ob Deinem Glücke! Bleibe glücklich, Du trägst keine Schuld! Und diese Thränen, nein, sie fließen nicht Deinem Glück, sie fließen nicht dem Gram meiner Seele, sie stießen dem Volk, das mich geboren, meiner verlassenen, verrathenen Heimath!" Der Edomiter wände sich heftig ab und eilte fort. Er war lange verschwunden, als Sulamith ihm noch immer uachstarrte. (Forts, folgt.) Aas Geheimnis. Historische Erzählung von A. Stern. VIII. /^^F^hne sich in dem damals blühenden Frankfurt am Main, das Jbn Wakar überdies seines Bannes wegen, wie er sagte, vermeiden mußte, aufzuhalten, eilten sie nach Mainz. Wir kehren in keiner Herberge ein," sagte er vor dem Thor zu seinen Begleitern, „denn wir sind am Ziel." „Ihr scheint hier bekannt zu sein?" forschte Wilibald. Aber der Greis antwortete nicht, sondern führte seine beiden Lieblinge mit freudigem, gleichsam leuchtendem Antlitz schweigend durch die engen, dunklen Gassen, bis er vor einem großen, finster aussehenden Hanse still hielt. Ehe er die Schwelle betrat, sah er dankbaren Blickes nach oben und sagte fromm: „Sei gesegnet, Du Gott Abrahams, der Du Deinen Knecht leitest zu den Thoren des Wohlthuns und den Hallen der Vergeltung!" Dem ungeduldigen Wilibald schwebten neue Fragen auf der Zunge, doch als er sah, daß Jbn nicht geneigt sei, zu antworten, folgte er ihm mit Marie schweigend in das Haus. Auf dem Flur empfing sie ein bejahrter Diener, der, als Jbn ihn anredete: „Sei gegrüßt, treuer Heinrich!" vor Entzücken außer sich geriet!) und mit den Worten: „Meister Wakar!" ihm um den Hals fiel. „Endlich seid Ihr da!" sagte er. „Es ist ein Brief gekommen von Werner Wyttenbach aus Nürnberg; der Herr weiß sich vor Ungeduld nicht zu lassen und hat schon dreimal nach der Drususpforte geschickt, um zu erfahren, ob Ihr noch nicht eingetroffen wäret." Während dieser Worte war er ihnen mit fast jugendlicher Schnelligkeit vorausgeeilt und ließ sie, ihnen freudig zitternd die Thür öffnend, in ein hohes Gemach treten, in dem hinter einem mit Büchern und Schriften beladenen Tisch ein bejahrter Manu saß. der bei des Dieners Ausruf: „Da sind sie!" ihnen mit froher Hast - entgegenschritt und mit offenen Armen auf Jbn Wakar zutrat. Es war Johann Faust. „Die Liebe geht vor, Johannes," sagte Jbn Wakar; da ist Deine Marie; ich bringe sie wieder, wie ich sie von Dir empfangen, rein, gut und dankbar. Sieh', Marie, das ist Dein wahrer Vater!" Weinend flog das Mädchen diesem an die Brust. Des Vaters Thränen vermischten sich mit denen der Tochter, und schweigend standen Beide in unaussprechlicher Rührung da. Während sich die Wiedervereinten umarmten, winkte Jbn Wakar dem Wilibald, der sich verlegen und fremd in eine Ecke zurückgezogen